Ein rätselhafter Patient Gefährlich hell

Das Gedächtnis einer dementen 54-Jährigen verschlechtert sich deutlich. Kernspinbilder ihres Kopfes zeigen auffällige Veränderungen. Sind Fische schuld oder doch eher eine Creme?

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Die Frau, die sich den Ärzten an der Technischen Universität München (TUM) vorstellt, leidet schon lange an einer ungewöhnlichen Krankheit. Die 54-Jährige ist seit mindestens fünf Jahren dement. Im täglichen Leben ist sie zwar voll aktiv, aber sie vergisst Worte, erkennt Bekannte nicht wieder, ist teilweise orientierungslos.

Ihr Ehemann und ihre Tochter, die sich intensiv um die Frau kümmern, kompensieren die Lücken im Alltag. Die gebürtige Marokkanerin lebt mehr als die Hälfte des Jahres in ihrem Heimatland, den Rest der Zeit im nordrhein-westfälischen Unna.

Außerdem hat die Frau epileptische Anfälle und leidet neuerdings unter trübsinniger Stimmung, sieht wenig Perspektiven und ist antriebslos.

Mit Paracetamol vergiftet

Die Krankengeschichte der Frau, die nie gelernt hat zu lesen und zu schreiben, ist durchaus bewegt: Weil sie zu viel vom Schmerzmittel Paracetamol zu sich genommen hat, war ihre Leber schwer geschädigt. Fünf Jahre zuvor haben Ärzte zudem eine Quecksilbervergiftung in ihrem Blut festgestellt. Die daraufhin begonnene, wirksame Therapie musste sie abbrechen, weil ihre Haut das Medikament nicht vertrug. Woher das viele Quecksilber gekommen war, hatte damals niemand herausgefunden. Gegen die epileptischen Anfälle schluckt die Frau ein Medikament.

Was die Demenz ausgelöst hat, scheint ebenfalls ungeklärt. Nun aber nehmen ihre kognitiven Fähigkeiten immer mehr ab. Der Hausarzt, der aus diesem Grund eine Kernspinuntersuchung ihres Gehirns veranlasst hat, ist besorgt, als er die Bilder sieht.

Die Aufnahmen zeigen deutliche, durch die weißen Ovale gekennzeichnete Veränderungen in der Hirnsubstanz. Diese sind aber unspezifisch, können also nicht einer bestimmten Krankheit zugeordnet werden. Im Blut stellt der Arzt außerdem erneut stark erhöhte Quecksilberwerte fest. Er wendet sich Rat suchend an die Spezialisten von der Toxikologie an der TUM.

Kernspinaufnahmen vom Kopf der Patientin: Die obere Reihe zeigt Bilder kurz vor der Aufnahme, in der unteren sind Kontrollaufnahmen von drei Monaten später zu sehen.
BMJ Case Reports 2016

Kernspinaufnahmen vom Kopf der Patientin: Die obere Reihe zeigt Bilder kurz vor der Aufnahme, in der unteren sind Kontrollaufnahmen von drei Monaten später zu sehen.

Mit neuropsychologischen Tests erkennen die Mediziner, die über ihre Patientin im "Journal of Medical Case Reports" berichten, wie groß die Defizite in vielen ihrer Lebensbereiche bereits sind. Vor allem ihr Sprach-, Erinnerungs- und Orientierungsvermögen sind stark eingeschränkt - sie kann den Ärzten zwar sagen, wer sie ist, aber sie weiß nicht, wo und in welcher Situation sie sich befindet und welches Datum ist. Sie gibt außerdem an, am ganzen Körper Schmerzen zu haben, vor allem im Kopf.

Wie belastet sind die Fische?

Bei der körperlichen Untersuchung fallen den Ärzten Hautveränderungen an den Schienbeinen und Waden auf, die ebenfalls typisch sind für eine Quecksilbervergiftung. Die Frau muss dem gesundheitsschädlichen Schwermetall seit Jahren ausgesetzt sein - aber niemand kennt die Quelle.

Die Ärzte spekulieren zunächst, ob die Nähe des Wohnortes der Patientin in Marokko zu einem Bergwerk die Ursache sein könnte. Quecksilber stammt vermutlich zu großen Teilen aus kleineren Minen, aus denen er mitunter unkontrolliert in die Umwelt gelangt.

Aber möglicherweise hat die Frau auch stark mit Quecksilber belastete Fische gegessen? Insbesondere alt werdende Raubtiere wie Haie, Thunfische oder Schwertfische stehen in der Nahrungskette vorn und reichern das Schwermetall daher eher an. In Europa existieren strenge Grenzwerte, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat dazu 2008 eine Stellungnahme verfasst.

Den Verdacht der Ärzte widerlegen aber die niedrigen Blutwerte von Methyl-Quecksilber, berichtet der Assistenzarzt Tobias Zellner, der die Patientin betreut hat. In dieser Form wird das Schwermetall über Fischkonsum aufgenommen und ist dann besonders toxisch.

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Außerdem kommt Quecksilber vor allem in Zahnfüllungen aus Amalgam vor und in wenigen Medikamenten. In Kontakt mit dem Schwermetall können Menschen auch kommen, wenn ein herkömmliches Fieberthermometer zerbricht und ausläuft.

Die Ärzte sprechen immer wieder mit der Frau, mit ihrem Mann und der Tochter. Sie fragen nach Ernährungsgewohnheiten, nach den Lebensumständen, nach Medikamenten. Sie erkundigen sich auch nach Kosmetika. Die Frau berichtet, dass sie unter anderem Cremes benutzt, um ihre Haut aufzuhellen. Weil sie sich auch während des Klinikaufenthaltes weiter eincremen wollte, hat sie eine Tube dabei.

"Ein ganzes Zimmer voller Cremes"

Die Toxikologen analysieren die Creme sofort - und lösen damit endlich das Rätsel. In den aus Taiwan und Libanon stammenden Proben stecken "exorbitant hohe Quecksilberkonzentrationen", schreiben die Ärzte. Zuhause begibt sich die Tochter auf die Suche und findet "ein ganzes Zimmer voller Cremes". Sie entsorgt die Tuben und Tiegel. "Die Patientin selbst konnte nur schwer nachvollziehen, dass die Cremes für ihre Symptome verantwortlich sein sollen", sagt Tobias Zellner.

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Das Phänomen ist weitgehend unbekannt, Fallbeschreibungen gibt es nur wenige. Dem Neurologen Allen Counter von der Harvard Medical School etwa fiel 2003 auf, dass in Ländern wie Saudi-Arabien, Pakistan oder Mexiko der Großteil der Patienten mit einer Quecksilbervergiftung Frauen waren, die Bleichmittel für ihre Haut verwendet hatten. Im "Boston Globe" schrieb der Arzt: "Die Frauen hatten so verzweifelt versucht, ihre Haut aufzuhellen, dass sie ihre Körper mit 'Schönheitscremes' auf Basis von Quecksilber vergiftet hatten." In Deutschland existieren auch für Kosmetika strenge Auflagen und Grenzwerte, die nicht überschritten werden dürfen.

Die Münchner Ärzte behandeln die Patientin mit sogenannten Komplexbildnern. Durch diese Medikamente entstehen Strukturen mit dem Quecksilber, die der Körper leichter ausscheiden kann. Die Konzentration des Schwermetalls im Blut der Patientin sinkt, sie wird mit dem Medikament nach Hause entlassen.

Bei einer Nachuntersuchung Wochen später geht es der Frau teilweise besser. Sie leidet noch immer unter der Depression und Schmerzen am ganzen Körper. Aber ihr Erinnerungsvermögen ist in Teilen zurückgekehrt, bei der Untersuchung kann sie sagen, wer sie ist, in welcher Situation sie sich befindet, und das Datum kennt sie auch. Über den Ort kann sie keine Aussagen machen.

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