Überfordert: Zahl psychisch kranker Mütter steigt

Eine Managerin für alles: Immer mehr Frauen leiden unter der Doppelbelastung von Beruf und Familie. Die Zahl psychisch kranker Mütter nimmt nach Angaben des Müttergenesungswerks drastisch zu - doch die Krankenkassen lehnen häufig Mutter-Kind-Kuren ab.

Berlin - Erschöpfung, Depressionen, Schlafstörungen - immer mehr Mütter in Deutschland sind psychisch krank. Die Zahl sei in den vergangenen acht Jahren um rund ein Drittel gestiegen, sagte die Kuratoriumsvorsitzende des Müttergenesungswerks, Marlene Rupprecht, am Dienstag in Berlin. Vor allem wachsender Zeitdruck, die Doppelbelastung in Beruf und Familie und mangelnde Anerkennung ihrer Arbeit mache den Frauen zu schaffen. "Sie müssen die Managerinnen für alles sein und sollen dabei auch noch guter Laune sein", so Rupprecht. "Das ist kaum machbar."

Zugleich bewilligen die Krankenkassen aber immer weniger Mutter-Kind-Kuren. Im vergangenen Jahr wurden demnach 39.000 Frauen und 56.000 Kinder in den Kliniken des Müttergenesungswerks behandelt. Das sind 8000 Patientinnen weniger als noch 2008. "2,1 Millionen Mütter sind kurbedürftig", konstatierte Rupprecht. Längst nicht alle wissen allerdings um die Hilfsangebote: "Viele Frauen kommen leider gar nicht auf die Idee, eine Mutter-Kind-Kur zu beantragen", sagte eine Sprecherin der Arbeiterwohlfahrt SPIEGEL ONLINE. Auch die Angst vor Stigmatisierung oder die Furcht, zu lange am Arbeitsplatz auszufallen, dürfte bei der Entscheidung für oder gegen einen Kurantrag eine wichtige Rolle spielen.

Wer sich allerdings in Zusammenarbeit mit seinem Haus- oder Kinderarzt für den Antrag auf eine Mutter-Kind-Kur entscheidet, bekommt diesen oft gar nicht bewilligt. Zwischenzeitlich habe es bei den gesetzlichen Krankenkassen Ablehnungsquoten von bis zu 40 Prozent gegeben, sagte Rupprecht. Erst seit im Februar neue Begutachtungskriterien eingeführt wurden, seien Verbesserungen zu erkennen, meint Rupprecht, "nur, weil sich die Politik eingeschaltet hat."

Zahlen, die zumindest für die große Techniker Krankenkasse (TK) mit mehr als acht Millionen Versicherten nicht gelten. Eine Sprecherin nannte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE konstante Bewilligungsquoten für TK-Versicherte in ganz Deutschland zwischen 78 Prozent (2007) und 79 Prozent (2011). Die Prognose der Versicherung für 2012 liege bei 86 Prozent.

Kranke Mütter, überforderte Kinder

Während psychische Erkrankungen bei Müttern zunehmen, gehen körperliche Probleme aus Rupprechts Sicht zurück. Früher seien häufig Atemwegs- und Stoffwechselprobleme behandelt worden. "Inzwischen sind Gelenk- und Wirbelsäulenbeschwerden die zweithäufigste Diagnose nach der psychischen Erkrankung." Besonders belastet seien Mütter, die ihre eigenen Eltern oder sogar Kinder pflegen müssen.

Doch nicht nur die Mütter, auch ihre Kinder können behandelt werden. "Wenn es der Mutter schlecht geht, geht es auch dem Kind nicht gut", erklärt Rupprecht. Bereits Kinder im Grundschulalter übernähmen dann die Rollen von Erwachsenen und versuchten, der Mutter Last abzunehmen. "Die Kinder sind dann nicht rebellisch oder aggressiv, sondern extrem erwachsen für ihr Alter. Das ist eine Überforderung."

Belastungssyndrome beobachtet Rupprecht bei Müttern in allen Einkommensschichten. Bei den Patienten des Müttergenesungswerks habe es eine Verschiebung von den unteren Einkommen hin zu höheren gegeben.

Mitte 2011 hatte ein Prüfbericht des Bundesrechnungshofes zu Mutter-Kind-Kurmaßnahmen den Krankenkassen in hohem Maße Intransparenz vorgeworfen. "Von einheitlichen Kriterien für die Ablehnung oder Bewilligung einer Kurmaßnahme für Mütter kann keine Rede sein", zitierte die Arbeiterwohlfahrt Marlene Rupprecht.

Das Kur-Bewilligungsverfahren der Krankenkassen ist erleichtert worden. "Das Antragsverfahren hat sich in den letzten Monaten für Mütter spürbar verbessert", sagte die Geschäftsführerin des Müttergenesungswerkes, Anne Schilling. "Krankenkassen bewilligen mehr und schneller Kurmaßnahmen." Das bestätigt auch die Arbeiterwohlfahrt: Demnach steigt sowohl die Zahl der Anträge als auch die Zahl der Bewilligungen. Außerdem bearbeiteten die Krankenkassen die Anträge mittlerweile schneller und fundierter.

Das Müttergenesungswerk bietet neben kostenloser Beratung in bundesweit rund 1300 Stellen vor allem Mutter-Kind-Kuren in 82 Kliniken an. Die 1950 von Elly Heuss-Knapp gegründete Stiftung finanziert sich aus Vermögenserträgen, Sammlungen am Muttertag und Spenden. 2011 hatte das Werk laut Rupprecht zwei Millionen Euro zur Verfügung. Schirmherrin ist traditionell die First Lady - seit Mai 2012 also Daniela Schadt, die Lebensgefährtin von Bundespräsident Joachim Gauck.

hei/dpa/dapd

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1.
Yestoertchen 10.07.2012
Zitat von sysopCorbisEine Managerin für alles: Immer mehr Frauen leiden unter der Doppelbelastung von Beruf und Familie. Die Zahl psychisch kranker Mütter nimmt nach Angaben des Müttergenesungswerks drastisch zu - doch die Krankenkassen lehnen häufig Mutter-Kind-Kuren ab. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,843614,00.html
Freuen wir uns bereits jetzt auf eine vollkommen am Thema vorbeigehende Diskussion über die Vorzüge traditioneller Rollenverteilung, Betreuungsgeld und KiTa-Plätze. Meine Damen und Herren halten Sie das Popcorn bereit!
2.
TylerD. 10.07.2012
Zitat von sysopCorbisEine Managerin für alles: Immer mehr Frauen leiden unter der Doppelbelastung von Beruf und Familie. Die Zahl psychisch kranker Mütter nimmt nach Angaben des Müttergenesungswerks drastisch zu - doch die Krankenkassen lehnen häufig Mutter-Kind-Kuren ab. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,843614,00.html
Ok bei alleinerziehenden Müttern ist das sicherlich schwierig aber viele Mütter würden sich ja schon einen Gefallen tun, wenn Sie den Vätern ein bisschen mehr Vertrauen entgegenbringen würden und ihnen mal die Arbeit überlassen. Es gibt ja Männer wie wollen und können aber nicht dürfen. Großeltern, Geschwister oder Freunde gibts ja auch noch. Viele Mütter sind aber von sich aus überzeugt, dass nur sie allein gut für ihr Kind sorgen können und laden sich die Belastung selbst auf. Das muss ja nicht mal negativ gemeint sein aber es führt eben auch zu Entwicklungen wie sie hier beschrieben werden. Natürlich gibts genug Fälle in denen sie mit der Aufgabe allein gelassen werden aber in manchen Fällen kann man sich eben auch schon mal selbst helfen. Ich passe z.B. seit Anfang des Jahres ca. ein- oder zweimal im Monat auf meinen kleinen Neffen auf. Dann kann Mutter zusammen mit Vater mal nen Tag für sich haben. Ich glaube zwar, dass beim ersten Mal Mutter die Nerven glühender hatte als ich aber mitlerweile geht das wunderbar. Eine Kollegin von mir ist aber fast hysterisch geworden als sie gehört hat wie die Frau doch ihr Kind regelmäßg "alleine" lässt. ;)
3. Lasst Euch helfen...
helgew 10.07.2012
Es ist immer wieder schön zu sehen, wie über die Mütter geredet wird und was man für sie tun kann. Dieses ist auch in keiner Weise an zu zweifeln, aber was ich einmal zum Nachdenken geben möchte ist, wo die Väter sind. Warum werden die Väter nicht mehr in die Pflicht genommen? Wenn wir Väter mehr für unsere Kinder einstünden, gäbe es auch mehr Firmen, die Möglichkeiten schaffen und somit würde zwangsläufig eine Entlastung der Mütter einher gehen. Weiterhin würden die Kinder wieder einen Zugang zur männlichen Erziehung haben! Ich für meinen Teil kenne den Teil der kranken Mutter aus eigener Erfahrung, den fehlenden Vater und auch die Nachteile als Vater, der für sein Kind da sein möchte. Mein Tipp an die Frauen: Tretet der Krankenkasse auf die Füße und holt Euch die Euch zustehenden Hilfen! Zusätzlich tretet Euren Männern auf die Füße, dass sie sich endlich mal gerade machen und auch für die Familie einstehen. Und den Männern sei gesagt: Seid für Eure Kinder da, steht Euren Mann bei den Kids und fordert von den Arbeitgebern ( und auch von den Müttern ), dass Ihr Euren Teil der Erziehung wahrnehmen könnt! Ein fröhliches Diskutieren noch... Gruß Helge
4. psychisch krank
taggert 10.07.2012
"Zahl psychisch kranker Mütter steigt" ... wenn ich manchmal so durch Hamburg laufe, möchte ich erwidern: "Die Zahl psychisch kranker Jugendlicher ebenfalls!" Und überhaupt: Ist nicht die gesamte Gesellschaft inzwischen mehr als nur psychisch krank? Was hier so im Lande - egal in welcher "Schicht" oder "Beruf" - passiert lässt sich doch nicht mehr anders erklären! Alle ab in die Anstalt, besser eher früher als später! Oder Deutschland ist längst eine und alle - außer D selbst - wissen es! Das würde auch eine GANZE MENGE erklären! :D
5. Zu spät
Wilhelm Klaus 10.07.2012
Zitat von sysopCorbisEine Managerin für alles: Immer mehr Frauen leiden unter der Doppelbelastung von Beruf und Familie. Die Zahl psychisch kranker Mütter nimmt nach Angaben des Müttergenesungswerks drastisch zu - doch die Krankenkassen lehnen häufig Mutter-Kind-Kuren ab. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,843614,00.html
Wenn die Mütter psychisch krank sind, ist es für eine Mutter Kind Kur bereits zu spät. In den genehmigten 3 Wochen kann keine Depression geheilt werden. Die Kur ist eine Maßnahme zu Verhinderung von Erkrankungen, hat sich aber durch die Kassen in eine Rehabilitation von Erkrankten gewandelt. Da ist viel falsch gelaufen.
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Psychotherapie: Die wichtigsten Infos
Psychotherapeutische Versorgung
13.369 Psychologische Psychotherapeuten, 3110 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und 5322 ärztliche Psychotherapeuten haben in Deutschland eine Kassenzulassung. Sie versorgen pro Quartal zirka eine Million Patienten in der gesetzlichen Krankenversicherung. Zudem gibt es noch etwa 2000 Psychotherapeuten ohne Kassenzulassung.
Anerkannte Therapien
Im deutschen Gesundheitssystem sind die analytische Psychotherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Verhaltenstherapie als wissenschaftlich wirksam anerkannt und zugelassen.
Wann zahlt die Kasse?
Die gesetzliche Krankenkasse zahlt eine Psychotherapie, wenn der Therapeut eine Approbation und eine Kassenzulassung besitzt und eine der zugelassenen Therapieformen anwendet. Zudem muss beim Patienten eine psychische Störung vorliegen, die in den Psychotherapie-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses aufgelistet ist.

Darunter fallen beispielsweise Depressionen, Angst- und Essstörungen. Nicht übernommen werden Partner- und Sexualtherapien sowie Coachings. Die Regelungen der privaten Krankenkassen sind uneinheitlich. Meist übernehmen diese aber auch nur Therapien, die wissenschaftlich anerkannt sind. Aber oft zahlen sie nur Kurzzeittherapien.
Ablauf einer Therapie
Patienten können ohne Überweisung ihres Hausarztes zu einem Therapeuten gehen. In fünf bis acht Probesitzungen soll der Patient abklären, ob er sich bei dem Therapeuten wohlfühlt. Diese Probesitzungen zahlt die Kasse ohne Antrag. Der Therapeut prüft, ob und welche Erkrankung vorliegt. Hat sich der Patient für einen Therapeuten entschieden, stellt dieser einen Antrag bei der Kasse. Die Kassen bewilligen etwa 96 Prozent aller Anträge. Die Therapie sollte ein bis zwei Sitzungen pro Woche je 50 Minuten umfassen. Wie lange eine Therapie geht, ist individuell verschieden. Die Kasse zahlt für eine Verhaltenstherapie 45 Stunden (maximal 80), für eine analytische Psychotherapie 160 (maximal 300).
Alternativen bei langen Wartezeiten
Patienten können auch zu Therapeuten ohne Kassenzulassung gehen und laut Sozialgesetzbuch ihre Krankenkasse um Übernahme der Kosten bitten. Allerdings wird die Kasse Nachweise fordern, dass der Patient keine Therapie bei einem kassenzugelassenen Therapeuten in zumutbarer Zeit bekommt. Die Hürden sind von Kasse zu Kasse unterschiedlich hoch. Patienten sollten ihrer Kasse notfalls mit Klage drohen, raten Experten.

Betroffene sollten sich auch an Institute wenden, die Psychotherapeuten ausbilden. Dort haben sie womöglich die Chance, schneller einen Therapieplatz zu bekommen. Die Therapeuten in Ausbildung erhalten Supervision von erfahrenen Psychotherapeuten. Sie sichert die Qualität der Behandlung.
Nachteile einer Psychotherapie
Betroffene erfahren zuweilen leider auch Nachteile, wenn sie eine Psychotherapie gemacht haben – beispielsweise bei einer noch ausstehenden Verbeamtung oder wenn sie eine Kranken-, Lebens- oder Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen wollen. Daher kann es sinnvoll sein, die Kosten für die Psychotherapie selbst zu übernehmen. Eine Stunde kostet nach Gebührenordnung für Psychotherapeuten 100,55 Euro. Diese Kosten sind steuerlich absetzbar.
Online-Therapie
Therapien ausschließlich via Internet sind in Deutschland nicht erlaubt. Psychologen und Psychiater dürfen dort lediglich beraten, also Lebenshilfe und Tipps geben, aber keine psychischen Erkrankungen therapieren. Das Online-Selbsthilfeprogramm Deprexis beispielsweise basiert auf wissenschaftlich bewährten Methoden. Die Standardversion funktioniert ohne Therapeutenkontakt, Psychologen haben jedoch die Möglichkeit, das Programm in ihre Therapie einzubauen und die Ergebnisse ihrer Patienten mitzuverfolgen. Die Teilnahme an Deprexis kostet 279,70 Euro für drei Monate.
Linktipps
Psychotherapeutensuche
http://www.psychotherapiesuche.de/

Psychotherapeutensuche der Kammern für die Bundesländer Berlin, Bremen, Hamburg Niedersachsen, Saarland und Schleswig-Holstein: http://www.psych-info.de/

Bei akuten Problemen kann man sich auch an psychosoziale Beratungseinrichtungen wenden.
http://www.das-beratungsnetz.de/

Hilfe in Notsituationen leisten Krisendienste
(Suche nach PLZ)
http://www.portal-gesundheitonline.de/

Selbsthilfegruppensuche
http://www.nakos.de/site/

Telefonseelsorge
http://www.telefonseelsorge.de/
Telefon (anonym, kostenlos)
0800/111 0 111
0800/111 0 222

Hilfe für Angehörige psychisch Kranker
http://www.psychiatrie.de/familienselbsthilfe

Schlafentzug gegen Depression
http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,812916,00.html