Ein rätselhafter Patient: Wenn Bakterien wandern

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Ein Vierjähriger leidet an einer hartnäckige Lungenentzündung. Im Krankenhaus bekommt er Antibiotika-Infusionen. Nach seiner Entlassung eskaliert die Situation: Der Junge spricht nicht mehr, verdreht die Augen, hat einen epileptischen Anfall. Sein Zustand wird lebensbedrohlich.

Querschnitt durch den Brustkorb des Kindes: Die Pfeile zeigen auf Luftblasen Zur Großansicht
JAMA Neurology

Querschnitt durch den Brustkorb des Kindes: Die Pfeile zeigen auf Luftblasen

Als der kleine Junge plötzlich krank wird, sieht alles nach einer Routinebehandlung aus: Der Vierjährige hat eine Lungenentzündung, stellt der Kinderarzt fest, deswegen verschreibt er ihm ein Antibiotikum. Doch das Fieber sinkt nicht, das Kind hustet weiter, es geht ihm schlecht. Der Kinderarzt weist es ins Nationwide Children's Hospital in Columbus (US-Bundesstaat Ohio) ein.

Die Mediziner dort machen Computertomografie-Aufnahmen von den Lungen des Kindes und stellen fest, dass sich Eiter in einem der linken Lungenlappen angesammelt hat. Die Ärzte müssen dieses sogenannte Empyem entleeren und legen von außen einen Schlauch durch den Brustkorb in die Lunge des Vierjährigen. Außerdem bekommt er die Antibiotika nun als Infusionen über die Vene.

Eine Woche später glauben die Ärzte, das Kind sei wieder gesund. Sie ziehen den Drainageschlauch aus dem Brustkorb und entlassen es nach Hause. Dort geht es dem Jungen aber plötzlich schlechter als zuvor. Er reagiert nicht richtig, wenn seine Eltern ihn ansprechen, seine Augen verdrehen sich, und er spricht nicht mehr. Notfallmäßig wird er wieder ins Krankenhaus eingeliefert. Als die Radiologen dort eine Computertomografie (CT) vom Kopf machen wollen, bekommt er plötzlich einen generalisierten epileptischen Anfall.

Eine lebensbedrohliche Komplikation

Als der Krampfanfall vorbei ist, können die Ärzte die Schädel-CT-Bilder machen. Die Aufnahmen sind erschreckend. Im vorderen linken Teil des Gehirns liegen drei ringförmige Strukturen, die dort nicht hingehören - es handelt sich vermutlich um verkapselten Eiter. Kernspin-Bilder (MRT) mit und ohne Kontrastmittel bestätigen die Befürchtung: Das Kind hat Hirnabszesse, die das umliegende Hirngewebe verdrängen und anschwellen lassen. Auch der Schädelknochen ist bereits an mehreren Stellen betroffen.

Die Ursache für die Abszesse ist aller Wahrscheinlichkeit nach die schwere Lungenentzündung des Kindes. Seth DeVries, der über seinen besonderen Patienten jetzt in der Fachzeitschrift "Jama Neurology" berichtet, schreibt, dass bis zu jeder zehnte Hirnabszess nach einer Lungenentzündung entsteht.

Kernspin-Bilder vom Kopf des Kindes ohne (A) und mit (B) Kontrastmittel: Die Pfeile zeigen auf drei Abszesse, die sich in der linken vorderen Hirnhälfte befinden. Auf Bild A ist deutlich zu erkennen, dass das umliegende Nervengewebe angeschwollen ist und das gesunde Gewebe einengt. Dadurch verschiebt sich die natürliche Mittellinie des Gehirns, auch die Furchen des Großhirns sind links weniger stark ausgeprägt. Die Gefahr ist groß, dass der Hirndruck stark zunimmt. In Aufnahme B hat sich das Kontrastmittel in den Abszesswänden angereichert. Zur Großansicht
JAMA Neurology

Kernspin-Bilder vom Kopf des Kindes ohne (A) und mit (B) Kontrastmittel: Die Pfeile zeigen auf drei Abszesse, die sich in der linken vorderen Hirnhälfte befinden. Auf Bild A ist deutlich zu erkennen, dass das umliegende Nervengewebe angeschwollen ist und das gesunde Gewebe einengt. Dadurch verschiebt sich die natürliche Mittellinie des Gehirns, auch die Furchen des Großhirns sind links weniger stark ausgeprägt. Die Gefahr ist groß, dass der Hirndruck stark zunimmt. In Aufnahme B hat sich das Kontrastmittel in den Abszesswänden angereichert.

Das Kind ist nun ein absoluter Notfall, sein Zustand ist lebensbedrohlich: Weil die Abszesse Raum fordern, kann der Hirndruck schnell so stark steigen, dass lebenswichtige Abschnitte des Gehirns - wie etwa der Hirnstamm - einklemmen könnten. Die Ärzte haben keine andere Wahl: Sie müssen den Jungen sofort operieren.

Die Neurochirurgen öffnen seine Schädeldecke und entfernen den Eiter. Auch die Abszesswände müssen entfernt werden. Die Operation ist erfolgreich, es gibt keine Komplikationen. Auch bei einer Kontrolluntersuchung sechs Monate später geht es dem Jungen gut, neurologische Probleme hat er nicht. Ob das so bleibt, ist allerdings nicht garantiert. Nach einer neurochirurgischen Operation drohen aufgrund der Narbenbildung vor allem epileptische Anfälle - und die können auch noch Jahre später auftreten.

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1. Bildunterschrift falsch
bc86 23.03.2013
Bei dem abgebildeten CT zeigen die Pfeile nicht auf Luftblasen, sondern a.e. auf einen eitrigen Herd in der Lunge. Luft stellt sich im CT schwarz dar.
2.
warrior242 23.03.2013
In den ExIF-Informationen des 2. Bildes steht die richtige Beschreibung (in englisch). Die Pfeile zeigen auf Flüssigkeit und nicht auf Luft.
3. guter Kandidat für ein normales Leben
yael.schlichting 24.03.2013
Ob sich bei dem Kind weitere Epilepsien einstellen bleibt abzuwarten. Falls erforderlich, wird man zunächst versuchen das Kind auf Anti-Epileptica (Anti-Epileptic Drug - AED) einzustellen. Erst für den Fall, daß sich mögliche Epilepsien als AED-resistent _und_ gefährlich erweisen könnte das Kind zum Kandidaten für eine Eplipsiechirgische Behandlung werden. Auch dann besteht Hoffnung auf eine erfolgreiche Behandlung.
4. Die Helden klopfen sich selbst auf die Schulter
nageleisen 24.03.2013
Abschneiden, aufbohren, vergiften und verbrennen sind die einzigen Methoden, die unsere glorreiche Medizin beherrscht. Operation gelungen, Patient tot oder schlimmer noch lebensunfähig. Typisch für die unfähigen Taugenichtse, pumpen den Jungen voll mit Antibiotika, ohne die Ursache für die Lungenentzündung zu kennen. Ist ja auch egal, denn für die Fehler müssen sich Ärzte nicht gerichtlich verantworten. „Eine Woche später glauben die Ärzte, das Kind sei wieder gesund.“ Genau, die Ärzte glauben. Ich dachte, die Medizin sei eine Wissenschaft, die nicht auf Glauben beruht. „Im vorderen linken Teil des Gehirns liegen drei ringförmige Strukturen, die dort nicht hingehören, - es handelt sich vermutlich um verkapselten Eiter“ Schon wieder Vermutungen und Annahmen. Was ist die Ursache für die beschriebenen gesundheitlichen Komplikationen? Und er Satz, „die nicht dort hingehören“, zeugt von mittelalterlicher Medizin, denn genau dort ist die Neurologie stecken geblieben. Sie, die Ärzte, bohren die Schädeldecke auf, und pumpen das eitrige Zeug heraus. Ein Klempner macht ja auch das gleiche. Aber von einem Arzt müsste man mehr erwarten. Warum und weshalb die Komplikationen entstanden sind, darüber wurde kein Wort verloren. Die Autorin titelt diesen Artikel mit den Worten „Wenn Bakterien wandern“ Welche Bakterien waren das und von wo aus sind sie wohin gewandert? Mit welchen Testverfahren hat man den Bakterienstamm festgestellt? Also sind alle Fragen unbeantwortet geblieben. Stattdessen, machen die Mediziner, das was sich immer gemacht haben, sie bohren, pumpen etwas heraus, schneiden das Fleisch weg. Dass sie diesen Vorfall wahrscheinlich selbst verschuldet haben durch Zugabe von unwirksamen Antibiotika bei der Behandlung der Lungenentzündung, das möchten die Ärzte lieber verschweigen. Siehe Link: Hirnabszess - DocCheck Flexikon (http://flexikon.doccheck.com/de/Hirnabszess) Absatz 3.3 Hämatogene Hirnabszesse Dort heißt es: „Eine vorbestehender Immundefekt, oder eine Vorbehandlung mit Erreger-unwirksamen Antibiotika, erleichtert die Abszessentstehung.“ Und die Jubelschreie der Ärzteschaft, die sich selbst verfrüht feiert: Zitat: „Die Operation ist erfolgreich, es gibt keine Komplikationen.“ ,obwohl man den Zustand nach so kurzer Zeit überhaupt nicht seriös einschätzen kann, zeugt der Busch-Satz „Mission accomplished“ wieder mal von einer selbstverliebten Berufsgruppe. Wenn sich die dramatischen Auswirkungen dieser stümperhaften Medizin beim Eintritt in die Schule zeigen, darüber wird man nichts mehr lesen können. Und genau aus diesem Grund hat man den Namen des Jungen verschwiegen. Wenn sich später herausstellt, dass der Junge massive bleibende Schäden davon getragen hat, kann sich die Ärzteschaft immer noch selbst für den misslungenen Eingriff feiern lassen, den sie durch die vorhergehende falsche Behandlung verursacht hat.
5. Unglaublich
bc86 24.03.2013
Zitat von nageleisenTypisch für die unfähigen Taugenichtse, pumpen den Jungen voll mit Antibiotika, ohne die Ursache für die Lungenentzündung zu kennen. Ist ja auch egal, denn für die Fehler müssen sich Ärzte nicht gerichtlich verantworten. „Im vorderen linken Teil des Gehirns liegen drei ringförmige Strukturen, die dort nicht hingehören, - es handelt sich vermutlich um verkapselten Eiter“ Schon wieder Vermutungen und Annahmen. Was ist die Ursache für die beschriebenen gesundheitlichen Komplikationen? Und er Satz, „die nicht dort hingehören“, zeugt von mittelalterlicher Medizin, denn genau dort ist die Neurologie stecken geblieben. Sie, die Ärzte, bohren die Schädeldecke auf, und pumpen das eitrige Zeug heraus. Ein Klempner macht ja auch das gleiche. Aber von einem Arzt müsste man mehr erwarten. Warum und weshalb die Komplikationen entstanden sind, darüber wurde kein Wort verloren. Die Autorin titelt diesen Artikel mit den Worten „Wenn Bakterien wandern“ Welche Bakterien waren das und von wo aus sind sie wohin gewandert? Mit welchen Testverfahren hat man den Bakterienstamm festgestellt? Also sind alle Fragen unbeantwortet geblieben. Stattdessen, machen die Mediziner, das was sich immer gemacht haben, sie bohren, pumpen etwas heraus, schneiden das Fleisch weg. Und genau aus diesem Grund hat man den Namen des Jungen verschwiegen. Wenn sich später herausstellt, dass der Junge massive bleibende Schäden davon getragen hat, kann sich die Ärzteschaft immer noch selbst für den misslungenen Eingriff feiern lassen, den sie durch die vorhergehende falsche Behandlung verursacht hat.
Selten so einen dummen Beitrag gelesen, man weiß gar nicht wo man anfangen soll ihnen zu erklären womit sie falsch liegen! 1. Bei dem Artikel (Betonung liegt auf ARtikel) handelt es sich nicht um eine fachlich zu 100% korrekte Falldarstellung mit allen Details. Dia Autorin ist zwar Ärztin, war aber nicht die behandelnde in diesem Fall. SIe hat einen publizierten Fallbericht zur Vorlage genommen. Sollten Details wie der Bakterienstamm, die einzelnen Untersuchungsmethoden (Blutkultur, Sputumkultur etc.) fehlen, dann sicherlich nicht weil sie nicht durchgeführt wurden! 2. Was haben sie für ein persönliches Problem mit Ärzten, dass sie diese verallgemeinernd als unfähige Taugenichtse erklären müssen??? 2. Wie hätte man die Abszesse aus dem Gehirn des Jungen entfernen sollen wenn nicht operativ? Sie dürfen sich keinerlei Urteil über die Arbeit der behandelnden Ärzte erlauben, dazu fehlen viel zu viele Informationen und sie waren nicht dabei. Dass der durchaus nicht immer optimal formulierte Artikel manches im Unklaren lässt liegt einzig an der Autorin, die es auch nicht geschafft hat die korrekte Bildbeschreibung aus dem zugrunde liegenden Fall zu übernehmen. 4. Dass der Name des Jungen nicht genannt wird liegt daran, dass hier ein publizierter Fallbericht vorgestellt wird, darin werden NIE Namen der Patienten veröffentlicht!!! Wie sagt man doch so schön: Wenn man keine Ahnung hat...
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  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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