Psychosomatik: Wenn der Arzt sich drückt

Von Dr. Manfred Stelzig

Bei einem Drittel aller Patienten finden Ärzte keine körperliche Ursache für deren Beschwerden. Oft stecken psychische Störungen dahinter. Doch ein Gespräch darüber bietet kaum ein Mediziner an - weil seelische Probleme mit einem Stigma belegt sind.

Stummer Arzt: Mediziner betrachten das Gespräch nicht als ihre Aufgabe Zur Großansicht
Corbis

Stummer Arzt: Mediziner betrachten das Gespräch nicht als ihre Aufgabe

Sechsmal wird der erfolgreiche Unternehmer mit Blaulicht in die Notaufnahme der Klinik gebracht. Der Verdacht ist immer wieder derselbe: Herzinfarkt. Alle Symptome deuten darauf hin - stechender Schmerz in der linken Brustseite, ausstrahlend in den linken Arm, Atemnot, Schweißausbruch, Herzrasen. Von Mal zu Mal untersuchen die Ärzte ihn genauer - von EKG und Blutuntersuchung bis hin zum Herzkatheter.

Schließlich findet der Mann über einen gemeinsamen Freund den Weg zu mir, in die psychosomatische Sprechstunde. Eine körperliche Ursache für seine Beschwerden hatten die Kollegen in der inneren Medizin da bereits mehrfach ausgeschlossen. Tatsächlich war der Auslöser seiner körperlichen Symptome ein Partnerkonflikt, der in einer Psychotherapie gut gelöst werden konnte.

Der Fall ist real. Und er ist typisch, nicht die Ausnahme.

Bei etwa einem Drittel aller Patienten, die in Praxen und Kliniken untersucht und behandelt werden, finden Ärzte keine Erklärung für die körperlichen Beschwerden. Doch die Patienten leiden ganz real unter Schmerzen unterschiedlichster Art, Herzstolpern oder -rasen, Atemnot und Magen-Darm-Beschwerden. Man kann sie noch so gründlich mit EKG und Computertomographie untersuchen, ihr Blut im Labor analysieren - sie sind "o. B.", also ohne Befund, es ist keine krankhafte Veränderung festzustellen.

Das System versagt

So gut die Untersuchung der Organe in unseren Gesundheitssystemen funktioniert, so sehr versagen Untersuchungs- und Behandlungsmechanismen, wenn es um psychische Störungen geht. Wenn erst einmal klar ist, dass keine körperliche Erklärung für die Beschwerden des Patienten zu finden ist, dann müsste konsequenterweise ein ausführliches Gespräch folgen. Eine Dreiviertelstunde, in der ein Arzt gemeinsam mit dem Patienten die Hintergründe erforschen kann.

Die psychischen Ursachen körperlicher Beschwerden sind vielfältig: Depressionen müssen sich nicht auf die Stimmung auswirken, früher nannten Ärzte das eine larvierte Depression. Schmerzen können Ausdruck eines Erschöpfungszustands sein, eines Burnouts - oder die Reaktion auf eine Konfliktsituation, Mobbing oder ein Trauma.

Doch die meisten Patienten werden nie zum Gespräch gebeten. Die Betroffenen werden stattdessen beruhigt, an ihren Organen sei nichts auffällig, vielleicht murmelt der Arzt noch etwas von einer möglichen Überforderung. Man solle einmal ausspannen, in den Urlaub fahren. Leider hilft das den Patienten nicht, im Gegenteil.

Ärzte sehen es nicht als ihre Aufgabe, das Gespräch mit Patienten zu suchen

Ein unüberlegter Verweis auf eine mögliche psychosomatische Ursache für die Beschwerden kann den Patienten kränken, weil alle psychischen Beschwerden nach wie vor stigmatisiert sind. Die Betroffenen fühlen sich in die Psychoecke abgeschoben und missverstanden. Nur ein aufklärendes, ausführliches Gespräch, das rasch und engagiert erfolgt und so lange dauert, dass der Patient selbst ein Verständnis für die möglichen psychischen Ursachen seiner körperlichen Beschwerden entwickeln kann, könnte helfen.

Fehlt dieses Angebot, beginnt ein Teufelskreis: Der Patient beginnt, seinem Arzt zu misstrauen. Schließlich hat der nichts gefunden, die Beschwerden plagen ihn aber weiter. Es folgt der nächste Arzt, der natürlich wieder keine körperliche Ursache finden kann - weil es keine gibt. Anschließend werden andere Fachrichtungen zu Rate gezogen: Innere Medizin, Orthopädie, Physikalische Medizin, Neurologie. Der Patient beginnt mit dem Ärzte-Hopping und leidet kurz darauf am "Syndrom der dicken Akte" - mehr und mehr Papier wird angehäuft, geholfen ist ihm damit nicht. Die Beschwerden werden schlimmer, so kann es jahrelang weitergehen.

Das Beschämende, Aufwühlende an diesem immer gleichen Ablauf ist, dass die Medizin es besser weiß. Die Psychosomatik ist keine neue Fachrichtung, Ursachen für Beschwerden und Therapien werden seit Jahrzehnten in Lehrbüchern und Fachliteratur beschrieben. Doch bis heute lernen junge Ärzte zu wenig über die psychosomatische Medizin. Sie sehen es in der Folge nicht als ihre Aufgabe an, das Gespräch mit den Patienten zu suchen. Weil sie es auch nicht adäquat bezahlt bekommen, fehlt ein finanzieller Anreiz.

Und weil in der Gesellschaft zu wenig über das Wechselspiel von Psyche und Körper bekannt ist, fordern die Patienten die psychosomatische Behandlung auch nicht ein. Betroffene hoffen stattdessen geradezu auf eine organische Erklärung für ihre Beschwerden. Die Stigmatisierung psychischer Krankheiten führt dazu, dass sie sich schnell selbst als Simulanten oder eingebildete Kranke empfinden.

Es ist die Aufgabe der Ärzte, und nicht allein der psychosomatisch arbeitenden, bei Patienten und Medizinern endlich ein Verständnis dafür zu schaffen, dass es körperliche Beschwerden auch ohne körperliche Ursache geben kann - und dass es Lösungen für diese Probleme gibt.


Prim. Dr. Manfred Stelzig, 1952 in Wien geboren, ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Psychotherapeut. An der Universitätsklinik Salzburg leitet er die psychosomatische Abteilung. Sein neues Buch "Krank ohne Befund" ist gerade im Ecowin Verlag, Salzburg, erschienen. 256 Seiten, 21,90 Euro.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bei dem Müll
derletztdemokrat 01.02.2013
den wir hier im Supermarkt kaufen, muss es einem ja schlecht gehen. Finger weg von billigem Fleisch und Wurst, das ist das beste was man sich antun kann.
2. Vorschlag
amidelis 01.02.2013
Lieber Kollege Stelzig, was halten Sie denn davon, sich mal mit dem Gedanken zu befassen, dass psychische Komorbiditäten die neuen Berufskrankheiten des 21 Jahrhunderts sind? Das wäre hilfreich!
3. Letztens beim Onkel Doc ...
westerwäller 01.02.2013
Vor mir bei der Sprechstundenhilfe eine Anfang-Vierzigerin im ansprechenden Ökolook. Zur Sprechstundenhilfe: "Ich brauche ein Rezept für eine Ergo-Therapie!" Sprechstundenhilfe:"Nun, ich kenne Sie nicht. Sind sie Patientin hier?" "Nein, ich brauche aber das Rezept!" "Nun, da müssen Sie erst Patient sein, sich untersuchen lassen und dann sieht man weiter." "Ich brauche mich nicht untersuchen zu lassen. Ich weiß was ich habe. Ich brauche nur eine Ergo-Therapie verschrieben. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe alles darüber gelesen." "Dann sagen Sie das dem Doktor doch bei einer Untersuchung." "Untersuchung brauche ich nicht, ich brauche nur eine Verordnung für eine Ergo-Therapie." Doc kommt zufällig hinzu... "Was ist denn hier los?" Gleiche Sätze wie vor ... Schließlich beleidigende Worte von der Dame und deren Abgang ... Tagtäglicher Irrsinn in einer Arztpraxis ...
4. Ärzte
meyer-bimöhlen 01.02.2013
Ärzte sind keine Götter in weiß. Die Ärzte befassen sich in der Regel mit den Symtonen und nicht mit den Ursachen einer Krankheit. Um die Ursache zu finden wird mehr Aufwand abverlangt, in der Ausbildung und der Vergütung... Es ist bei Entscheidungsträgern noch nicht als wichtiges Thema angekommen...
5. Ein seit Jahren überfälliger Artikel im SPIEGEL
tsitsinotis 01.02.2013
Das Angebot an Balintgruppen (in denen Ärzte ihre Problemfälle besprechen) ist zwar groß und inzwischen ein lukratives Geschäft geworden. Aber nach mindestens 10 Balintkursrunden kann ich nur sagen: Nicht nur die Motivation ist schlecht - leider auch das allgemeine Niveau. Dabei könnte man Geld sparen ohne Ende...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Medizin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 156 Kommentare
  • Zur Startseite
Zum Autor
  • Prim. Dr. Manfred Stelzig, 1952 in Wien geboren, ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Psychotherapeut. An der Universitätsklinik Salzburg leitet er die psychosomatische Abteilung.

Buchtipp
Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:


Sprechstunde