Ein rätselhafter Patient: Knapp am Grab vorbeigeschlemmt

Erst gefastet, dann geschlemmt und beinahe gestorben: Nach dem Ramadan isst ein 53-jähriger Mann reichlich - und verliert danach mehrfach das Bewusstsein. Im Krankenhaus kommen seine Ärzte einer äußerst seltenen Ursache auf die Schliche.

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Corbis

Überwachungsmonitor: Keine Medikamente, kein Alkohol, keine Drogen

Es ist der 19. August 2012, als der Patient in die Notaufnahme des St. Franciscus Gasthuis im niederländischen Rotterdam kommt. Es ist der Tag, an dem die Muslime in diesem Jahr ihr Fasten brechen. Der 53-Jährige hatte in den vergangenen vier Wochen tagsüber auf Essen verzichtet, bis zum Festmahl am Vorabend. Dort schlemmte er dann bei der Feier zum Ende des Ramadan, und das nicht zu knapp.

In den frühen Morgenstunden verlor der Familienvater im Bett liegend mehrfach das Bewusstsein, berichten Frau und Kinder des Patienten. Dabei habe er immer wieder aufgehört zu atmen, sein Kopf sei zurückgefallen, der Blick starr zur Decke gerichtet gewesen, alle Kraft sei aus seinen Gliedern gewichen. An die Attacken könne der Mann sich nicht erinnern, berichten die Mediziner Shmaila Talib und Sweder van de Poll im Fachmagazin "The Lancet".

Eigentlich ist der Mann gesund, er nimmt keine Medikamente, trinkt keinen Alkohol und konsumiert keine sonstigen Drogen. Auch war er zuvor noch nie plötzlich bewusstlos geworden, in der Familie gab es keinen Fall eines plötzlichen und unerklärlichen Herztods. Die körperliche Untersuchung und Labortests liefern den Medizinern ebenfalls keine Hinweise auf eine Ursache für die plötzlichen Bewusstseinsverluste, bei denen der Mann sich auch eingenässt hat. Und dann, kurz nach der Aufnahme ins Krankenhaus, passiert es erneut: Der Mann wird bewusstlos.

Chaos in den Herzmuskelzellen

Dieses Mal läuft während des Anfalls ein Überwachungsmonitor für Kreislauf und Atmung. Auf den Brustkorb geklebte Elektroden überwachen den Herzrhythmus des Mannes. Auf dem EKG-Bild erkennen die Ärzte mehrfach hintereinander das Muster einer lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörung, einer sogenannten ventrikulären Tachykardie.

Kurzzeitig kommt es zum Kammerflimmern: die Herzmuskulatur wird nicht mehr rhythmisch erregt, stattdessen herrscht Chaos in den Zellen, das Herz pumpt kein Blut mehr. Zweimal müssen die Ärzte den Patienten mit einem Elektroschock zurück ins Leben holen. Zusätzlich bekommt der Mann ein die Herzmuskelzellen stabilisierendes Medikament, danach treten keine Rhythmusstörungen mehr auf.

Auf der Suche nach der Ursache der Herzstillstände analysieren die Mediziner das EKG des Patienten genauer. Ihnen fallen Veränderungen auf, die typisch sind für eine sehr seltene Herzkrankheit. Beim Brugada-Syndrom, so der Name, sind Eiweißbausteine in den Membranen der Herzmuskelzellen verändert. Dadurch gerät die empfindliche elektrische Erregung des Herzmuskels durcheinander, die den Herzschlag steuert.

Verschiedene Faktoren können bei Brugada-Patienten das Risiko für Rhythmusstörungen und den plötzlichen Herztod erhöhen: Fieber, Medikamente oder auch ein erhöhter Insulinspiegel. Außerdem ist bekannt, dass bei Betroffenen in der Nacht oder nach dem Essen das Risiko für einen Herzstillstand steigt - und dass eine große Mahlzeit die typischen EKG-Veränderungen verstärken kann.

Die niederländischen Ärzte mutmaßen, dass der gefüllte Magen auch bei ihrem Patienten eine Rolle gespielt hat: Nach dem Essen wird der Ruhenerv, der Vagus, aktiv, der unter anderem die Verdauung ankurbelt. Der Körper schüttet Insulin aus, damit der Blutzucker in die Zellen und Energiespeicher gelangt. Bei diesem Brugada-Patienten, so die Ärzte, sei das Festmahl wahrscheinlich für die akuten Herzrhythmusstörungen verantwortlich gewesen.

Die Ärzte behandeln den Mann nach der Diagnose mit Chinidin. Die mit dem Bitterstoff in Tonic Water, Chinin, eng verwandte Substanz kann den Herzrhythmus stabilisieren. Für den Fall eines erneuten Herzstillstands bekommt der Patient kurz darauf einen Defibrillator eingesetzt. Bei der letzten Untersuchung im März 2013, so berichten die Ärzte im "Lancet", sei das EKG des Mannes normal gewesen.

Seit der Behandlung nach dem Ramadan 2012 hatte der Patient auch keine Rhythmusstörungen mehr. Eine genetische Untersuchung des Patienten und auch eine vorsorgliche Kontrolle der Familienmitglieder haben die Ärzte begonnen, denn das Brugada-Syndrom ist erblich.

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insgesamt 35 Beiträge
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1.
1948-2008 07.07.2013
Zitat von sysopCorbisErst gefastet, dann geschlemmt und beinahe gestorben: Nach dem Ramadan isst ein 53-jähriger Mann reichlich - und verliert danach mehrfach das Bewusstsein. Im Krankenhaus kommen seine Ärzte einer äußerst seltenen Ursache auf die Schliche. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/raetselhafter-patient-immer-wieder-herzstillstand-nach-fasten-a-909596.html
Im Ramadan wird nicht gefastet -- das Essen und Trinken wird lediglich auf die Nachtstunden verlegt, und es wird sogar mehr gegessen als im übrigen jahr. Die meisten Muslime nehmen im Ramadan mehrere Kilo zu !
2. Und die Moral von der Geschichte, man sollte sich mäßigen
tutnet 07.07.2013
denn Überfressen ist immer schädlich!
3.
Whitejack 07.07.2013
Ich finde es immer faszinierend, wie man solche extrem seltenen Krankheitsbilder überhaupt entdecken kann. Es gibt ja unzählige Krankheiten und Fehlfunktionen, die ein Mensch - oder auch ein Ärzteteam - alleine gar nicht alle kennen kann. Und manche dieser Krankheiten haben eine Inzidenz von 1:1.000.000 - da hat man nicht einmal wirklich Vergleichsmöglichkeiten, da sich Krankheitsbilder ja bei jedem Patienten anders manifestieren können. In den Berichten klingt das alles immer so einfach, aber in Realität muss das extrem schwierig sein. Vermutlich sind auch etliche Todesfälle darauf zurückzuführen, dass die behandelnden Ärzte das Problem eben NICHT erkannt haben...
4. optional
renee gelduin 07.07.2013
Die Patientengeschichte erinnert mich an Dr. House. Ein 53-jähriger Moslem, von dem man annehmen kann dass er nicht zum ersten Mal Ramadan gefeiert hat und Mitglied einer Großfamilie ist, erleidet - ganz plötzlich - vielfach ventrikulären Tachykardien aufgrund eines erblich (!) bedingten Syndroms. Und es hat nie Anzeichen dafür gegeben, weder zu Ramadan noch in der Familie ?
5. Ungesund
Malshandir 07.07.2013
"Eigentlich ist der Mann gesund, er nimmt keine Medikamente, trinkt keinen Alkohol und konsumiert keine sonstigen Drogen." Tja da sehen wir Nichttrinken is auch keine Loesung. Der eine lebt gesund und wird 50, der andere raucht und saeuft und wird 100.
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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