Rätselhafte Skikrankheit Wenn der Berg sich plötzlich dreht

Skifahrer sehen Lawinen, die es nicht gibt, ihnen wird schwindelig und übel. Was sich anhört wie Folgen einer Après-Ski-Sause, lässt sich wissenschaftlich erklären: Es ist die Skikrankheit.

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Schlechte Sichtverhältnisse auf der Piste: Im Schnee kann es unter bestimmten Umständen zur Skikrankheit kommen
Corbis

Schlechte Sichtverhältnisse auf der Piste: Im Schnee kann es unter bestimmten Umständen zur Skikrankheit kommen


Alles dreht sich, fast muss sie sich übergeben. Mitten auf der Piste in den Alpen hält Ruth Germann an, bis der Berg aufhört zu schwanken. Mit zitternden Knien fährt die 55-jährige Schweizerin zur nächsten Hütte. Was sich nach Magenverstimmung oder zu viel Jagertee anhört, lässt sich wissenschaftlich erklären: "Wir nennen es Skikrankheit, ein häufiges Phänomen", sagt Martin Burtscher, ehemaliger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Alpin- und Höhenmedizin.

Das mysteriöse Leiden kann sogar erfahrene Bergführer treffen. So wie Kurt Stauder aus Südtirol. Er war gestürzt, wusste aber nicht mehr warum. Auf einmal sieht er die Schneemassen von oben herabstürzen. "Achtung, Lawine!", schreit er, um seine Kundin zu warnen. Doch eine Lawine kann diese nicht erkennen. Stauder ist verwirrt, hat sich aber schnell wieder unter Kontrolle. Kurze Zeit später scheint sich der Hang unter ihm zu bewegen. "Ich verlor komplett die Orientierung", erinnert er sich.

Zum ersten Mal beschrieb der Schweizer Rudolf Häusler 1995 das Phänomen. "Ich hatte das Gefühl, Schnee gleite an mir vorbei", erzählt der ehemalige Chefarzt der Uni-Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten (HNO) in Bern. Außerdem wurde ihm übel, so, wie er das vom Segeln als Seekrankheit kannte. Als ihm Patienten ähnliches vom Skifahren berichteten, wurde er hellhörig. "Ich war erstaunt, wie viele Menschen solche Beschwerden spürten, es aber immer auf zu viel Alkohol oder verdorbenes Essen zurückführten", sagt Häusler.

Konflikt zwischen Auge und Innenohr

Die Symptome sind stets ähnlich: Der Berg scheint wie ein Schiff zu schwanken, Schneemassen schieben sich neben oder unter dem Skifahrer vorbei, bei manchen kommt Schwindel, Übelkeit und Erbrechen hinzu. Die Skikrankheit tritt vor allem auf, wenn die Sicht schlecht ist, und man die Piste kaum vom weißen Himmel unterscheiden kann.

Skikrank sei wie reisekrank in den Bergen, sagt Roland Laszig, Chefarzt der HNO-Klinik in Freiburg. "Die drei Bewegungsmeldesysteme des Körpers geben widersprüchliche Informationen an das Hirn, und es reagiert darauf mit Schwindel und Übelkeit." Zwar nimmt das Gleichgewichtsorgan im Innenohr die Schwünge des Skifahrers wahr, die Augen aber melden wegen der schlechten Sicht Stillstand. "Hinzu kommt, dass unser drittes Bewegungsmeldesystem, die Sensoren auf der Haut und in Gelenken, durch Skischuhe und dicke Kleidung quasi wie gedämpft ist", sagt Laszig. "So kann es weniger Informationen ans Hirn liefern."

Verwirrte Schaltzentrale
Die Skikrankheit gehört zu den Bewegungskrankheiten, den Kinetosen. Das Gehirn bekommt widersprüchliche Informationen, ob sich der Körper bewegt oder nicht, und reagiert mit Schwindel, Übelkeit oder Erbrechen.
  • Drei Systeme informieren unsere Schaltzentrale im Gehirn über Bewegungen: Die Augen, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und Sensoren in den Sehnen und der Muskulatur, den Gelenken, an der Fußsohle oder auf der Haut.
  • Letztere nehmen Druck, die Position der Gelenke oder einen Luftzug wahr und geben dem Hirn weiter, ob sich der Körper bewegt. Meldet eines der Systeme, der Körper stehe still, und die anderen nicht, gerät die Schaltzentrale durcheinander. Sie aktiviert das vegetative Nervensystem, dem Betroffenen wird schwindelig und übel, er wird blass, bekommt Schweißausbrüche und muss sich erbrechen.
Die bekannteste Kinetose ist die Reisekrankheit. In einer Schiffskabine nehmen die Augen zum Beispiel keine Bewegung war, das Gleichgewichtsorgan hingegen registriert Schwanken. Ähnliches kann im Zug passieren oder beim Lesen im Auto, ebenso im Flugsimulator, beim Computerspielen oder im 3-D-Kino.
Manchen Betroffenen verleidet die an sich harmlose Krankheit das geliebte Hobby komplett. Bei manchen verschlimmern sich die Symptome sogar so, dass ihnen selbst bei schönem Wetter schlecht wird. Andere wie Ruth Germann lassen das Skifahren zumindest bei Nebel und Schneetreiben bleiben.

Mit der ernsteren Höhenkrankheit, bei der es ebenfalls zu Übelkeit und Erbrechen kommen kann, habe die Skikrankheit aber nichts zu tun, sagt Gebirgsmediziner Burtscher. "Höhenkrank wird man meist erst in Höhen von über 3000 Metern", sagt er. "Die Skikrankheit tritt unabhängig von der Höhe auf." Verlässliche Statistiken zur Häufigkeit gibt es nicht. "Milde Symptome mit Unsicherheit und leichter Orientierungslosigkeit erleben viele bei schlechter Sicht", sagt Burtscher. "Aber die meisten können sich rasch darauf einstellen."

Sehstörungen spielen eine Rolle

Nach Rudolf Häuslers Umfragen in Vorlesungen leiden zwischen 10 und 20 Prozent der Medizinstudierenden unter deutlichen Symptomen der Skikrankheit. In einer Studie vom Sportmedizinischen Forschungszentrum in Teheran sind es zwischen 3,6 und 16,5 Prozent der Skifahrer. Die Teheraner Forscher fanden zudem heraus, dass jugendliche Skifahrer mit Kurz- oder Weitsichtigkeit oder Hornhautverkrümmung fast viermal so häufig skikrank wurden. Und alle skikranken Studienteilnehmer litten unter irgendeiner Form von Sehstörung. "Selbst kleine Sehprobleme enthalten den Augen wichtige Informationen vor", sagt Häusler.

Für alle, die es erwischt, hat Höhenmediziner Burtscher handfeste Ratschläge. "Am besten sucht man sich einen Punkt und fixiert den Blick darauf, das kann ein Baum oder ein Felsen sein", sagt er. Hilft das nicht, müsse man die Ski abschnallen. Wer trotzdem Skifahren will, kann mit Medikamenten gegen Reiseübelkeit vorbeugen, etwa mit Cinnarizin oder Dimenhydrinat. Häusler warnt aber vor Nebenwirkungen: Schläfrigkeit, Kopfweh, Bauchschmerzen oder - wenn auch selten - Bewegungsstörungen oder gar Halluzinationen. "Alles ziemlich blöd auf der Piste", sagt Laszig und empfiehlt, sich bei schlechter Sicht lieber einen gemütlichen Tag in der Hütte zu machen.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
susimore 08.02.2014
1. Danke
Danke, Danke, ich hab schon gedacht ich bin bekloppt. Genauso wars.
radler_muc 08.02.2014
2. Nichts neues für mich auf Skitouren
Ich hatte das Problem noch nie so schlimm, aber bei sehr schlechten Sichtverhältnissen kann einem schon übel werden und man weiß nicht mehr genau ob man fährt oder schon steht. Auf der Piste tritt das Problem bei mir nicht auf, aber auf Skitouren im Tiefschnee, wenn man keinerlei optischen Anhaltspunkt mehr hat. Da hilft es dann alten Spuren nachzufahren oder seiner eigenen Aufstiegsspur. Hauptsache man hat eine Kontur, an der man sich optisch orientieren kann.
Alien1503 08.02.2014
3. Weisser Adler auf weissem Grund
Die Steigerung ist Schneetreiben, Nebel oder Wolken, was in den Höhenlagen ja aufeinander treffen kann. Dann ist für mich der Tag zu Ende, weil ich weder Geschwindigkeit, noch Hangneigung abschätzen kann. Ich hab mich dann schon mal seitlich in den Hang gelehnt, um das Gleichgewicht zu halten. Nur war ich langsam und nicht in Hanglage und das Ergebnis ein Umfaller. Sobald solches Wetter aufzieht, bin ich jetzt weg von der Piste.
ratz1967 08.02.2014
4. Bei Schneetreiben mit Wind...
ist uns das auch schon mal passiert. Die sicht war schlecht...seeehr schlecht. Der Wind fegt den lockeren Schnee nur 2 m hoch über den Hang, so dicht, dass man nicht einmal mehr die Skispitzen sieht. Man ist völlig von der Rolle, weiß nicht mehr, ob man liegt, steht oder vorwärts fährt. Oben, unten, rechts, links... alles sieht gleich aus. Und plötzlich ein Schrei vom Kollegen: "Ein Erdbeben!!!" Ich kann nichts spüren... kurze Zeit später habe ich das dringende Bedürfnis, mich auf den Boden zu legen, um wieder Orientierung zu bekommen. Ist absoluter Wahnsinn, wie hilflos man wird, wenn die Sicht total versagt. Der Wind und der vorbeitreibende Schneestaub tut sein übriges. 20 Höhenmeter weiter, plötzlich freie Sicht. Wir waren noch nie so froh, die Piste wieder zu sehen. Kann ich niemand empfehlen, bleibe selbst bei solchem Wetter lieber in der Skihütte.
noalk 08.02.2014
5. Studierende und Skifahrer
Da zeigt sich mal wieder das Dilemma der vermeintlich politisch korrekten Formulierung: Es wird munter durcheinander gemischt. Um "Studenten und Studentinnen" zu vermeiden, wird von "Studierenden" geschrieben, gleichzeitig werden aber nur die "Skifahrer" erwähnt und die "Skifahrerinnen" außen vor gelassen. Wennschon, dennschon: Bitte künftig von "Skifahrenden" berichten.
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