Prostatakrebs-Screening Vorsorge mit schweren Nebenwirkungen

Ist die Prostatakrebs-Früherkennung für alle älteren Männer sinnvoll? Laut einer europäischen Studie senkt sie die Zahl der Todesfälle. Doch der Preis ist hoch: Viele Männer werden unnötig behandelt und müssen schwere Nebenwirkungen ertragen.

MRT-Aufnahme des Unterleibs eines Prostatakrebs-Patienten: Die Drüse (gelb-orange gefärbt) ist vergrößert
Corbis

MRT-Aufnahme des Unterleibs eines Prostatakrebs-Patienten: Die Drüse (gelb-orange gefärbt) ist vergrößert

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Etwa 70.000 Männer erkranken in Deutschland im Jahr 2014 an Prostatakrebs - so die Prognose des Robert Koch-Instituts. Damit ist er der häufigste Krebs bei Männern. Mehr als 12.000 sterben jährlich an den Folgen der Tumorerkrankung.

Kann eine für alle Männer angebotene Reihenuntersuchung, ein Screening, die Folgen der Erkrankung in der Bevölkerung abmildern? Dieser Frage geht unter anderem eine europäische Langzeitstudie nach, deren neueste Daten Forscher im Fachmagazin "The Lancet" präsentieren.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Zwar sinkt die Zahl der Prostatakrebs-Todesfälle durchs regelmäßige Screening per PSA-Test. Jedoch kommt es durch die verstärkte Früherkennung auch zu deutlich mehr Krebsdiagnosen. Dabei werden vor allem kleine Tumoren entdeckt. Auf der einen Seite ist das ein Vorteil, weil diese gut behandelbar sind. Auf der anderen ist es ein Nachteil, da manche dieser Tumoren den Männern in ihrem Leben nie Probleme bereitet hätten, weil sie nicht oder nur extrem langsam gewachsen wären oder sich spontan zurückgebildet hätten; Ärzte sprechen in diesem Fall von Überdiagnosen. Die Männer werden infolge der Überdiagnosen oft dennoch bestrahlt, operiert oder müssen Medikamente schlucken. Und einige von ihnen müssen den Rest ihres Lebens mit schweren Nebenwirkungen der Behandlung leben: Impotenz und Inkontinenz.

Mehr als 162.000 Teilnehmer

Im Rahmen der Studie haben die Ärzte Männer bis zu 13 Jahre lang begleitet, zu Beginn wurden die Teilnehmer per Zufallsprinzip entweder in die Screening- oder in die Kontrollgruppe ohne Screening gelost. Den Teilnehmern der Screening-Gruppe wurden alle vier Jahre (in Schweden alle zwei Jahre) ein PSA-Test angeboten. Lieferte der ein verdächtiges Ergebnis, folgte eine Biopsie, um die Diagnose zu bestätigen oder zu entkräften.

162.388 Männer in Finnland, Schweden, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien, Spanien und der Schweiz nahmen an der Studie teil. 13.515 der zu Beginn zwischen 50 und 74 Jahre alten Männer erkrankten in den folgenden Jahren an Prostatakrebs.

Die Zahlen für die Kernaltersgruppe von 55 bis 69 Jahren sehen wie folgt aus:

  • In der Screening-Gruppe erhielten pro Jahr 95 von 10.000 Männern die Diagnose Prostatakrebs,
  • in der Kontrollgruppe erhielten pro Jahr 62 von 10.000 Männern die Diagnose Prostatakrebs.
  • In der Screening-Gruppe gab es im Schnitt 4,3 Prostatakrebs-Todesfälle pro 10.000 Männer pro Jahr,
  • in der Kontrollgruppe waren es 5,4 Prostatakrebs-Todesfälle pro 10.000 Männer pro Jahr.

Anders formuliert: Von 10.000 Männern, die über die Studiendauer zum Screening eingeladen wurden, wurde pro Jahr mindestens einer vor einem frühzeitigen Tod durch Prostatakrebs bewahrt. Gleichzeitig erhielten 33 Screening-Teilnehmer eine Krebsdiagnose, die sie sonst nicht bekommen hätten.

Die Gesamtsterblichkeit unterschied sich nicht zwischen beiden Gruppen. Das hatten die Forscher jedoch gar nicht erwartet - dafür ist Prostatakrebs eine zu seltene Todesursache.

Viele unnötige Behandlungen

"Das PSA-Screening reduziert die Zahl der Todesfälle durch Prostatakrebs deutlich - ähnlich oder mehr als das Mammografie-Screening für Brustkrebs", sagt Fritz Schröder vom Erasmus University Medical Center im niederländischen Rotterdam, der an der Studie beteiligt war. "Allerdings sind etwa 40 Prozent der beim Screening entdeckten Fälle Überdiagnosen, sodass es ein großes Risiko von unnötigen Behandlungen und damit einhergehenden, verbreiteten Nebenwirkungen wie Inkontinenz und Impotenz gibt." Die Studienautoren geben deshalb bislang keine Empfehlung für ein generelles Screening von Männern ab 50 oder 55 Jahren.

In einem Kommentar im "Lancet" sprechen die US-Forscher Ian Thompson und Catherine Tangen von einem Trio von Hindernissen, das immer noch Unklarheit über den Nutzen des Screenings herrschen lässt: Überdiagnosen, Nebenwirkungen der Therapie sowie die Tatsache, dass auch beim Screening entdeckte Tumoren nicht immer erfolgreich behandelt werden können, die Betroffenen also dennoch an Krebs sterben.

Thompson und Tangen sprechen sich dafür aus, dass Männer, deren Prostatatumor erst einmal ein geringes Risiko darstellt, häufiger eine Behandlungsoption wählen sollten, die als "Active Surveillance", aktives Überwachen, bekannt ist. Sie beruht auf regelmäßigen Kontrollen durch den Arzt. Eine Therapie erfolgt nur, wenn sich der Tumor verändert. "Das würde die schädlichen Nebenwirkungen des Sceenings deutlich reduzieren", schreiben die Forscher. 60 Prozent der bei der Reihenuntersuchung entdeckten Tumoren fallen in eine Kategorie, bei der aktives Überwachen eine gute Alternative darstellt.

Für Männer, die sich für oder gegen einen PSA-Test entscheiden müssen, gibt es derzeit keinen einfachen Ratschlag. Sondern nur die Empfehlung, sich über möglichen Nutzen und Schaden gut zu informieren und dann abzuwägen.

Hier finden Sie mehr Informationen zum PSA-Test.

Mehr zum Thema im SPIEGEL WISSEN 3/2014

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
anderermeinung 07.08.2014
1. Es scheint weniger ein Problem des Tests,
als der anschließenden Behandlungen zu sein. Kann man bei kleineren Tumoren nicht einige Zeit beobachten?
bald.eagle 07.08.2014
2. Und was ist so schlimm am PSA Test?
Nach meiner persoenlichen Erfahrung wird ein bestimmter Blutwert ermittelt - naemlich wieviel PSA (ein Antigen) im Blut vorhanden ist. Warum sollte das nicht automatisch jaehrlich gemessen werden? Damit ich weiterhin mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen kann? Was entscheidend ist, ist doch was ICH mache, wenn ein zu hoher Wert festgestellt wird. Ich muss mich ja dann nicht automatisch jedweder Behandlung unterwerfen - HIER ist die Entscheidung gefordert. Nicht zu wissen, was im Koerper vorgeht, bietet keinen Schutz gegen ebendiese Vorgaenge. Es ist mein Koerper, ich will wissen, was los ist, und dann entscheide ICH, was der Arzt macht oder nicht macht - solange ich bei vollem Bewusstsein bin, ist der Arzt ist ein Ratgeber, keine Entscheidungsinstanz, der ich mein persoenliches Wohl und Wehe ueberlasse.
cc1452 07.08.2014
3. Das stimmt so leider nicht...
Zitat von bald.eagleNach meiner persoenlichen Erfahrung wird ein bestimmter Blutwert ermittelt - naemlich wieviel PSA (ein Antigen) im Blut vorhanden ist. Warum sollte das nicht automatisch jaehrlich gemessen werden? Damit ich weiterhin mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen kann? Was entscheidend ist, ist doch was ICH mache, wenn ein zu hoher Wert festgestellt wird. Ich muss mich ja dann nicht automatisch jedweder Behandlung unterwerfen - HIER ist die Entscheidung gefordert. Nicht zu wissen, was im Koerper vorgeht, bietet keinen Schutz gegen ebendiese Vorgaenge. Es ist mein Koerper, ich will wissen, was los ist, und dann entscheide ICH, was der Arzt macht oder nicht macht - solange ich bei vollem Bewusstsein bin, ist der Arzt ist ein Ratgeber, keine Entscheidungsinstanz, der ich mein persoenliches Wohl und Wehe ueberlasse.
In den USA wird vom PSA Test mittlerweile aufgrund der harten statistischen Daten abgeraten (http://www.uspreventiveservicestaskforce.org/prostatecancerscreening.htm). Der Test trägt nicht zu einer statistisch bedeutsamen Verringerung der Sterblichkeitsrate bei (anders ausgedrückt: die Sterblichkeitsraten an Prostatakrebs von Patienten die keinen PSA Test machen sind praktisch identisch mit denen die den Test jährlich machen). Ein öffentliches Gesundheitssystem hat sehr wohl das Recht Leistungen zu verweigern, die keinen messbaren gesundheitlichen Vorteil erbringen oder aufgrund evidenziär-medizinischer Ergebnisse als sinnlos oder sogar schädlich einzustufen sind. Wenn jemand für sinnlose Tests aus eigener Tasche bezahlen will, dann kann er das natürlich machen (ethisch ist es dennoch bedenklich wenn ein Arzt soetwas mitmacht...). Aber niemand kann erwarten, dass die Allgemeinheit für mediyinisch sinnlose Tests aufkommt bloss weil "...ich wissen will was in meinem Körper vor sich geht..." - soetwas ist einfach Quatsch.
7eggert 07.08.2014
4.
Kann man nicht wenigstens gegen die Inkontinenz standardmäßig eine Pumpe legen, die dann ein Schließmuskelkissen aufpumpt? Einmal schlimmstenfalls 200 € Zusatzkosten gegen ansonsten das Zigfache an Windeln und Nachbehandlungen?
ohminus 07.08.2014
5.
Zitat von anderermeinungals der anschließenden Behandlungen zu sein. Kann man bei kleineren Tumoren nicht einige Zeit beobachten?
Genau das kann und sollte man. Sogenanntes "watchful waiting" ist eigentlich Standard bei Prostatakrebs. Das Problem hier ist nicht zuletzt allerdings, den Patienten davon zu überzeugen, denn häufig verfällt der in Panik und will nichts davon wissen, tatenlos zuzusehen, wie der Krebs in seiner Prostata sich so entwickelt. Zum anderen sind natürlich auch finanzielle Anreize, zu therapieren - für "watchful waiting" gibt es nicht viel Geld.
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