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Ein rätselhafter Patient: Frau filmt eigene Lähmung

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REUTERS

Zweimal hintereinander ist Stacey Yepes' linke Körperhälfte plötzlich gelähmt. In beiden Fällen ist der Spuk schnell wieder vorbei, Ärzte begründen die Symptome mit Stress. Beim dritten Mal filmt sich die Frau selbst - und die Mediziner werden aktiv.

Als Stacey Yepes es sich endlich auf ihrem Sofa gemütlich gemacht hat, um fernzusehen, wird ihre linke Körperhälfte plötzlich taub. Auch ihre linke Gesichtshälfte kann die 49-Jährige kaum bewegen. Als sie einen Anruf beantwortet, spricht sie verwaschen und schwerfällig. Yepes glaubt, sie hat einen Schlaganfall. Aber nach fünf Minuten ist alles vorbei.

Trotzdem geht sie ins Krankenhaus. Alle Untersuchungen sind unauffällig und die Ärzte meinen, Stress habe ihre Symptome ausgelöst. Mit ein paar gut gemeinten Ratschlägen schicken sie die Frau wieder nach Hause.

Überzeugt ist Yepes nicht. "Es stimmt, ich hatte einige Nächte schlecht geschlafen, und mein Job ist auch ziemlich stressig", sagt die Rechtsreferentin. "Trotzdem war ich ziemlich sicher, dass die Symptome von einem Schlaganfall kamen." Auf dem Weg nach Hause hat sie erneut ein Taubheitsgefühl in der linken Körperhälfte. Wieder verschwindet es nach ein paar Minuten, als wäre nichts geschehen.

"Ich weiß nicht, wieso mir das passiert"

Am nächsten und übernächsten Tag geht Yepes zur Arbeit - mit einem unguten Gefühl. Als sie zwei Tage nach dem ersten Ereignis mit ihrem Auto nach Hause fährt, passiert es plötzlich wieder: Ihre linke Körperhälfte ist taub und schwer. Geistesgegenwärtig lenkt die Frau ihren Wagen an den Straßenrand, greift sich ihr Handy und filmt sich selbst. "Meine Zunge fühlt sich taub an", sagt sie mit verwaschener Sprache in die Kamera, "ich weiß nicht, wieso mir das passiert."

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Auch dieses Mal verschwinden Lähmungen und Taubheitsgefühl wieder weitgehend. Yepes geht jetzt in ein anderes Krankenhaus. Nachdem die Ärzte ihr zugehört und sich das Video-Selfie angesehen haben, glauben auch sie an eine Durchblutungsstörung im Gehirn und schicken ihre Patientin in das Krembil Neuroscience Center (KNC) des Toronto Western Hospitals in der kanadischen Stadt Toronto. Auf der Webseite des Krankenhauses stellt die behandelnde Ärztin Cheryl Jaicobin die Fallgeschichte von Stacey Yepes und das Video vor.

Die Experten am KNC haben nach den Schilderungen sofort eine Verdachtsdiagnose: Stacey Yepes hatte vermutlich mehrere sogenannte transitorisch ischämische Attacken (Tia). Dabei handelt es sich ebenso wie beim Schlaganfall um Durchblutungsstörungen im Gehirn. Im Gegensatz zum Hirninfarkt bilden sich die Symptome aber innerhalb von 24 Stunden wieder komplett zurück.

Gerade deshalb sind Tias unter Umständen besonders gefährlich: Verschwindet eine Lähmung von allein wieder, suchen nicht alle Betroffenen sofort Hilfe im Krankenhaus, weil sie die Gefahr unterschätzen. Eine Tia aber ist häufig Vorbote eines Hirninfarkts: Laut den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (S. 27) folgt einer Tia in mehr als jedem viertem Fall ein Schlaganfall mit bleibenden Einschränkungen.

Die Ursachen für die Durchblutungsstörungen sind indes die gleichen: Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, Übergewicht und erhöhte Blutfettwerte verkalken und verengen die Arterien. Setzt sich ein Blutgerinnsel dauerhaft fest, werden die dahinterliegenden Gehirnregionen nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und die Nervenzellen sterben ab.

Verkalkte Arterien, Herzrhythmusstörungen

Wer eine Tia erleidet, muss also auf Risikofaktoren durchgecheckt werden. Lässt sich auf Computertomografie-Aufnahmen vom Kopf ein Schlaganfall nachweisen? Wie hoch sind der Blutdruck und der Cholesterinspiegel? Gibt es Verkalkungen in den Arterien, insbesondere in den Halsschlagadern? Hat der Patient Herzrhythmusstörungen, die die Bildung von Blutgerinnseln befördern? Gibt es Störungen bei der Blutgerinnung? Und liegen andere Risikofaktoren wie Rauchen oder Diabetes vor?

Normalerweise dauern diese Untersuchungen mehrere Tage, die der Patient im Krankenhaus verbringt. Am KNC in Toronto haben die Ärzte ein System geschaffen, in dem alle Untersuchungen an einem Tag gemacht werden. Bei Yepes sind die Arterien verkalkt und durch Plaques verengt. Im CT ist ein kleiner Schlaganfall zu erkennen, der erklären kann, warum ihr linker Arm noch etwas beeinträchtigt ist.

"Ich dachte, ich würde gesund leben", sagt Yepes. Sie ist schockiert, dass sie in einem so relativ jungen Alter einen Schlaganfall erlitten hat. Ärztin Cheryl Jaicobin dagegen kennt das: "Ein Schlaganfall kann einen in jedem Alter treffen, auch wenn man nur wenige Risikofaktoren hat", sagt die Neurologin. "Es gibt aktuelle Studien, die darauf hinweisen, dass die Zahl der Schlaganfälle im jungen Alter zunimmt." Verantwortlich dafür könnte die veränderte Lebensweise mit weniger Bewegung und zu viel Essen sein.

Auch Stacey Yepes sagt in der Rückschau: "Ich hatte mit zwei Jobs viel Stress, kaum Zeit für Sport und habe oft zwischendurch gegessen." Unter Anleitung von Experten hat sie ihre Lebensweise und Ernährung mittlerweile offenbar umgestellt. Ihr Appell: "Wenn du denkst, du hast einen Schlaganfall, zögere nicht. Geh ins Krankenhaus und lass dich durchchecken."

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Ein rätselhafter Patient
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insgesamt 28 Beiträge
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1. optional
changabanga943 28.06.2014
schöner beitrag, aber wenig rätselhaft. was müsste es sonst seinbeihemiparese mit hesichtsbeteiligung? und dass die ärzte im 2. krankenhaus einenschlaganfallper ct gesehen hättenmag ich zu bezweifeln.höchst wahrscheinlich war es ein mrt.da die bleibende symtome ('' gelegentlich''latente armparese)sehr gering sind umimgrobenct zu detektieren.
2. Interessant, was der
jaloms 28.06.2014
so alles voll gar nicht bekannt ist. Ich habe aehnliche Symptome etwa alle 2 Wochen seit meinem 17 Lebensjahr (wissentlich), seitdem raetselte so mancher Neurologe daran herum - mit unseen plumpen Mitteln ist halt nie was feststellbar gewesen. Sehstoerung zu Beginn, Laehmungserscheinungen in Gesicht und Haenden, Sprachverlust. Eines Tages sagte mir ein Internist in Algeciras, das sei schlicht eine Migraeneart, ich solle vorsroglich eine halbe Aspirin am Tag und akut eine der typischen Migraenetabletten nehmen. So war es dann auch - zerebrovaskulaere Insuffizienzen koennen viele Ursachen haben, Stress gehoert tatsaechlich dazu - ich kriege es gern, wenn der nachlaesst. Es kann aber auch an einem schwer feststellbaren Herzfehler liegen. Und es kann natuerlich sein, dass man verkalkt, nur ist das bei meiner karriere eben eher nicht der Fall - wie man sieht, schaetzen und improvisieren wie ueblich auch die "Experten", halt eben nur auf gepflegtem Niveau. Unsere Medizin ist nicht SO viel weiter wie zu Napoleons Zeit, damals wurden de Leute mit wichtiger Miene zur Ader gelassen.
3. Lipoprotein A Wert bestimmen lassen
axcoatl 28.06.2014
Wer sicher sein will, dass er nicht zu Herzinfarkt oder Schlaganfall neigt, sollte auch in jungen Jahren bei der Blutabnahme seinen Lipoprotein A Wert bestimmen lassen. Anhand dessen kann man sehen, ob das Blut zu Thrombenbildung neigt. Ich habe, ohne es zu wissen, fast fünfzig Jahre mit dem Risiko gelebt, bis ich dann einen Herzinfarkt erlitten habe. Kein Übergewicht, Nichtraucher, kein Stress, halbwegs gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung - hat alles nicht geholfen, weil die Neigung durch einen erhöhten Lipoprotein A Wert ein davon unabhängiges Risiko darstellt. Zudem war mein 'schlechtes' Cholesterin (LDL) Wert zwar normal, aber das 'gute' Cholesterin (HDL) war deutlich zu niedrig. Und der hohe Lipoprotein A Wert und der niedrige HDL Cholesterin Wert haben mich fast über den Jordan gehen lassen. Mein Tipp: bei der Blutuntersuchung mindestens ein Mal rechtzeitig den Lipoprotein A Wert bestimmen lassen. Ist er auffällig, sollte man das besser wissen. Eine Aspirin 100 Tablette am Tag hilft dann die Verklumpung zu vermeiden, und wirkt einem Herzinfarkt oder Schlaganfall entgegen.
4. Leider sind die Hausärzte nicht gut geschult, Ich habe das auch gehabt
eurohandelsonderneming 28.06.2014
bin gleich zu meinem Hausarzt der hat ein Leistungs EKG machen lassen, aber darauf war nicht zu sehen. Nach diesem Bericht weiß ich auch warum. Wegen einer angenommenen Nierenbeckenentzündung hat mein Hausarzt mich in ein Krankenhaus eingewiesen. Nach tagelangen hefftigen Kopfschmerzen habe ich dann einen Schlaganfall erlitten, weil die Ärzte im Krankenhaus außer Schmerztabletten zu geben nichts getan haben. Gut das unsere Mediziener so gut ausgebildet sind.
5. Leider sind die Hausärzte nicht gut geschult, Ich habe das auch gehabt
eurohandelsonderneming 28.06.2014
bin gleich zu meinem Hausarzt der hat ein Leistungs EKG machen lassen, aber darauf war nicht zu sehen. Nach diesem Bericht weiß ich auch warum. Wegen einer angenommenen Nierenbeckenentzündung hat mein Hausarzt mich in ein Krankenhaus eingewiesen. Nach tagelangen hefftigen Kopfschmerzen habe ich dann einen Schlaganfall erlitten, weil die Ärzte im Krankenhaus außer Schmerztabletten zu geben nichts getan haben. Gut das unsere Mediziener so gut ausgebildet sind.
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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