Krankenhausreport 2012: Prostatakrebs-Kranke sind nach OP häufig impotent

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Illustration einer vergrößerten Prostata: Erektionsprobleme nach der Operation Zur Großansicht
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Illustration einer vergrößerten Prostata: Erektionsprobleme nach der Operation

OP mit schweren Nebenwirkungen: Viele Patienten mit Prostatakrebs sind nach dem Eingriff impotent oder inkontinent. Das zeigt der neue Barmer GEK Krankenhausreport. Dabei sind solche Operationen oft überflüssig.

Wenn der Tumor herausgeschnitten ist, fängt für viele Prostatakrebs-Patienten das spürbare Leid oft erst an: 70 Prozent klagen nach dem Eingriff über Erektionsprobleme, 53 Prozent haben weniger Interesse an Sex, 16 Prozent werden inkontinent. Das ist das Ergebnis des Barmer GEK Krankenhausreports 2012, den die Krankenkasse am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt hat.

"Angesichts dieser Befunde ist es nicht erstaunlich, dass nur die Hälfte der Männer im Nachhinein mit der Behandlung ihres Prostatakarzinoms uneingeschränkt zufrieden ist", sagt Studienautorin Eva Maria Bitzer vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover. Der Bericht über das Schwerpunktthema Prostatakarzinom, für den rund 1000 Patienten befragt wurden, macht erneut klar, dass die beste Therapie bei Prostatakrebs keinesfalls immer eine Operation ist. Denn nur einige Tumoren wachsen so aggressiv, dass sie unbehandelt schnell zum Tod führen. Das Alter der Betroffenen spielt zudem eine wichtige Rolle für die Prognose - viele Männer sterben nicht etwa an, sondern mit ihrem Prostatakrebs.

Ein Tumor in der Prostata ist vor Darm- und Lungenkrebs die häufigste Krebserkrankung des Mannes und laut dem Bericht "Krebs in Deutschland 2007/2008" des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland (Gekid) für mehr als 25 Prozent aller Krebs-Neuerkrankungen in Deutschland verantwortlich. Laut GEK-Report ist die Zahl der Männer, die im Krankenhaus wegen eines Prostatakarzinoms behandelt werden, von 1994 bis 2010 von 14,7 auf 20,9 Fälle je 10.000 Männer gestiegen. Allerdings lässt sich diese Zunahme um rund 40 Prozent durch den Alterungseffekt der Gesellschaft erklären. Rechne man diesen heraus, so bleibe die Zahl der stationär behandelten Fälle in 18 Jahren unverändert, heißt es in dem Report.

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Krankenhausreport 2012: Die wichtigsten Zahlen und Statistiken
Operation rettet nicht immer Leben

Im Vergleich zu den USA jedoch werden hierzulande deutlich mehr Männer operiert: In den USA nahm die altersbereinigte Zahl von 1997 bis 2004 von 7,9 Fällen auf 5,6 Fälle pro 10.000 Männer ab. Und die Kluft dürfte sich noch vergrößern: 2011 hat das US-Gesundheitsministerium entschieden, das sogenannte PSA-Screening, bei dem das prostataspezifische Antigen (PSA) im Blut eines Mannes untersucht wird, für gesunde Männer wieder abzuschaffen.

Seit Jahren führen Ärzte und Epidemiologen eine hitzige Debatte über den Nutzen der Früherkennungsuntersuchung. Überschreitet der PSA-Wert eine definierte Grenze, ist die Prostata vermutlich verändert. Ob durch einen Tumor, eine gutartige Vergrößerung oder eine Entzündung - darüber trifft der Test keine zuverlässige Aussage. Ein wichtiger Kritikpunkt für Gegner des Screenings ist zudem, dass der Test auch auf frühe Stadien von Tumoren aufmerksam macht, die dem Betroffenen möglicherweise nie Probleme bereitet hätten, ihn aber durch die Entdeckung zum Krebspatienten machen - Gewebeuntersuchung, Operation, Bestrahlung und mögliche Folgeerkrankungen inklusive.

Eine aktuelle Studie aus dem "New England Journal of Medicine" zeigt, dass Männer mit einem örtlich begrenzten Prostatakarzinom nicht von einer Operation profitieren: US-Forscher hatten für ihre Untersuchung zwei Gruppen von Krebspatienten mit vergleichbarem Ausmaß ihrer Krankheit zehn Jahre lang verglichen. Die Männer der ersten Gruppe wurden operiert, die der zweiten nur beobachtet. Nach zehn Jahren war die Zahl der Todesfälle in beiden Gruppen ähnlich hoch.

81 Prozent der Operierten jedoch waren nach dem Eingriff impotent, in der Kontrollgruppe hingegen waren es 44 Prozent. Auch andere Komplikationen wie Inkontinenz oder Blutungen waren in der Operationsgruppe deutlich häufiger. Der Hamburger Urologe Hartwig Huland sagte zu den Ergebnissen im aktuellen SPIEGEL: "Für mich ist die Studie zu früh veröffentlicht. Prostatakrebs wächst so langsam, dass sich ein Nutzen der Operation meistens erst nach 15 Jahren zeigt."

Mehr schonende Operationstechniken

Ein positiver Trend ist laut dem Report der Barmer GEK jedoch, dass immer häufiger nerven- und gefäßschonende Operationstechniken zum Einsatz kommen. Wurden 2005 nur 30 Prozent der sogenannten radikalen Prostatektomien so operiert, dass die für eine Erektion und die Kontinenz wichtigen Gefäße und Nerven geschont wurden, sind es aktuell 55 Prozent.

Fast jedem zweiten Krankenhauspatienten mit Prostatakrebs wurde Hochrechnungen zufolge 2011 die Vorsteherdrüse in einer offenen Operation entfernt. Daneben gab es rund 10.000 minimal-invasive Eingriffe, 2000 Chemotherapien und 3000 sogenannte Brachytherapien, bei der radioaktive Strahlenquellen - sogenannte Seeds - in der Prostata platziert werden. Für die stationäre Versorgung von Patienten mit Prostatakrebs zahlten die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2011 rund 364 Millionen Euro.

Der Krankenhausreport der Barmer GEK analysiert anhand der Versichertendaten, wie die stationäre Behandlungssituation in Deutschland aussieht. Der Trend zeigt, dass immer mehr Menschen im Krankenhaus therapiert werden, sich gleichzeitig aber auch die Liegezeiten deutlich verkürzen. Während ein Krankenhausaufenthalt 1992 im Durchschnitt noch 13 Tage dauerte, verlässt ein Patient heute schon nach 8,4 Tagen die Klinik wieder. Außerdem wird deutlich, dass die Zahl der Behandlungstage aufgrund von psychischen Erkrankungen ungebrochen zunimmt.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. die Betroffenen
einsteinalbert 24.07.2012
werden sehr oft nur unzureichend über die entstehenden Risiken aufgeklärt. Selbst eine einfache " Abhobelung " der Prostata kann bzw. hat bei der Mehrzahl der Operierten unangenehme Nebenwirkungen. Dabei ist die möglicherweise eingeschraenkte oder nicht mehr vorhandene " Standhaftigkeit " - sprich erektile Disfunktion - noch das kleinere Übel, insbesondere bei Patienten im fortgeschrittenen Alter. Es ist dabei ziemlich egal nach welcher Methode operiert wurde. Folgeschäden sind nicht auszuschliessen. Ein kluger Arzt hat einmal postuliert : Wenn erektile Disfunktion und Inkontinenz als ärztliche Kunstfehler klassifiziert werden könnten, dann gäbe es schlagatig vermutlich nur die Hälfte der Prostata-Operationen. Damit hat er wohl uneingeschraenkt recht. Wie ein Betroffener mit der Krankheit umgeht und welche Möglichkeit der Behandlung er als optimal ansieht, bleibt immer seine ureigenste Entscheidung. Diese kann ihm auch niemand abnehmen.
2. Cui bono? Die Krankenkassen
dunnhaupt 24.07.2012
Der letzte Abschnitt verdeutlicht den Grund, weshalb neuerdings laufend derartige Warnungen vor Prostata-Operationen in die Presse geschleust werden: Die Krankenkassen versuchen, ihre Kosten zu reduzieren.
3. Gut so
nobby_l 24.07.2012
Zitat von dunnhauptDer letzte Abschnitt verdeutlicht den Grund, weshalb neuerdings laufend derartige Warnungen vor Prostata-Operationen in die Presse geschleust werden: Die Krankenkassen versuchen, ihre Kosten zu reduzieren.
Denn das ist in unser aller Interesse. Wir müssen uns vom Zwang frei machen, möglichst viel wieder aus den Krankenkassen herauszuholen. Und wenn ich bei meinem Ableben den Gegenwert eines kleinen Reihenhauses bezahlt haben werde, bin ich trotzdem froh um jeden Arztbesuch, den ich nicht machen musste. Wir machen zu oft aus gesunden Menschen Patienten.
4.
kibbs 24.07.2012
es muss dann wohl jeder für sich entscheiden was einem wichtiger ist,eine erektion oder noch ein paar jahre mehr leben.klar die möglichen komplikationen dieser op sinda mega sche...., aber frühzeitig zu sterben ist finde ich auch nicht viel besser.
5.
kumi-ori 24.07.2012
In diesem Artikel wurde nicht erwähnt, dass bei frühen Stadien meistens auch eine Bestrahlung ausreicht. Und die hat deutlich weniger Nebenwirkungen. Deshalb können Vorsorge-Untersuchungen durchaus auch Vorteile bringen.
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Prostatakrebs
Häufigkeit
Prostatakrebs ist die häufigste bösartige Tumorart bei Männern in Deutschland. Jedes Jahr erkranken mehr als 60.000 Männer neu daran, rund 12.000 sterben im gleichen Zeitraum an den Folgen. Das mittlere Erkrankungsalter liegt derzeit bei 69 Jahren. Vor dem 50. Lebensjahr tritt dieses Karzinom sehr selten auf, und bei jungen Männern ist die Erkrankung unbekannt.
Behandlung
Die Behandlung des Krebses ist abhängig vom Befund, dem Alter des Patienten und dessen Wunsch. Die klassische Operation mit kompletter Entfernung der Prostata wird heute in vielen Kliniken mit verschiedenen Techniken durchgeführt. Die Heilungsrate liegt, abhängig vom Tumorstadium, bei 80 bis 90 Prozent.

Alternativ kann die Prostata auch bestrahlt werden. Mögliche Nebenwirkungen sowohl von OP als auch von Bestrahlung sind Impotenz und Inkontinenz. Bei fortgeschrittenem Karzinom wird die Produktion der männlichen Geschlechtshormone in den Hoden medikamentös unterdrückt. Die Heilungsrate ist nach Expertenangaben aber sehr niedrig.