Ein rätselhafter Patient: It's tea time

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Die Zähne bröckeln, Arm und Rücken schmerzen: Eine 47-Jährige glaubt nicht mehr daran, dass ein Arzt noch die Ursache für ihre Beschwerden findet. Doch Röntgenbilder bringen einen Hormonspezialisten auf die richtige Spur - und eine außergewöhnliche Diagnose.

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Corbis

Schwarzer Tee: Wegen Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Hormonspezialisten

Bevor sich die Frau im Henry Ford Krankenhaus in Detroit vorstellt, kocht sie sich noch einen Tee. Das macht sie jeden Tag, schön stark muss er sein, nur dann kommt sie gut in die Gänge.

Schon seit langem sucht die 47-Jährige nach einem Arzt, der ihr die Schmerzen im Rücken nehmen kann. Auch die Arme, Beine und Hüften tun ihr seit fünf Jahren weh - und jetzt soll plötzlich jemand die Ursache gefunden haben?

Zumindest hatte ihr Arzt eine Idee und ließ deswegen Röntgenbilder von ihrer Wirbelsäule und ihrem Arm machen. Ein Radiologe beschreibt auf den Bildern eine Verkalkung zwischen Elle und Speiche am Unterarm. Normalerweise verbindet eine feste Membran aus Bindegewebe die beiden Knochen so miteinander, dass sie sich zwar verschieben können, aber gleichzeitig Halt haben. Bei der Patientin jedoch sind neben dem Knochenrand deutliche Kalkeinlagerungen zu erkennen - das macht Bewegungen für sie schmerzhaft.

Verkalktes Bindegewebe: Die Pfeile zeigen auf Kalkeinlagerungen im Bindegewebe zwischen Elle und Speiche am Unterarm. Zur Großansicht
Naveen Kakumanu et. al

Verkalktes Bindegewebe: Die Pfeile zeigen auf Kalkeinlagerungen im Bindegewebe zwischen Elle und Speiche am Unterarm.

Auch die Aufnahme von der Wirbelsäule ist auffällig: Hier erscheinen die oberen und unteren Bereiche der Wirbelkörper heller, was einer Verdichtung des Gewebes entspricht. Radiologen sprechen vom Rugger-Jersey-Phänomen, weil die waagerechten Streifen an den Wirbelkörpern an die Streifen von Rugby-Trikots erinnern.

Rätselhafte Streifen im Knochen: Die Pfeile zeigen auf hellere Bereiche im Wirbel, dort ist der Knochen verdichtet. Zur Großansicht
Naveen Kakumanu et. al

Rätselhafte Streifen im Knochen: Die Pfeile zeigen auf hellere Bereiche im Wirbel, dort ist der Knochen verdichtet.

Doch was ist die Ursache für den Befund?

Naveen Kakumanu ist Hormonspezialist an der Klinik. Er nimmt die Röntgenbilder genauer unter die Lupe. Dann befragt er die Patientin erneut: Wie alles angefangen habe? Ob sie noch andere Krankheiten habe? Und wie sie sich ernähre?

Die Frau berichtet nicht nur von den Schmerzen in den Knochen, sie erzählt auch, dass ihr alle Zähne gezogen worden seien. Nicht einen einzigen eigenen Zahn trage sie noch im Mund, sie seien alle nach und nach weggebröckelt, so dass der Zahnarzt alles habe ziehen müssen, was noch da war.

Der Endokrinologe hat einen Verdacht: Er vermutet, wie er im "New England Journal of Medicine" berichtet, dass die Patienten unter einer sogenannten Fluorose leidet. Dabei handelt es sich um eine Überfrachtung des Körpers mit Fluorid. Wer mehr als 20 Milligramm pro Tag zu sich nimmt, läuft Gefahr, dass seine Knochen verdicken und die Zähne ihre natürliche Schutzfunktion verlieren. Zwar empfehlen Zahnärzte fluoridierte Zahnpasta, da diese vor Karies schützen kann. Darin ist Fluorid allerdings nur in sehr geringer Konzentration vorhanden.

Eine zu hohe Aufnahme kann auf Dauer drohen, wenn das Trinkwasser mit großen Mengen Fluorid versetzt ist. Weite Teile der USA etwa nutzen fluoridiertes Trinkwasser, ebenso Australien, Malaysia und Kolumbien. In Hongkong und Singapur gibt es laut Weltgesundheitsorganisation WHO ausschließlich Wasser, das mit Fluorid angereichert ist. In Deutschland wird dem Trinkwasser hingegen kein zusätzliches Fluorid beigefügt.

Bei der Patientin ist allerdings eine andere Ernährungsgewohnheit Schuld für ihre schmerzhaften Knochenveränderungen: ihr Teegenuss. Denn die Frau kocht sich nicht täglich ein, zwei oder drei Teetassen mit jeweils einem Teebeutel. In das Wasser ihrer Teekanne hängt sie jeden Tag zwischen 100 und 150 Teebeutel. Das macht sie seit 17 Jahren so.

In schwarzem und grünem Tee ist von Natur aus Fluorid enthalten - doch in normalen Mengen getrunken, stellt es keine Gefahr dar. Mit ihrem übermäßigen Teekonsum hat die Patientin es jedoch geschafft, die schädliche Grenze von täglich mehr als 20 Milligramm deutlich zu überschreiten.

Das bestätigen auch ihre Blutwerte: Die Fluoridkonzentration in ihrem Blut liegt bei 0,43 Milligramm pro Liter. Bei Gesunden liegt dieser Wert unter 0,1.

Das alles wusste die Frau nicht. Nachdem Naveen Kakumanu seine Patientin über die Folgen ihrer kulinarischen Leidenschaft aufgeklärt, ändert sie ihre Trinkgewohnheiten. Ob die Ärzte ihr noch Hormone geben, um den Abbau von Fluorid zu beschleunigen, wollen sie mit der Patientin noch beraten.

Lesen Sie hier mehr über Zahnpflege, Mundhygiene und Reinigungstipps.

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insgesamt 63 Beiträge
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    Seite 1    
1. Mal wieder kein Kassenpatien, gelle?
donnerfalke 31.03.2013
Bitte in solchen Artikeln immer einen Hinweis einbauen ob privat versichert oder nicht. Der Kassenpatient wird nach 3-Minuten-Standard-Abfertigung zu einer Standarduntersuchung geschickt wo in der Regel nichts gefunden wird. Er muss mit der Krankheit leben.
2.
testthewest 31.03.2013
Zitat von sysopDie Zähne bröckeln, Arm und Rücken schmerzen: Eine 47-Jährige glaubt nicht mehr daran, dass ein Arzt noch die Ursache für ihre Beschwerden findet. Doch Röntgenbilder bringen einen Hormonspezialisten auf die richtige Spur - und eine außergewöhnliche Diagnose. Rätselhafter Patient: It's tea time - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/raetselhafter-patient-it-s-tea-time-a-891334.html)
Möge es eine Warnung sein an all die Leute die Glauben, Natur und Chemie trennen zu können und dass Natur immer gut und gesund ist (als ob die Teepflanze sich Gedanken um unsere Gesundheit machen könnte/würde). Die Dosis macht das Gift.
3. ...
team_frusciante 31.03.2013
150 teebeutel am tag. kann der frau mal jemand erklären dass man tee auch lose kaufen kann? dass man nicht 150 beutel am tag auspacken muss?
4. in den USA...
earl grey 31.03.2013
Zitat von donnerfalkeBitte in solchen Artikeln immer einen Hinweis einbauen ob privat versichert oder nicht. Der Kassenpatient wird nach 3-Minuten-Standard-Abfertigung zu einer Standarduntersuchung geschickt wo in der Regel nichts gefunden wird. Er muss mit der Krankheit leben.
Stand im Artikel (Lesen bildet): Das Ganze spielt in den USA... da gelten andere Maßstäbe.
5. Da hat jemand...
Neckarwelle 31.03.2013
5 Jahre Schmerzen und kommt nicht mal von alleine auf die Idee, dass 150 Teebeutel ein bisschen ungesund sein könnten? Da hält sich mein Mitleid doch sehr in Grenzen...
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  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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