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Zu wenig Männer: Urologen streiten über größte Prostatakrebs-Studie

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Ärzte besprechen einen Eingriff an der Prostata: Urologen streiten über Kosten und Nutzen der "Prefere"-Studie Zur Großansicht
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Ärzte besprechen einen Eingriff an der Prostata: Urologen streiten über Kosten und Nutzen der "Prefere"-Studie

7600 Männer, Laufzeit bis 2030, Kosten 25 Millionen Euro: Deutschlands größte und ambitionierteste Untersuchung zur Behandlung von Prostatakrebs steht auf der Kippe. Bisher machen zu wenig Männer mit.

"Laufen Sie, so schnell Sie können, wenn Sie einen Urologen sehen!" Es war 1978, als der Chirurg Julius Hackethal mit diesem Satz die Fachärzte für Nieren-, Blasen- und Genitalerkrankungen gegen sich aufbrachte und die Debatte um Nutzen und Schaden der Früherkennung von Prostatakrebs anheizte.

Fast 40 Jahre später scheint es nicht viel besser zu sein: Über die Frage, wie intensiv bei Männern ohne Beschwerden nach einem möglichen Krebs in der Vorsteherdrüse gesucht und wie Prostatakrebs behandelt werden sollte, wird immer noch heftig gestritten. Auslöser diesmal: "Prefere", eine der größten und teuersten Krebsstudien, die in Deutschland je in Angriff genommen wurden. 7600 Männer sollen bis 2030 untersucht und behandelt werden - für 25 Millionen Euro.

Kritik an der Studie gab es schon bei der Planung vor dem offiziellen Start im Januar 2013. Nun steht das Großprojekt gar auf der Kippe, weil bisher viel weniger Teilnehmer gefunden wurden als geplant: In einem Jahr nur etwa 220 Männer - nötig wären etwa 1900 pro Jahr. Viele der rund hundert beteiligten Studienzentren haben noch gar keine Patienten rekrutiert, viele nur weniger als zehn, der beste Wert sind bisher 17 Patienten aus einem Zentrum.

Von "einem Akzeptanzproblem" spricht Oliver Hakenberg, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU). Das ist vornehm ausgedrückt: Tatsächlich fliegen in der Szene regelrecht die Fetzen, schon beim Start 2013 sahen sich die Studienleiter zu einer Verteidigung mittels einer Stellungnahme veranlasst.

Ein Problem der "Prefere"-Studie: die zufällige Einteilung der Patienten in die verschiedenen Therapiegruppen (Details siehe Kasten unten). Doch Krebspatienten falle es offenbar schwer, die Behandlungsentscheidung "mehr oder weniger dem Zufall zu überlassen", sagt Axel Schroeder, Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Urologen (BDU). Gleichwohl hält er die Fragestellung von "Prefere" weiterhin für aktuell.

Kritiker von "Prefere" argumentieren, die Studie sei unnötig, schlecht konzipiert und somit Geldverschwendung: Die Frage, welche der vier bestehenden Therapien bei einem frühen Prostatakrebs die beste ist, sei zum Teil in anderen Studien bereits beantwortet. Teils hätten die Studien zudem gezeigt, dass die Unterschiede in den Ergebnissen zwischen den verschiedenen Therapieoptionen gering sind - und dass es schwer ist, genügend Patienten dafür zu gewinnen.

Studienleiter Thomas Wiegel dagegen betont, es sei nicht bewiesen, ob eine der vier Therapiemöglichkeiten den anderen überlegen sei. Alle anderen Untersuchungen hätten Schwächen, die klare Schlussfolgerungen unmöglich machten. "Welche Option die beste ist, ist nicht klar. Das müssen wir ehrlich kommunizieren." Das sei auch die Aussage der neuen Leitlinie der Europäischen Urologengesellschaft EAU. "Dass eine Studie so angegriffen wird, ist in höchstem Maße ungewöhnlich, das hat viele Urologen verunsichert."

Nicht ausreichend aufgeklärt

Genau hier liegt das Problem: Die Behandler in Klinik und Praxis sollen Patienten auf die Studie ansprechen und sie dafür gewinnen. Die Deutsche Krebshilfe als Finanzierer kritisiert, "zahlreiche Betroffene" seien nach der Diagnose eines Prostatakarzinoms im frühen Stadium weder darüber informiert worden, dass die Frage der besten Behandlungsmethode nicht geklärt sei, noch seien sie auf die "Prefere"-Studie angesprochen worden.

"Das ist nicht in Ordnung. Und dann kann eine solche Studie nicht funktionieren", sagt Geschäftsführer Gerd Nettekoven. Er fordert deutliche Unterstützung von den Urologen für "Prefere". Sonst werde es "wohl kaum möglich sein, diese wichtige Studie weiter zu finanzieren". Wenn die Patientengewinnung weiter so schleppend läuft, könnte das Vorzeigeprojekt zu Ende sein, bevor es richtig begonnen hat.

Die Urologen fühlen sich zu Unrecht angegriffen. "Viele niedergelassene Kollegen wollen ihre Patienten nicht zu einer Studie überreden, von deren Sinn sie nicht überzeugt sind", sagt Walther Grohmann, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Uro-News". Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU), sagt Oliver Hakenberg, unterstütze die Studie. "Aber die Zeitplanung muss man deutlich strecken."

Prostata raus - oder aktiv überwachen?

Diagnose Krebs - Prostata raus: So läuft es meistens in Deutschland. Es wird fünfmal mehr operiert als bestrahlt. Die sogenannte radikale Prostatektomie ist die häufigste Operation in der uro-onkologischen Therapie. Das andere Extrem ist die vierte Therapieoption: die aktive Überwachung des Tumors.

Die Debatte um Studien ist zur Krise eines ganzen Fachbereiches geworden: Die Glaubwürdigkeit der Urologie stehe auf dem Spiel, sagt Grohmann. Der BDU schlägt als Kompromiss eine Umstrukturierung der Studie ohne Zufallseinteilung vor. Das aber, sagt Hakenberg, würde die Studie abwerten. "Man kann es nur beenden oder Zeit nachschießen."

DIE "PREFERE"-STUDIE

Die Abkürzung "Prefere" steht für "Präferenzbasierte randomisierte Studie zur Evaluation von vier Behandlungsmodalitäten bei Prostatakarzinom mit niedrigem und frühem intermediären Risiko". Das bedeutet: Es werden die Behandlungsoptionen für Patienten mit einer Frühform von Prostatakrebs untersucht.
Dabei geht es um vier Möglichkeiten:

  • • operative Entfernung der Prostata (radikale Prostatektomie)
    • Bestrahlung von außen (perkutane Strahlentherapie)
    • Bestrahlung mit implantierten Strahlungsquellen (permanente Seedimplantation oder Brachytherapie)
    • Aktive Überwachung (Therapie nur bei fortschreitendem Tumor)

  • Alle vier Möglichkeiten werden in der deutschen Leitlinie und auch international empfohlen. Allerdings lieferten die Studien bisher keine Antwort darauf, welche Variante am meisten nützt und am wenigsten schadet. Die "Prefere"-Studie soll diese Frage klären. 7600 Patienten sollen innerhalb der ersten vier Jahre seit dem Start 2013 rekrutiert und in rund hundert Prüfzentren nach dem Zufallsprinzip einer der vier Therapieoptionen zugeteilt werden. In der Wissenschaftssprache ist die Studie damit multizentrisch und randomisiert.

  • Weil die Optionen von Radikal-OP bis Abwarten weit auseinander liegen, kann jeder Teilnehmer vor der Zufallseinteilung bis zu zwei Optionen abwählen. Die Patienten werden in zertifizierten Krebszentren behandelt und erhalten eine Zweitbegutachtung der Gewebeprobe, was sonst mehrere hundert Euro kostet. "Prefere" soll für alle Therapien die Lebensqualität sowie das sogenannte prostatakarzinomspezifische Überleben erfassen. Jeder Teilnehmer soll über mindestens 13 Jahre nachbeobachtet werden.

Finanziert wird die Studie von der Deutschen Krebshilfe und den gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen.
ZUR AUTORIN
  • Heiko Specht
    Tanja Wolf studierte Geschichts- und Politikwissenschaft und arbeitet seit 2002 als Medizinjournalistin in Düsseldorf. Ihr Schwerpunkt ist die Zahnmedizin. Zudem befasst sie sich mit Früherkennung, Evidenz und Patienteninformation.
  • Homepage der Autorin

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insgesamt 31 Beiträge
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1.
kumi-ori 25.03.2015
Warum sollte jemand mit einem Prostatakarzinom im frühen Stadium an einer Studie teilnehmen, in der ihm dann möglicherweise eine in diesem Stadium unnötige Rakikalektomie mit allen Risiken empfohlen wird (die er dann wahrscheinlich doch nicht macht, man kann ihn ja nicht zwingen). Mit einer Protonenbestrahlung kann heute der Tumor abgetötet werden, ohne das umliegende Gewebe zu schädigen. Das ist dohc viel vernünftiger.
2. Die Frage ist,
Deify 25.03.2015
ob das wirklich so teuer sein muss, und dem Zufallsprinzip würde ich mich auch nicht anvertrauen. Es ist doch schon hinreichend aufgeklärt: Untersuchung/Früherkennung ist freiwiliig, und weshalb sollte sie bei der Prostata weniger sinnvoll sein als bei allen anderen Organen? Früherkennung bedeutet immer bessere Heilungsaussichten. Es wird doch zunächst der PSA-Wert und dann ggf. durch Biopsie der Score festgestgellt; ist er nicht hoch, kann über eine Zeit der PSA überwacht werden. Steigt er signifikant an, ist an eine OP zu denken oder wahlweise Bestrahlung, ansonsten eben nicht. Wo liegt das Problem? Bestenfalls bei nicht gut geschulten Ärzten. Also, Männer: Selbst schlau machen!
3. Studien
hubertrudnick1 25.03.2015
Man sollte nicht nur sich an deutsche Studien festhalten, mal über den Tellerrand schauen und in Erfahrung bringen, wie andere Länder damit umgehen. Und das tat ich auch, als man bei mir ein Prostatakarzinom festgestellt hat. Deutsche Ärzte wollen möglichst schnell operieren und alles rausnehmen, denn man verdient daran vielleicht zu viel, nur die Nebenwirkungen werden zu oft außer acht gelassen. Ich habe seit 5 Jahren ein Prostatakrebs und stehe nur unter der Kontrolle, lebe dementsprechend und fühle mich trotzdem noch gut. In den USA hat man bei Toten herausgefunden, dass etliche den Krebs in sich trugen aber daran nicht erkrankt und verstorben sind, man sollte damit nicht immer mit dem Kopf durch die Wand gehen und etwas gelassener herangehen. Der Prostatakrebs entwickelt sich nur sehr langsam, wer zu schnell handeln will, der sollte wissen was er macht und nicht immer geht es nur um die Gesundheit des Patienten, aber Ärzte sollten auch wissen was sie tun. Als man es bei mir festgestellt hatte, da habe ich mich viel belesen und dann darüber mit meiner Urologin und einem Klinkikchef unterhalten und man ist darauf gekommen nicht den allgemeinen deutschen Trott der schnellen OP zu folgen. Und es ist richtig gewesen, denn mir sind die Nebenwirkungen, die viele haben erspart geblieben.
4. erneuter Versuch
karend 25.03.2015
Welcher umfassend (!) über die Tumorerkrankung, die Behandlungsarten und deren Nebenwirkungen aufgeklärte Mann überlässt die Therapie schon dem Zufall? Wie wird da individuell behandelt? Welche Rolle spielt die Lebensqualität des Einzelnen? Kaum vorstellbar, dass ein Mann den Zufall über Potenz und Kontinenz entscheiden lässt.
5. Das richtige Team wählen
wanner-jesteburg 25.03.2015
Meine Erfahrung mit meinem Prostatakrebs ist: 1. Einen erfahrenen Urologen/Onkologen suchen und finden. 2. Dieser sollte nicht selbst operieren sondern mit einer Klinik zusammenarbeiten, die zahlreiche Strahlentherapien/Operationen vorgenommen hat 3. Die Finger von Patientenforen im Internet lassen, die nur verunsichern. Mit diesem Verhalten habe ich meinen Krebs nunmehr fast 20 Jahre überstanden (Entfernung der Prostata-Bestrahlung-wait and see) und werde wohlnoch weitere 8 bis 10 Jahre mit der Hormonblockade-Therapie leben.
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Ärzte für Männerfragen
Urologe
Urologen behandeln Männer und Frauen mit Krankheiten der Nieren, Harnleiter, der Blase und der Harnröhre. Wer als Mann unter Geschlechtskrankheiten, Erektionsproblemen, Prostataerkrankungen oder Funktionsstörungen der Hoden, Samenbläschen und -leiter oder des Penis leidet, ist ebenfalls richtig beim Urologen. Nach einer fünfjährigen, erfolgreichen Facharztausbildung darf sich ein Mediziner Urologe nennen.
Androloge
Dieser Mediziner entspricht am ehesten dem Männerarzt und ist daher vergleichbar mit dem Gynäkologen für Frauen. Der Androloge beschäftigt sich mit Fortpflanzungsproblemen des Mannes und behandelt eine gestörte Hormonproduktion ebenso wie Erektionsprobleme oder Zeugungsunfähigkeit. Auch alle Fragen der Verhütung und des alternden Mannes sind beim Andrologen richtig aufgehoben. Als Androloge darf sich bezeichnen, wer als Urologe, Dermatologe (Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten) oder Internist mit dem Schwerpunkt Endokrinologie (Hormonspezialist) eine entsprechende Zusatzausbildung absolviert hat.
Reproduktionsmediziner
Probleme bei der Fortpflanzung? Der Reproduktionsmediziner weiß vermutlich einen Rat, denn er beschäftigt sich mit allen Fragen der natürlichen und assistierten Fortpflanzung - bei Mann und Frau. Wichtigste Aufgabe ist für ihn zunächst, durch gezielte Diagnostik die Ursache der Störung zu finden. Liegt das Problem beim Mann (ein Drittel der Fälle), bei der Frau (ein Drittel) oder bei beiden (ein Drittel)? Mit Hilfe von verschiedenen Methoden der assistierten Reproduktion wie künstliche Befruchtung oder Spermieninjektion können die Ärzte ungewollt kinderlosen Paaren mitunter helfen.
Endokrinologe
Der Hormonspezialist ist ebenfalls für beide Geschlechter zuständig und kann Männern bei speziellen Hormonstörungen weiterhelfen. Dabei handelt es sich nicht nur um Fragen rund um Testosteron. Das Hormonsystem der Geschlechtsorgane wird über das Gehirn und die Hirnanhangsdrüse ebenso gesteuert wie über die Nebennieren und kann an verschiedenen Stellen aus dem Ruder geraten.

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