Ein rätselhafter Patient Erblindet im Rettungswagen

Eine ältere Frau leidet unter hohem Fieber, auf dem Weg ins Krankenhaus erblindet sie plötzlich. Zuvor hatte sie keine Beschwerden an den Augen. Die Ursache finden die Ärzte an einer ganz anderen Stelle im Körper der Patientin.

Von

Auge: Wolkige Substanz im Auge verschleiert den Blick auf die Netzhaut
Corbis

Auge: Wolkige Substanz im Auge verschleiert den Blick auf die Netzhaut


Die 72-Jährige Frau plagt sich seit zehn Tagen mit Muskelschmerzen, ihr fehlt der Appetit, und sie ist antriebslos. Heute fühlt sie sich zunehmend unwohl, hat Fieber und lässt sich schließlich mit dem Rettungswagen in ein Krankenhaus der neuseeländischen Metropole Auckland bringen.

Auf dem Weg dorthin kann sie plötzlich nichts mehr sehen, sie erblindet auf beiden Augen. Die Frau spürt dabei keine Augenschmerzen, bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie keine Probleme mit dem Sehen.

Fieber, Herzrasen, Blutdruckprobleme

In der Notaufnahme erleben die Ärzte eine fiebrige Patientin mit zu schnellem Herzschlag und niedrigem Blutdruck, berichten Wallace Brownlee und seine Kollegen im Fachmagazin "The Lancet". Der Frau wurde in der Vergangenheit bereits eine Herzklappe ersetzt, sie ist wegen ihres hohen Blutdrucks in Behandlung. Bei der Untersuchung hören die Mediziner ein Geräusch während der Phase, in der das Herz das Blut in die Schlagadern pumpt - ein Hinweis auf Probleme an den Herzklappen.

Als Ursache der Blindheit vermuten die Ärzte zuerst eine Embolie, also geronnenes Blut, das Gefäße verstopfen kann. Vorstellbar wäre, dass sich bei Herzrhythmusstörungen im linken Herzvorhof der älteren Frau ein Thrombus - also ein Propf aus geronnenem Blut - bildet, von dem sich Teile lösen und bis ins Gehirn gespült werden. Dort könnten diese Emboli Blutgefäße verschließen, die das Sehzentrum - in diesem Fall auf beiden Seiten - beeinträchtigen müssten. Doch die Ärzte finden keine Belege für diese Theorie.

Keine Reaktion auf Licht

Beim Sehtest nimmt die Patientin mit beiden Augen kein Licht wahr. Die Bindehäute sind leicht gerötet, die Pupillen reagieren auch nicht auf Licht. Beim Versuch, das Augeninnere zu untersuchen, verschleiert eine wolkige Substanz den Blick der Ärzte auf den Augenhintergrund.

Die Mediziner kümmern sich um den Kreislauf der Patientin, sie geben ihr Flüssigkeit und Antibiotika. Bei einer erneuten Untersuchung entdecken sie kristallartigen Niederschlag im Auge, wo eigentlich nur klare Flüssigkeit sein dürfte. Die Hornhaut ist geschwollen, in der Vorderkammer sehen die Ärzte Zellen, obwohl auch hier nur Kammerwasser sein sollte. Die Trübungen in diesem direkt hinter der Hornhaut gelegenen Augenbereich und in der Augenlinse der Patientin verhindern weiterhin, dass die Mediziner den Augenhintergrund untersuchen können.

Aus dem Körperinneren ins Auge

Was die Ärzte sehen, spricht für eine Entzündung im Inneren des Auges, im Fachjargon als Endophthalmitis bezeichnet, die mutmaßlich durch eine Infektion mit einem Krankheitserreger ausgelöst wird. Da die Augen der Patientin von außen unverletzt sind und da beide Augen betroffen sind, gehen die Ärzte von einer Infektionsquelle im Körper aus. Die vermutlich verantwortlichen Bakterien wären dann über den Blutstrom ins Auge verschleppt worden.

Um ihre Theorie zu überprüfen, entnehmen die Ärzte aus dem normalerweise durchsichtigen Glaskörper des Auges Flüssigkeit und versuchen, daraus Bakterienkulturen anzuzüchten. Das gleiche machen sie mit Blut der Patientin. Tatsächlich gelingt im Labor der Nachweis von Bakterien der Art Streptococcus agalactiae. Der Verdacht der Mediziner bestätigt sich.

Bakterien auf den Segeln

Bei der genauen Untersuchung des Herzens im Ultraschall finden die Ärzte die Quelle der Bakterien: Auf der Oberfläche der zwischen Vorhöfen und Kammern gelegenen Herzklappensegel wachsen die Krankheitserreger, die Patientin ist an einer Endokarditis erkrankt, einer Entzündung der Herzinnenhaut. Bei einer sicherheitshalber durchgeführten Kontrolle des Gehirns in der Computertomografie (CT) gibt es glücklicherweise keine Hinweise auf ins Gehirn verschleppte Bakterien.

Innerhalb von 48 Stunden schwellen die Augenlider der Frau an, die Augenpartie und die Bindehäute röten sich. In der rechten Vorderkammer sammelt sich Eiter. Hartnäckig steigt über insgesamt drei Wochen immer wieder das Fieber an, obwohl die Patientin mit Antibiotika behandelt wird. Auf der linken Herzseite bleibt das Bakterienwachstum, auf der rechten Seite nimmt es sogar zu.

Schließlich müssen sowohl die Mitralklappe im linken als auch die Trikuspidalklappe im rechten Herz ersetzt werden. Nach der Operation ist die Endokarditis behoben, doch die Patientin bleibt bis zur letzten Nachuntersuchung im Dezember 2012 blind, berichten ihre Ärzte im "Lancet". Leider ist ein solcher Ausgang bei dieser Art der verschleppten Infektion häufig, vier von fünf Patienten mit einer bakteriellen Endophthalmitis können nach der Infektion gerade noch Helligkeit von Dunkelheit unterscheiden oder bleiben blind.

Mehr zum Thema
Newsletter
Ein rätselhafter Patient


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Spiegelleserin57 14.12.2013
1. Sauberkeit bei der OP?
woher kommen diese Keime? Die Frage bleibt wohl noch zu klären. Hier sieht man mal wieder dass Sauberkeit während der OP eine Grundvoraussetzung zur Genesung ist. Bei so großen OPs würde sich auch eine Antibiotikagabe wärend der OP lohnen damit solche Fälle gar nicht erst auftauchen. Vorsorge ist wie immer die beste Therapie!
DerMarktschreier 14.12.2013
2. In der Regel...
Zitat von Spiegelleserin57woher kommen diese Keime? Die Frage bleibt wohl noch zu klären. Hier sieht man mal wieder dass Sauberkeit während der OP eine Grundvoraussetzung zur Genesung ist. Bei so großen OPs würde sich auch eine Antibiotikagabe wärend der OP lohnen damit solche Fälle gar nicht erst auftauchen. Vorsorge ist wie immer die beste Therapie!
...wird das meines Wissens auch gemacht. In den Tagen, in denen ich bei verschiedenen Operationen dabei war, kam nahezu immer ein Antibiotikum zum Einsatz. Möglich ist aber, dass die Erreger Resistenzen gegen das gewählte Antibiotikum gebildet haben. Auch in dem im Artikel beschriebenen Fall reicht das Medikament ja nicht aus, um die Infektion zurückzudrängen.
kastanienvogel 14.12.2013
3. Sauberkeit bei der op
Streptokokken haben wir auf unserer haut, erst wenn das Immunsystem geschwaecht ist, koennen sie ueberhand nehmen und zeigen sich in form einer Infektion. Op raeume inkl. Instrumente werden zwar sterilisiert, aber es bleiben immer restkeime vorhanden. Antibiotika vergabe bei ops ist norm.
kastanienvogel 14.12.2013
4. Sauberkeit bei der op II
Die op wurde doch erst nach der Infektion durch gefuehrt, insofern sehe ich keine Relevanz zwischen deinem Kommentar und dem Artikel.
dalethewhale 14.12.2013
5. @spiegelleserin57
bitte lesen sie den Artikel korrekt! es gab bis zur Aufnahme keine op! die kam erst nachher! und bei jeder op wird vorsorglich Antibiotika gegeben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.