Prostatakrebs Beobachten ist ähnlich gut wie eine OP

Was tun, wenn Prostatakrebs diagnostiziert wurde? Laut einer Studie ist die Tendenz klar: Regelmäßige Kontrolluntersuchungen führen zu einer ähnlichen Überlebensrate wie eine Therapie - und haben weniger Nebenwirkungen.

Prostatakrebs (Illustration)
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Prostatakrebs (Illustration)


Wenn bei Männern eine Prostatakrebserkrankung festgestellt wurde, reicht oft aktive Beobachtung aus. Eine Operation muss nicht unbedingt sein, denn bei vielen Männern verursacht der Tumor keine weitreichenden Beschwerden. Das berichten Forscher im "New England Journal of Medicine".

Die Wissenschaftler haben Daten von 1643 Prostatapatienten ausgewertet, die zwischen 1999 und 2009 erfasst wurden. Die Probanden waren zwischen 50 und 69 Jahre alt. Es zeigte sich, dass zehn Jahre nach der Diagnose insgesamt 17 von ihnen an Prostatakrebs gestorben waren. Insgesamt war die Chance, diese Zeit zu überleben für die Patienten also hoch - und das weitgehend unabhängig von der Behandlungsform.

Die untersuchten Therapiemöglichkeiten waren die operative Entfernung des Tumors, eine Bestrahlung oder die aktive Beobachtung. Von den 17 verstorbenen Patienten gehörten acht zur Gruppe der aktiv Beobachteten, fünf zur Gruppe der Operierten und vier zur Gruppe der Bestrahlten. In der Gruppe der aktiv Beobachteten gab es zwar ein erhöhtes Risiko der Metastasenbildung. Diese wirkte sich aber kaum auf die Sterbewahrscheinlichkeit aus, berichten die Forscher.

Beobachten hat weniger Nebenwirkungen

"Diese Studie weist darauf hin, dass die aktive Beobachtung für Männer mit lokalisiertem Prostatakrebs keine sonderliche Gefahr bedeutet", sagte der Genetiker John Burn von der Universität Newcastle in Großbritannien, der nicht an der Studie beteiligt war. "Außerdem werden die möglichen schädigenden Auswirkungen der Chirurgie auf die sexuelle Aktivität und die inneren Organe vermieden."

Prostataoperationen und Bestrahlungen bergen das Risiko von Inkontinenz und Erektionsstörungen.

In Deutschland ist Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) diagnostizieren Ärzte jährlich etwa 63.700 Neuerkrankungen. Betroffene haben insgesamt eine vergleichsweise gute Prognose: Laut dem Zentrum für Krebsregisterdaten des RKI überleben in Deutschland 91 Prozent der Erkrankten die ersten zehn Jahre nach der Diagnose.

Umstrittene Früherkennung

Typischerweise tritt Prostatakrebs in fortgeschrittenem Alter auf, die meisten Neuerkrankungen werden bei Männern über 70 festgestellt. In Deutschland sieht das gesetzliche Früherkennungsprogramm ab einem Alter von 45 Jahren jährlich eine Tastuntersuchung vor. Der sogenannte PSA-Test, bei dem im Blut nach Hinweisen auf einen Tumor gesucht wird, ist dagegen umstritten, die Kosten werden nicht von den Krankenkassen übernommen.

Das Problem: Laut der Deutschen Krebsgesellschaft würden etwa die Hälfte der mit dem PSA-Test entdeckten Wucherungen niemals Beschwerden verursachen. Einmal diagnostiziert, muss dennoch über die Behandlung entschieden werden - mit allen Nebenwirkungen für die Psyche und, im Fall einer Therapie, den Körper des Betroffenen.

Auch ein von der US-Regierung beauftragtes Expertengremium hat 2012 empfohlen, die dort durchgeführten Reihenuntersuchungen für das Prostata-spezifische Antigen PSA einzustellen. Patienten in Deutschland sollten sich gründlich informieren, bevor sie den Test machen lassen.

jme/AFP

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