Ein rätselhafter Patient: Das Kind im Kinde

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Ein Baby übergibt sich. Nichts Ungewöhnliches, könnte man denken. Doch der Fall des kleinen Jungen aus Indien ist spektakulär: Mit Röntgen- und CT-Aufnahmen kommen die Ärzte der seltenen Diagnose auf die Spur - und machen einen überraschenden Fund in seinem Bauch.

Rätselhafter Patient: Einling, Zwilling, Drilling? Fotos
Gangopadhyay et al/ BioMed Central

Als das Baby mit aufgeblähtem Bauch in der Klinik ankommt, ahnen die Ärzte nicht, was für ein ungewöhnliches Rätsel sie vor sich haben. Weltweit gibt es weniger als hundert ähnliche Fälle, die in der Literatur beschrieben sind. Es sind Geschichten, die nach Gruselkabinett klingen - und dennoch wahr sind. Doch erst einmal ist der zweieinhalb Monate alte Junge für die Kinderchirurgen von der Banaras Hindu University im indischen Varanasi ein ganz normales Kind, das Hilfe braucht.

Die Eltern berichten, dass der erste Lebensmonat normal verlief. Nach vier Wochen hatte der Junge immer wieder einen harten Bauch und erbrach sich häufig. Das tun viele Säuglinge, und weil das Erbrechen und die Anspannung der Bauchdecke immer wieder verschwanden, warteten die Eltern ab. Als die Symptome aber auch sechs Wochen später häufig auftreten, sucht das besorgte Paar Hilfe im Krankenhaus.

Als die Ärzte den Jungen untersuchen, ist sein Bauch zwar weich. In der linken Hälfte aber tasten sie eine große, relativ feste, verschiebbare Masse, die dort nicht hingehört. Normalerweise lassen sich bei kleinen Kindern lediglich noch der Rand der Leber und mitunter die Milz im rechten und linken Oberbauch ertasten.

Einverleibte Zellen

Zunächst untersuchen die Mediziner das Kind per Ultraschall, wie sie im "Journal of Medical Case Reports" berichten. Die Struktur in der linken Bauchhälfte sieht aus wie ein großer Klumpen, der verkalkt ist, aber auch Hohlräume hat und unter anderem aus weichem Gewebe bestehen könnte. Als Nächstes wird der Bauch des Babys geröntgt. Auch auf diesen Bildern sehen die Radiologen verkalkte Anteile, möglicherweise handelt es sich sogar um Knochen.

Die Ärzte gehen davon aus, dass sie das Kind operieren müssen. Um die Größe und die Beschaffenheit der seltsamen Masse besser einschätzen zu können, machen sie eine Computertomografie des Bauches. Die bedeutet zwar eine hohe Strahlenbelastung für den Jungen. Doch mit einer Kernspinuntersuchung, die nicht mit Röntgenstrahlen, sondern mit Magnetfeldern arbeitet, lassen sich Knochen nur schlecht darstellen - und Knochen vermuten die Mediziner in der Struktur.

Die Schichtaufnahmen geben den entscheidenden Hinweis: Aus den einzelnen Bildern lässt sich ein Gesamtbild erstellen, auf dem die Masse aussieht wie ein Fötus. Wenn im Mutterleib Zwillinge entstehen, kann es durch eine Fehlteilung während der Entwicklung des Embryos passieren, dass sich Zellen des einen Embryos in den anderen hineinverlagern. Mediziner nennen dieses extrem seltene Phänomen "Foetus in Foeto". Während der eine Embryo in der Schwangerschaft zu einem gesunden Kind heranreift, teilen sich die quasi einverleibten Zellen des Zwillings nicht mehr richtig - es entstehen lediglich deformierte Gliedmaßen, funktionsunfähige Organe und Zellhaufen.

Einling, Zwilling, Drilling?

Die Operation überrascht die Mediziner trotzdem: Im Bauch des Jungen finden sie eine Gewebemasse, die direkt aus seiner Hauptschlagader mit Blut versorgt wird. Sie ist mit 20 mal 8 Zentimetern so groß, dass sie seine Milz, seinen Darm, seine Bauchspeicheldrüse und seine linke Niere verdrängt. Nachdem die Chirurgen die Gewebemasse entfernt haben, entdecken sie, dass es sich nicht nur um einen, sondern sogar um zwei kleine Föten handelt - die Mutter hätte eigentlich Drillinge bekommen sollen.

Die Ärzte finden Haare, Fuß, Rumpf und Kopf. Bei den späteren Zelluntersuchungen zeigt sich, dass in den beiden Föten die verschiedensten Gewebearten wie Nieren- und Nervenzellen, Muskeln, Haut und Knochen vorhanden sind. Die Föten sind über ein nabelschnurähnliches Gewebeband miteinander verbunden - lebensfähig wäre keiner von beiden gewesen.

Bei dem extrem seltenen Phänomen befindet sich der eingeschlossene Fötus meist im Bauch des gesunden Kindes und verursacht dort früh Beschwerden. So auch bei einem neugeborenen Jungen in Chile, bei dem ein etwa zehn Zentimeter großer Fötus im Magen gefunden wurde. Doch auch in anderen Organen können die Zellen eines Zwillingsfötus eingeschlossen werden. Ein US-Arzt etwa berichtete von einem kleinen Jungen, der eigentlich aufgrund eines Hirntumors operiert wurde. Im Zentrum des vermeintlichen Tumors fanden die Ärzte allerdings einen kleinen Fuß und eine deformierte Hand.

Sehr selten kommt es auch vor, dass die Betroffenen jahrelang - oder sogar bis zu ihrem Tod - mit dem verkümmerten Zwilling im Leib leben. Bekannt ist etwa der Fall eines Inders, der 36 Jahre lang seinen deformierten Fötus in sich trug. Dieser war so groß, dass der Mann aussah, als sei er schwanger. Schließlich wurde der Druck auf sein Zwerchfell so extrem, dass er nur noch schwer Luft bekam und operiert werden musste. Die Probleme verschwanden, er wurde schnell wieder gesund. Auch der Säugling im indischen Varanasi erholt sich nach der Operation schnell und gut. Schon bald nach dem Eingriff darf er zu seinen Eltern nach Hause.

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1. peinlicher Fehler
goldaswelt 20.04.2013
"Doch mit einer Kernspinuntersuchung, die nicht mit Röntgenstrahlen, sondern mit Magnetfeldern arbeitet, lassen sich Knochen nur schlecht darstellen" das war einmal. mit den mri heute kann man auch knochen darstellen, die infomation ist detailreicher, weil auch die weichteile hochaufgelöst werden und die bei einem ct-abdomen immense strahlenbelastung fällt weg.
2.
Bernd L. Auert 20.04.2013
Zitat von sysopEin Baby übergibt sich. Nichts Ungewöhnliches, könnte man denken. Doch der Fall des kleinen Jungen aus Indien ist spektakulär: Mit Röntgen- und CT-Aufnahmen kommen die Ärzte der seltenen Diagnose auf die Spur - und machen einen überraschenden Fund in seinem Bauch. Rätselhafter Patient: Baby mit Bauchschmerzen und Erbrechen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/raetselhafter-patient-baby-mit-bauchschmerzen-und-erbrechen-a-894887.html)
Liebe SpOn-Redaktion, Sie verderben mir jedes einzige Mal die Freude am miträtseln, was der Patient oder die Patientin hat, wenn Sie des Rätsels Lösung schon in der Überschrift platzieren. Dann ist es aber kein rätselhafter Patient mehr - jedenfalls nicht für mich. Dann können Sie sich auch das auf geheimnisvoll getrimmte Anfüttern in der Unterüberschrift sparen. Mit freundlichen Grüßen Bernd L. Auert
3.
Marv89 20.04.2013
Zitat von goldaswelt"Doch mit einer Kernspinuntersuchung, die nicht mit Röntgenstrahlen, sondern mit Magnetfeldern arbeitet, lassen sich Knochen nur schlecht darstellen" das war einmal. mit den mri heute kann man auch knochen darstellen, die infomation ist detailreicher, weil auch die weichteile hochaufgelöst werden und die bei einem ct-abdomen immense strahlenbelastung fällt weg.
Das mag in Deutschland vielleicht so sein, in Indien würde ich solche Geräte eher nicht vermuten... zumindest nicht weit verbreitet
4. Schwangerer Hauptmann
wolffm 20.04.2013
Es gibt eine ähnliche Medizingeschichte aus dem Italien des vor(?)vorigen Jahrhunderts, bekannt unter der Bezeichung "schwangerer Hauptmann", der mit diesem Symptom ein beträchtliches Alter erreicht hat. Die Geschichte hat mir ein älterer Mediziner in der 1970-Jahren erzählt. Ich habe leider keine Quelle dazu gefunden.
5. Wirklich so selten?
Papa_Oystein 20.04.2013
"Weltweit gibt es weniger als hundert ähnliche Fälle, die in der Literatur beschrieben sind." Das überrascht mich - vor Jahren (2. Hälfte der 90er) wurde einer Kollegin der Embryo eine Zwillings entfernt - wenn ich micht richtig entsinne: aus dem Hals. Der muss sehr klein gewesen sein, weil er nicht auffiel von außen und wohl auch erst Beschwerden machte oder entdeckt wurde als sie Ende 20 war. Ich entsinne mich dass uns das zwar neu war, aber als gar nicht soooo selten beschrieben wurde. Sind evtl irgendwelche spezielleren Umstände des vorliegenden Falls so selten? Jedoch bestätigt der Wikipedia-Artikel "Foetus in foeto" die Statistik mit Verweis auf einen Fachartikel.
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  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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