Sachbuch über Tollwut: Der Stoff, aus dem die Alpträume sind

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Die besten Horrorgeschichten schreibt das Leben: In ihrem Buch "Rabid" erzählen Bill Wasik und Monica Murphy die Kulturgeschichte des "diabolischsten Virus der Welt". Ihnen gelingt ein so sachlicher wie erschreckender Trip in unsere schlimmsten Alpträume.

Tollwut: Ganz reale Horrorstorys Fotos
Corbis

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass man "Rabid" auf Englisch wird lesen müssen: Das Buch von Bill Wasik und Monica Murphy ist nicht der Stoff, aus dem ein Bestseller wird und das es darum zu Übersetzungen bringt. Die Zahl der Leser, die sich freiwillig mit der Geschichte und den Auswirkungen einer tödlichen Krankheit auseinandersetzen, dürfte einigermaßen klein sein.

Das ist schade, denn "Rabid" ist ein ungewöhnliches Buch, dessen Thema uns in jedem Sinne an die Nerven geht: Es erzählt uns die Kultur- und Medizingeschichte der Tollwut.

Die meisten von uns haben verdrängt, was für ein ganz realer Horror das auch in der westlichen Welt noch vor relativ kurzer Zeit war. Murphy und Wasik nennen den Erreger das "diabolischste Virus der Welt". Es spricht einiges dafür, dass diese Einschätzung richtig ist: Man kann Tollwut nicht überleben. Man kann heute dagegen impfen - auch noch einige Zeit nach der Ansteckung. Aber man kann sie nicht behandeln. Bricht sie aus, ist sie das absolute Todesurteil. Sie ist in dieser Hinsicht schlimmer als Ebola.

Tollwut in ihrer akuten Form hat nach heutigen Erkenntnissen eine Letalität von wohl 100 Prozent. In der ganzen langen Geschichte der medizinischen Aufzeichnungen gibt es nur zwei dokumentierte Fälle von Menschen, die eine akute Tollwut ohne Impfung überlebt haben sollen. Die Fälle sind jedoch umstritten. Als gesichert gilt hingegen laut Weltgesundheitsorganisation WHO, dass noch immer rund 55.000 Menschen im Jahr an Tollwut sterben. Gäbe es die Impfung nicht, so schätzt man, wären es vielleicht achtmal so viele.

Kein Wunder, dass diese schreckliche Krankheit, die unsere geliebten Schoßtiere Hund und Katze in aggressive, für uns tödliche Bestien verwandeln, Eichhörnchen zu Killern machen kann und Füchse dazu bringt, Autos zu attackieren, in vielfältiger Weise Einzug in unsere Kultur, in unsere Traditionen und Legenden gefunden hat. Diese Verbindung zwischen Krankheit und Kultur ist das große Thema des Buchs. Die zahlreichen Einzelheiten, die man nebenbei über die Tollwut erfährt, machen aus dem historischen Lesevergnügen einen Stoff für Alpträume.

Eine gruselige, keine leichte Lektüre

Auch Menschen verändert die Krankheit auf erschreckende Weise. Sie verbreitet sich entlang der Nervenbahnen, nicht über den Blutkreislauf, was Behandlungen, wie man sie lange bei Vergiftungen anwandte, wirkungslos macht. Oft erst Wochen oder Monate nach der Infektion erreicht das Virus das Gehirn des Erkrankten. Für den beginnt dann eine meist rund vier Tage dauernde Leidenszeit mit Fieber, Krämpfen und Schmerzen, Unfähigkeit zur Wasseraufnahme und irrationalen Schüben. Am Ende stehen immer Koma und dann der Tod.

Schon in antiker Zeit, berichten Wasik und Murphy, lieferte das Stoff für Ängste und Schauermärchen. Die Ärzte der Zeit versuchten, mit heute oft aberwitzig wirkenden Methoden dagegenzuwirken. Nur wenige erkannten ihre absolute Machtlosigkeit.

Über Jahrhunderte nahmen Menschen die Tollwut als tödliche Besessenheit wahr. Klug argumentieren die Autoren die Verbindungen zwischen der Krankheit und unserer Sagenwelt - von den entmenschlichten Berserkern auf dem Schlachtfeld bis hin zu Werwölfen und Vampiren. Von allen Krankheiten war die Tollwut lang die unerklärlichste, dämonischste.

Vieles in "Rabid" ist unheimlich, erregt Mitleid, schreckt ab. Unterm Strich aber zeigt das Buch exemplarisch und eindrucksvoll, was es für den Einzelnen bedeutet haben muss, in einer Welt zu leben, die ihren Krankheiten ohne Gegenwehr ausgeliefert war. Es ist ein Stoff, der seinen Leser bei der nächsten Impfung anders auf die Nadel blicken lassen dürfte. Der Blick zurück auf Zeiten der medizinischen Wehrlosigkeit macht uns klar, wie viel Glück wir haben, so etwas nicht erleben zu müssen.

Fazit: Ein faszinierendes, erzählerisches Sachbuch, das als Alternative zum Horrorschmöker taugt.

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