Ein rätselhafter Patient: Bleibender Eindruck

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Tattoos: Farben mit Folgen

Unter seinem zwölf Jahre alten Tattoo bemerkt ein New Yorker rote Knötchen. Im Krankenhaus vermuten die Ärzte, dass eine Geschlechtskrankheit seine Beschwerden ausgelöst hat. Erst ein Blick durchs Mikroskop bringt sie auf die richtige Spur.

Rote Knötchen treiben einen Mann ins Metropolitan Hospital Center an der New Yorker First Avenue. Sie breiten sich unter einem bereits zwölf Jahre alten Tattoo an seinem rechten Bein aus.

Seit zwei Wochen schon, berichtet er seinen Ärzten, plagen ihn Schmerzen und geschwollene Knöchel. Mittlerweile zieht es in beiden Beinen in den Muskeln, er hat Fieber, fühlt sich schlapp und krank, nachts schwitzt er stark.

Bei der Untersuchung fallen den Medizinern um Jose Rodolfo Guerra die geschwollenen Knöchel an beiden Beinen auf, berichten sie im Fachmagazin "The Lancet". Die Haut ist besonders über der Achillessehne gerötet, dort reagiert der Patient bei Berührung mit Schmerzen. Seinen Fuß kann er nur schwer drehen, die Bewegung im Sprunggelenk ist deutlich eingeschränkt.

Unter dem Tattoo am rechten Bein erkennen die Ärzte die vom Patienten beschriebenen Knötchen und Flecken, die sich pink mit weißem Belag von der restlichen Haut abheben:

Tattoo mit Hautreaktion: Gerötete Hautknötchen mit weißen Auflagerungen (links) und Mikroskop-Bild einer an dieser Stelle entnommenen Hautbiopsie (rechts) Zur Großansicht
Elsevier/ Jose Rodolfo Guerra/ Metropolitan Hospital Center

Tattoo mit Hautreaktion: Gerötete Hautknötchen mit weißen Auflagerungen (links) und Mikroskop-Bild einer an dieser Stelle entnommenen Hautbiopsie (rechts)

Die Mediziner analysieren das Blut ihres Patienten im Labor, sie hoffen, einen Hinweis auf die Ursachen der Beschwerden finden zu können. Ihnen fällt auf, dass ihr Patient unter einer Blutarmut leidet - im Blut zirkuliert zu wenig des Sauerstofftransporteurs Hämoglobin.

Zusammen mit einem auffälligen Röntgenbild der Lunge legen die Befunde einen Verdacht nahe: Der Patient könnte an einer reaktiven Arthritis leiden. So bezeichnen Ärzte entzündliche Gelenkveränderungen, mit denen das Immunsystem des Körpers auf Infektionen reagiert.

Allerdings gibt es bei dem New Yorker keine Anhaltspunkte für eine Ansteckung. Typischerweise führt eine Infektion mit Chlamydien oder Gonokokken zu einer reaktiven Arthritis, beide werden beim Geschlechtsverkehr übertragen. Doch der Mann hatte weder typische Symptome einer Infektion noch Sex mit mehreren Partnern. Auch die Labortests bleiben negativ. Die Blutuntersuchungen ergeben zudem keine Hinweise auf andere rheumatische Erkrankungen.

Mit dem Mikroskop auf die richtige Fährte

Schließlich stanzen die Ärzte eine kleine Probe aus der tätowierten Haut und untersuchen diese unter dem Mikroskop. Was sie sehen, bringt sie auf die richtige Spur: Dunkle Flecken durchziehen das Gewebe, ungewöhnlich dichte Zellhaufen in der Haut. Sogenannte Granulome sind ein Zeichen für eine als Sarkoidose oder Morbus Boeck bezeichnete Krankheit des Bindegewebes.

Typischerweise durchziehen die kleinen Knötchen unterschiedliche Organe, besonders häufig trifft es die Lunge. So ergeht es auch dem New Yorker Patienten, wie eine Röntgenuntersuchung und eine später angefertigte Computertomografie zeigen. Der Patient leidet dabei unter einer besonderen Form der Sarkoidose, schreiben die Mediziner: Erkrankt der Betroffene akut und sind seine Gelenke geschwollen und schmerzen, spricht man vom Löfgren-Syndrom.

Die Ursache der Sarkoidose ist bis heute nicht bekannt. Die Prognose reicht von einer spontanen Selbstheilung bis hin zu einer schubweisen oder chronischen Verschlechterung. Insgesamt aber haben vor allem jüngere Patienten gute Chancen, dass die Beschwerden von selbst wieder verschwinden.

Da die Ursache der Sarkoidose unbekannt ist, können Ärzte nur die Symptome behandeln. So geben auch die New Yorker Mediziner ihrem Patienten ein Kortisonpräparat, das die Beschwerden innerhalb weniger Tage lindert. Seit dieser Behandlung im Krankenhaus sei der Patient beschwerdefrei und benötige auch kein Kortison mehr, schreiben sie.

Tatsächlich berichten Jose Rodolfo Guerra und seine Kollegen von älteren Schilderungen über Patienten, bei denen die Sarkoidose ebenfalls dank Hautveränderungen unter Tattoos aufgefallen war. Seit dem ersten Fallbericht 1955 gebe es insgesamt 32 ähnliche wissenschaftliche Veröffentlichungen. Besonders in roten, schwarzen oder schwarzblauen Bereichen von Tattoos würden die Sarkoidose-Knötchen Monate bis Jahrzehnte nach dem Stechen auftreten.

Darüber, was diese Reaktion des Körpers auf die Tattoos hervorruft, können die Mediziner nur mutmaßen. Sie nehmen an, dass die dauerhafte Auseinandersetzung des Immunsystems mit der Farbe in der Haut die Sarkoidose ausbrechen lässt.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Tattoolos
spon-facebook-10000198139 20.07.2013
Nicht immer sind Tattoos ein Auslöser bzw. sind ein Indiz für diese Krankheit. Ich habe überhaupt kein Tattoo . Im Januar 2011 erkrankte ich schwer an dem Löfgren Syndrom. Zum Glück haben gute Ärzte die Krankheit frühzeitig erkannt und mit Hilfe von Kortison ist sie auch wieder weg gegangen.
2. Dumm
BeBeEli 20.07.2013
Warum ist er auch so dumm, sich seinen Körper mit den Tätowierungschemikalien schädigen zu lassen. Tätowierungen sind eine unglaublich dämliche Mode.
3.
Mylenium 20.07.2013
Leider erwecken Sie im Artikel den Eindruck, dass es sich bei Sarkoidose um eine "Das wird schon von selbst wieder!" Krankheit handelt - ein paar Corticoide schlucken und dann ist alles gut. Als selbst Betroffener, der wohl zu den 5-10% ohne Remissionsaussichten gehört und den Rest des Lebens damit verbringen wird, möchte ich unbedingt jedem Leser empfehlen, sich weiter gehend zu informieren, um ein besseres Verständnis der Komplexität dieser Krankheit zu bekommen.
4. Naja
hundotto 20.07.2013
32 Fälle bei abermillionen Tattoos.Panik,weil selbst massiv tätowiert,stellt sich bei mir nicht grad ein.
5. Das
schockierter! 20.07.2013
Zitat von BeBeEliWarum ist er auch so dumm, sich seinen Körper mit den Tätowierungschemikalien schädigen zu lassen. Tätowierungen sind eine unglaublich dämliche Mode.
ist wohl war
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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