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Ein rätselhafter Patient: Depression und kribbelnde Füße

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CT-Aufnahmen vom Gehirn des Patienten: Woher kommen die hellen Flecken? Zur Großansicht
Rosa et al./ BioMed Central Ltd./ Regis G. Rosa

CT-Aufnahmen vom Gehirn des Patienten: Woher kommen die hellen Flecken?

Ein 22-Jähriger ist müde und antriebslos, seine Ärzte diagnostizieren eine Depression. Doch als sie das Gehirn und das Herz des Mannes untersuchen, erkennen sie: Seine Gemütslage muss eine körperliche Ursache haben.

Als sich der 22-Jährige in die Klinik in Sapucaia do Sul, einer Stadt im Süden Brasiliens, einweisen lässt, fühlt er sich vor allem leer. Seit drei Monaten ist er immer müde, schläft aber schlecht, mag nichts mehr unternehmen, hat stark abgenommen und denkt viel an den Tod.

Der Mann kennt eine solche Gemütslage bislang nicht. Er nimmt keine Drogen und trinkt keinen Alkohol. Die einzigen Krankheiten, unter denen er leidet, sind chronische Magenschmerzen, aufgrund derer er seit fünf Jahren den Säurehemmer Omeprazol nimmt. Außerdem hat er epileptische Anfälle, gegen die er Valproinsäure schluckt.

Neu ist für ihn auch, dass seine Zehen häufig und scheinbar ohne Grund kribbeln. Als die Ärzte den Mann körperlich untersuchen, finden sie nichts Auffälliges, auch nicht an den Füßen oder Zehen. Ein Psychiater diagnostiziert nach einem eingehenden Gespräch eine Depression.

Erstaunliche Entdeckungen bei Routineuntersuchung

Um eine körperliche Ursache für eine psychiatrische Erkrankung auszuschließen, machen die Mediziner routinemäßig Computertomographie-Aufnahmen vom Gehirn, analysieren das Blut und untersuchen weitere Organe wie etwa das Herz. Oft ergeben diese Untersuchungen keine krankhaften Befunde.

Nicht so bei dem Patienten: Schon auf den CT-Bildern von seinem Kopf fällt auf, dass sich symmetrisch in beiden Gehirnhälften Kalzium im Bereich der sogenannten Basalganglien abgelagert hat, die an vielen Bewegungsabläufen, aber auch an psychodynamischen Prozessen wie Antrieb oder Affekt beteiligt sind.

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Auch das EKG ist auffällig: Die elektrische Signalübermittlung im Herzen scheint immer wieder gefährlich aus dem Takt zu geraten. Im Blut ist ebenfalls einiges durcheinander. Der Kalzium- und der Magnesiumspiegel sind viel zu niedrig, dafür schwimmt zu viel Phosphat in seinem Serum. Andere wichtige Parameter wie die Schilddrüsenhormone, Nierenwerte und Vitamin D sind dagegen normal.

Ein kompliziertes Puzzle

Den Ärzten gelingt es, die Puzzleteile aus depressiven Symptomen, Herzrhythmusstörungen, Ablagerungen im Gehirn und Elektrolytverschiebungen richtig zusammenzusetzen: Sie glauben, dass der Mann unter einem Hormonmangel mit dem komplizierten Namen Hypoparathyreoidismus leidet.

Parathormon (PTH) ist ein Hormon, das in den Nebenschilddrüsen gebildet wird und im Zusammenspiel mit anderen Faktoren den Kalzium- und Phosphatspiegel reguliert. Vereinfacht gesagt: Ist zu wenig Kalzium im Blut, wird mehr PTH ausgeschüttet, ist zu viel vorhanden, wird weniger PTH produziert (sogenannter Hypoparathyreoidismus). Mit Phosphat ist es genau anders herum.

Auch das Magnesium ist in diesen Rückkopplungskreislauf eingebunden. Allerdings bewirkt ein chronischer Magnesiummangel, dass nur noch wenig PTH ausgeschüttet wird - dann ist ein niedriger Kalziumspiegel im Blut die Folge. Kalzium spielt wiederum als lebenswichtiges Elektrolyt eine wichtige Rolle bei der Signalübermittlung im Gehirn und in der Muskulatur. Das erklärt die Herzrhythmusstörungen des Patienten und das Kribbeln in seinen Füßen.

Woher kommt der Magnesiummangel?

"Wir beschreiben hier einen ungewöhnlichen Fall", schreiben die Ärzte um Regis Rosa vom Hospital Municipla Getúlio Vargas, im "Journal of Medical Case Reports". "Es ist eigentlich untypisch, dass sich ein Hypoparathyreoidismus primär als Depression zeigt."

Untypisch ist auch die Ursache des Mangels an Parathormon: Die Ärzte sind sich sicher, dass der langjährige Gebrauch des Säurehemmers Omeprazol Schuld daran ist, den der Patient gegen seine chronischen Magenschmerzen nimmt. Bereits seit Jahren mehren sich die Berichte über schwere Fälle von Magnesiummangel im Zusammenhang mit der Arznei.

Therapeutisch verordnen die Ärzte dem Patienten unter anderem Kalzium, Magnesium und ein Antidepressivum. In den folgenden 41 Tagen im Krankenhaus nehmen seine depressiven Beschwerden deutlich ab - ob durch die Antidepressiva oder durch den verbesserten Elektrolyt-Spiegel, können die Mediziner nicht sagen. Sie schreiben aber in ihrer Diskussion, dass in der Literatur immer wieder berichtet werde, dass Antidepressiva in ähnlichen beschriebenen Fällen nicht geholfen hätten.

Als der Mann entlassen wird, hat er normale Kalzium- und Magnesiumwerte. Auch bei einem Routine-Check-up zwei Monate später geht es ihm gut.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Psychiatrisch ist doch letztlich immer organisch
MobelpreisMedizinPhysik 01.11.2014
Nur kennt man halt bei den meisten psychiatrischen Krankheitsbilder nicht immer die auslösende, organ. Ursache bzw. kann den molekularen Defekt finden. Dennoch gibt es mittelfristig immer besseres Verständnis für die Pharmakologie und muss "nur" noch die Patienten richtig diagnostizieren, um wenigstens die schlimmsten Auswirkungen zu vermindern. Hier konnte halt (spät) ein Defekt der Nebenschilddrüse gefunden werden. Das sollte zwar nicht jeder Hausarzt diagnostizieren können, aber doch schon jede noch so schlechte (Kreis-)Klinik.
2.
CancunMM 01.11.2014
komisch, so habe ich es nicht gelesen. wo wird die schädigung der nebenschilddrüse (und somit ein prim. hypoparathyreoidismus) beschrieben ? es wird hier ja eher allenfalls ein sekundärer hypoparathyreoidismus bei magnesiummangel dafür veranwortlich gemacht. die nebenschilddrüse arbeitet ja normal. was es aber zeigt ist der blödsinnige und massenhafte dauerhafte einsatz von protonenpumpeninhibitoren bei auch noch zweifelhafter indikation.
3. Ohne Magnesium,Vitamin K2 keine Calcium Resorption
spon-1260198375403 01.11.2014
Die Hemmung der Protonenpumpen lässt die intragastralen pH-Werte auf über pH 3 oder 4 ansteigen. Ein saurer pH-Wert von 3 oder 4 im Magen und Dünndarm steigert die Resorption von Calcium und Vitamin B12. PPI entzieht bei einer längeren Therapie dem Körper massiv Magnesium. Magnesium ist der notwendige Gegenspieler von Calcium. Zu wenig Magnesium führt zu einem Verlust der Kontrolle über die Kalziumverteilung, so dass dieses mehr oder weniger gleichmäßig an alle Zellen verteilt wird, also sowohl in Knochenzellen, als auch in Blutzellen, Hautzellen, Bindegewebe. Eine Einlagerung von Calcium in den Gefässen, an Sehnen (z.B. Tendinitis calcarea) und in Muskeln oder wie im Gehirn wie in diesem Beispiel kann erfolgen. Für PPI-Patienten gilt: calcium- und magnesiumreiche Kost,ausreichende Versorgung mit Vitamin D3 (siehe: Vitamin D3 Mangel, Vitamin B12—Bluttest, Magnesium Mangel, Vitamin K2 Mangel-Supplementierung). Eine britische Langzeitstudie mit rund 150 000 Personen konnte zeigen, dass auch PPI den Knochen schädigen und das Risiko für Hüftfrakturen steigert. Erhöhte Krebsgefahr bei hohen Vitamin-B12-Werten! Eine dänische Studie zeigt: Bei unerwartet hohen Vitamin-B12-Werten ist das Risiko für Leukämie im nächsten Jahr 100-fach erhöht, das für Leberkrebs 40-fach. http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/krebs/article/850963/daenische-studie-erhoehte-krebsgefahr-hohen-vitamin-b12-werten.html Leider sind die Zusammenhänge zwischen Vitamin D3, Magnesium, Kalzium und Vitamin K2 den wenigsten Ärzten bekannt. Noch heute verschreiben viele Ärzte bei Calcium Mangel dann Calcium Tabletten ohne Magnesium. In der Folge verkalken die Patienten fröhlich weiter.... Und auf den Magnesiummangel gehen dann auch viele der Symptome bei Vit. D-Mangel zurück, vor allem die Muskelschwäche, Muskelverspannungen, miese Laune, Stressintoleranz, Depressionen. Daneben trägt der Magnesiummangel (zusätzlich zum Vit. D-Mangel selbst) auch mit bei zum bei Vit. D-Mangel stark erhöhten Risiko für Osteomalazie/Osteopenie/Osteoporose (Magnesium ist wie Calcium und Phosphat ebenfalls ein wichtiges Knochenmineral!), ist außerdem auch ein Risikofaktor für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Insulinresistenz/Diabetes II. Vergessen wird zudem die Wichtigkeit von Vitamin K2: Vitamin K2 reguliert Calcium! Studien haben gezeigt, dass der Calciumstoffwechsel ohne Vitamin K2 nicht funktioniert. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menachinon (Vitamin K2) für die Gesundheit von Knochen, Knorpeln und Blutgefässen wichtiger ist als Phyllochinon(Vitamin K1) – auch weil sich Menachinon nach der Aufnahme besser in den Körpergeweben verteilt, während sich Phyllochinon vornehmlich in der Leber akkumuliert und schnell ausgeschieden wird. Studien beweisen die Wirkung http://www.orthoknowledge.eu/update_vitamin_k2/ http://www.orthoknowledge.eu/vitamin-k-vielseitiger-als-bisher-gedacht/
4. Routinemäßiges CT bei Psychosymtomen
zorga 02.11.2014
"Erstaunliche Entdeckungen bei Routineuntersuchung Um eine körperliche Ursache für eine psychiatrische Erkrankung auszuschließen, machen die Mediziner routinemäßig Computertomographie-Aufnahmen vom Gehirn, analysieren das Blut und untersuchen weitere Organe wie etwa das Herz." Hier in Deutschland ist es genau andersrum. Wenn man mit körperlichen Symptomen zum Arzt geht und nur der allerleiseste Verdacht besteht, es könnte sich dabei um eine Depression oder eine ander psychische Beeinträchtigung handeln, wird quasi die Suche nachdem Krankheitsgrund sofort eingestellt und alles auf die Psyche geschoben. Und wer erstmal als (Ex-) Depressiver oder Borderliner beim Arzt bekannt ist, bekommt nie wieder eine vernünftige Diagnostik. Alles wird immer auf die Psyche geschoben, egal ob Schmerzen, Inkontinenz, Sehstörungen oder Appetitlosigkeit. Das sind meine eigenen Erfahrungen, die sich leider mit denen anderer decken.
5.
CancunMM 02.11.2014
ja was denn nun. zu viel vitamin b12 oder zu wenig. bei ansteigenden ph unter ppi wird weniger vitamin b12 resorbiert.
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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