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Psychiatrie-Entgelte: Regierung will bei umstrittener Finanzierung nachbessern

Von Hinnerk Feldwisch-Drentrup

Patient in der Psychiatrie: Über das neue Entgeltsystem Pepp wird heftig gestritten Zur Großansicht
Corbis

Patient in der Psychiatrie: Über das neue Entgeltsystem Pepp wird heftig gestritten

Das geplante Finanzierungssystem für psychiatrische Kliniken stößt zunehmend auf harsche Kritik. Vor allem die Versorgung schwer Kranker sei in Gefahr, fürchten Psychiater und Patientenschützer. Die Regierung scheint die Warnungen jetzt zu erhören.

Ob Depression, Schizophrenie oder Suchtprobleme: Landet ein Betroffener in einer Klinik, ist der Behandlungsverlauf oft schwer abzusehen. Und mitunter sind wochen- oder gar monatelange Aufenthalte auf der psychiatrischen Station nötig.

Dort aber prallen medizinische Erwägungen häufig auf wirtschaftliche. Was ökonomische Anreize bewirken, hat sich seit Einführung der sogenannten Fallpauschalen gezeigt. Für Behandlungen wie etwa eine OP erhält die Klinik eine Pauschale, unabhängig davon, wie viele Tage der Patient auf der Station bleibt. Die Folge: Der Druck, Patienten schnell zu entlassen und stattdessen mehr zu operieren, ist gestiegen.

Für psychiatrische und psychosomatische Kliniken gilt das Fallpauschalensystem nicht. Doch Ärzte und Patienten fürchten, dass die aktuellen Pläne der Politik auch die Psychiatrie in ähnliche Probleme manövrieren könnten. Der Stein des Anstoßes heißt "Pepp". Die knackige Abkürzung steht für "Pauschalierendes Entgeltsystem für Psychiatrie und Psychosomatik".

Pepp ist ebenfalls ein leistungsorientiertes Vergütungsprinzip, das vom Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (Inek) entwickelt wurde - und seit dessen Einführung 2012 durch den damaligen Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) scharf kritisiert wird. Jetzt aber kommt die hitzige Debatte um die Zukunft des Systems in eine entscheidende Phase, denn im kommenden Jahr soll es verpflichtend eingeführt werden.

Komplizierte Patienten rechnen sich nicht mehr

Hauptgrund für die Kritik an Pepp ist, dass es zu vorzeitigen Entlassungen verleiten könnte. Zwar wird in der Psychiatrie für jeden Aufenthaltstag eine Pauschale gezahlt. Je nach Erkrankung sollen die Tagessätze während des Aufenthaltes allerdings abnehmen. Das Nachsehen hätten dann womöglich Patienten mit schweren Erkrankungen und längeren Behandlungen, weil sie sich für Kliniken dann schlicht nicht mehr rechnen.

Brigitte Richter vom Nürnberger Selbsthilfeverein Pandora befürchtet, dass psychisch instabile Patienten künftig zu früh nach Hause geschickt werden. Mit Unterstützung weiterer Verbände hat sie eine Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht. 43.656 Menschen sind darin für eine Verschiebung der Einführung von Pepp. "Ich fürchte, dass es in Zukunft zu einer stärkeren Medikation kommt, damit Patienten möglichst schnell entlassen werden können", sagt Richter. Sie weiß wie es in psychiatrischen Kliniken zugeht: Fünf Jahre lang arbeitete sie selbst auf einer Akutstation.

Patienten könnten zudem eine Diagnose erhalten, die finanziell am günstigsten ist, denn bei Pepp entscheiden Erkrankung und deren Schwere über die Höhe der Tagespauschalen. Für Patienten sei dies besonders heikel, sagt Richter. Schließlich habe jede Diagnose für das Sozial- und Arbeitsleben weitreichende Folgen.

Auch Karl Lauterbach sieht diese Gefahren. "Statt Pepp einzuführen, müssen Strukturen geändert werden", sagt der gesundheitspolitische Sprecher der SPD. Er bemängelt, dass Pepp bei der Verzahnung ambulanter und stationärer Versorgung - ein wichtiger Baustein, damit Patienten möglichst reibungslos in ihr altes Lebensumfeld zurückkehren können - keinen positiven Impuls setze. Dabei sei schon jetzt die Situation mangelhaft.

System ist reformbedürftig

In Augen der Ärzteschaft könnte das neue System auch schwere Folgen für kleinere Kliniken in ländlichen Regionen haben. Es sei wichtig, dass dort die Personalausstattung sowie die Aufwendungen für die regionale Pflichtversorgung gesichert seien, sagt Thomas Pollmächer, Vorsitzender der Bundesdirektorenkonferenz der Psychiater. Doch genau das stünde auf dem Spiel, weil es den freien Marktkräften überlassen werden soll. Pollmächer fürchtet, dass Patienten deshalb künftig immer weitere Wege in das für sie zuständige Krankenhaus auf sich nehmen müssen.

Gleichzeitig sieht er auch Handlungsbedarf, denn eine eine Reform des bisherigen Systems ist dringend nötig: Die Klinikbudgets sind historisch gewachsen und entsprechen nicht mehr direkt den Leistungen der Krankenhäuser. Das alte Entgeltsystem ist intransparent und führt ebenfalls zu Ungerechtigkeiten.

Allerdings benötigen Kliniken und Krankenkassen Zeit, um sich auf die verpflichtende Einführung von Pepp einzustellen. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Bundesregierung auch darauf geeinigt, Pepp genau zu prüfen und systematisch zu ändern. Das Inek analysiert derzeit, inwiefern eine stärker tagesbasierte Berechnungsweise die Anreize für zu frühe oder auch zu späte Entlassungen verhindern kann. In einer Studie hatten Psychiater herausgefunden, dass es so möglich sein könnte, die finanziellen Fehlanreize zu minimieren.

Doch die bisherigen Untersuchungen des Inek "können nur ein erster Schritt sein", sagt Iris Hauth, designierte Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Auch die Bundesärztekammer appellierte kürzlich an die Bundesregierung, die Einführung von Pepp auszusetzen und in der Zwischenzeit alternative Modelle zu testen.

Offenbar mit Erfolg: Am Mittwoch nahm Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Gesundheitsausschusses Stellung dazu - und stellte eine Verschiebung der verpflichtenden Phase von Pepp um zwei Jahre in Aussicht.

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1. Fragwürdige Behandlungsmethoden
meinemeinung: 14.03.2014
Wichtig wäre es vor allem die Behandlungsmethoden in der Psychiatrie zu hinterfragen und zu verändern. Die einseitige Behandlung mit Medikamenten und die Vernachlässigung der Ursachen seelischen Leidens, eine Diagnostik diese Vernachlässigung verstärkt und sich auf Symptome konzentriert, sind weitgehend ungeeignet Menschen in ihrer Not zu helfen. So gesehen wäre eine Reform dringend notwendig,allerdings nicht in der angestrebten Richtung um Kosten zu sparen,sondern um Menschen effizienter zu helfen. In Folge würden auch die Kosten sinken und eine Drehtürpsychiatrie verhindert, die auf Grund ihrer Behandlungsmethoden dazu beiträgt das Leiden aufrecht zu erhalten.
2.
psychologiestudent 14.03.2014
Zitat von meinemeinung:Wichtig wäre es vor allem die Behandlungsmethoden in der Psychiatrie zu hinterfragen und zu verändern. Die einseitige Behandlung mit Medikamenten und die Vernachlässigung der Ursachen seelischen Leidens, eine Diagnostik diese Vernachlässigung verstärkt und sich auf Symptome konzentriert, sind weitgehend ungeeignet Menschen in ihrer Not zu helfen. So gesehen wäre eine Reform dringend notwendig,allerdings nicht in der angestrebten Richtung um Kosten zu sparen,sondern um Menschen effizienter zu helfen. In Folge würden auch die Kosten sinken und eine Drehtürpsychiatrie verhindert, die auf Grund ihrer Behandlungsmethoden dazu beiträgt das Leiden aufrecht zu erhalten.
was konkret würden Sie denn vorschlagen? Andere Behandlungsformen, wenn ja welche, und nach welchen Kriterien ausgewählt? Keine Medikamente mehr oder unter welchen Umständen? Ein anderer Ton im Kontakt, wenn ja auf welche Weise? Oder meinen Sie es braucht gesamtgesellschaftliche Veränderungen, wenn ja welche? Ich bin für konkrete Tipps dankbar...
3. optional
YouMi90 14.03.2014
@meinemeinung: In einer stationären psychatrischen Einrichtung wird meiner Erkenntnis nach nicht Einsteitig mit Medikamenten gearbeitet. Es ist zudem nachgewießen, dass die Transmitter Dopamin, Serotonin und Noradrenalin bei Menschen mit depressiven Verstimmungen gehemmt sind. Und wenn Antidepressiva diese Hemmung versuchen aufzulösen & neurologisch gut eingestellt sind, ist es absolut vertretbar. Ihnen ist bewusst, dass Patienten teilweise einfach Tage im Bett liegen ? Meiner Meinung nach müsste der Aufenthalt in stationären Einrichtungen verlängert werden, um eine geringere Rückfallquote zu erlangen. Und nein, ich arbeite weder bei der Pharmaindustrie noch in Psychiatrien.
4.
psychologiestudent 14.03.2014
Zitat von YouMi90@meinemeinung: In einer stationären psychatrischen Einrichtung wird meiner Erkenntnis nach nicht Einsteitig mit Medikamenten gearbeitet. Es ist zudem nachgewießen, dass die Transmitter Dopamin, Serotonin und Noradrenalin bei Menschen mit depressiven Verstimmungen gehemmt sind. Und wenn Antidepressiva diese Hemmung versuchen aufzulösen & neurologisch gut eingestellt sind, ist es absolut vertretbar. Ihnen ist bewusst, dass Patienten teilweise einfach Tage im Bett liegen ? Meiner Meinung nach müsste der Aufenthalt in stationären Einrichtungen verlängert werden, um eine geringere Rückfallquote zu erlangen. Und nein, ich arbeite weder bei der Pharmaindustrie noch in Psychiatrien.
damit kommen Sie bei meinemeinung nicht durch, das hab ich schon hunderte Male versucht. Psychische Störungen sind für ihn nur vor dem Hintergrund der tiefen Verletzungen in frühkindlicher oder vorgeburtlicher Zeit zu verstehen, alles andere ist nur am Rande interessant. Psychotherapeutische Hilfe ist, wie sie aktuell betrieben wird, seiner Meinung nach nicht hilfreich. Wenn man mit Effektivitätsstudien, gerade zur Verhaltenstherapie, kommt, dann ist das seiner Meinung nach einfach nicht das richtige Mass um Veränderung zu messen, in Wirklichkeit hilft das den Patienten nämlich nicht. Medikamente betäuben seiner Meinung nach nur und haben darüber hinaus keinen Sinn. Die einzigen neurobiologischen Erkenntnisse, die er gelten lässt, sind die, die aussagen, dass traumatische Erlebnisse einen Einfluss auf die neurobiologische und seelische Entwicklung hat. Dass das nicht heisst, dass im Gegenzug auch alle neurobiologischen Auffälligkeiten und seelischen Erkrankungen auf Traumata zurückzuführen sind, nimmt er nicht wahr. Sie müssen auch gar nicht versuchen, zu erklären, dass in modernen Psychiatrien Kunst- Musik-, Ergo-, Physio- und Bewegungstherapie zusammen arbeiten und Medikamente immer mit psychosozialen Massnahmen unterstützt werden. Er hat gute Erfahrungen mit Primär- und Körpertherapie gemacht, deshalb helfen alle anderen Therapierichtungen nicht wirklich , weil sie sich nicht um die "echten" Gründe kümmern, die er aus diversen psychoanalytischen Büchern zu kennen glaubt. Diskutieren bringt da leider nichts...
5. Vorschläge
meinemeinung: 14.03.2014
@psychologiestudent Ich hatte bereits vorgeschlagen das andere Kommunikationsformen zu einer Verbesserung beitragen können. Dies hat Melanie Sears in ihrem Buch "Gewaltfreie Kommunikation im Gesundheitswesen ausführlich beschrieben, und sie berichtet darin auch von den Erfolgen die damit erzielt wurden. Wichtig wäre auch eine stärkere Beachtung der Ursachen. Alice Miller hat die Tabus in "Abbruch der Schweigemauer" ausführlich beschrieben. Solange dies so bestehen bleibt, wird es auch kaum möglich sein etwas zu verändern oder zu verbessern. Auch das Soteria-Projekt zeigt einen Ansatz auf, der mit deutlich weniger Medikamenten auskommt und mehr auf die Bedürfnisse von Betroffenen eingeht: http://www.swr.de/odysso/-/id=1046894/nid=1046894/did=4919838/9g5xrc/ Daraus geht auch hervor,wie wichtig es ist,die Betroffenen selbst mit einzubeziehen,durch deren Feedback zu Erkenntnissen zu kommen und diese umzusetzen. Auf der Ebene der Prävention könnte sehr viel mehr erreicht werden, wenn die Ursachen mehr in den Fokus geraten, wenn die Umstände die zu seelischem Leiden führen, mehr Beachtung finden würden, und so seelisches leiden gar nicht erst entstehen würde. Wie weit Strukturen die zu seelischem Leiden führen,in unserer Gesellschaft verbreitet sind, können sie zum Beispiel im letzten Buch von Arno Gruen nachlesen,hier ein Interview dazu: http://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/arno-gruen-ueber-den-verlust-des-mitgefuehls Wichtig wäre auch eine stärkere Aufklärung über die Nebenwirkung von Medikamenten und wo immer möglich eine Reduktion um diese Nebenwirkungen zu vermeiden. Hier eine Zusammenmfassung: http://mut-zum-anderssein.de/PDF/PsychopharmakaWhitaker.pdf Offensichtlich findet auch im Psychologiestudium eine Entwicklung statt, die dem was Arno Gruen über abstraktes Denken schreibt entspricht, und die zu einer entfremdeten Sicht auf den Menschen und den Ursachen seelischen Leidens führt, und so Vorraussetzungen schaft, die dazu führen das die Ursachen nicht berücksichtigt werden, und der Fokus auf Symptomen liegt. Es wäre aus meiner Sicht genauso notwendig diesen Ansatz zu überdenken und das Studium zu reformieren, um zu psychotherapeutischen Ansätzen zu kommen, die mehr auf die Gefühle und Bedürfnisse der Menschen eingehen. Dabei werden selbst neurobiologische Erkenntnisse, wie sie zum Beispiel Joachim Bauer beschreibt wenig beachtet, denn sonst hätten Ursachen eine wesentlich höhere Bedeutung. Zu den grössten Problemen in unserer Gesellschaft gehört Gewalt, die aber ohne die Ursachen zu Beachten kaum verstanden werden kann, und sich so immer weiter wiederholt und unendlich viel seelisches Leiden produziert.Diese zu verstehen,halte ich für existentiell, wenn wir nachhaltige Veränderungen erleben wollen. Sehr gut werden die Ursachen zum Beispiel in "Schmerzgrenze" von Joachim Bauer, oder "Am Anfang war Erziehung" von Alice Miller beschrieben. Sie wollten Vorschläge. Hier noch ein weiterer: Lesen Sie die angesprochenen Bücher. Insofern das was sie dort lesen für sie zu neuen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen führt, können sie selbst etwas zu Verbesserung beitragen. Was halten Sie von meinen Vorschlägen?
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  • Hinnerk Feldwisch-Drentrup widmet sich als freier Wissenschaftsjournalist gerne medizinischen Themen - und dem Biotop der Lebenswissenschaften.

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