Von Heike Le Ker
Das 13-jährige Mädchen hat ein seltsames Problem: Helle Blitzlichter ziehen seitlich durch das Blickfeld, manchmal verschwimmen die Dinge vor den Augen und alles erscheint grau in grau. Doch nach einiger Zeit verschwinden die Irrlichter und Grauschleier wieder. Bedrohlicher aber für das Mädchen sind die Kopfschmerzen, die es seit vier Monaten hat. Und sie werden schlimmer.
Schon dreimal war das Kind deshalb beim Arzt. Doch der schickte die 13-Jährige immer wieder nach Hause, weil ihr weder übel war, oder sie erbrechen musste - danach hatte sie der Arzt gefragt. Ihre Antworten aber wiegten ihn in falsche Sicherheit.
Jetzt stellt sich das Mädchen im St. George's Hospital in London vor. Alles erscheint normal an der jungen Patientin: Sie ist offen, freundlich, normal groß und schwer, weiß wer und wo sie ist, sie kann alles gut erkennen. Die Eltern berichten, dass sie bisher immer gesund war. Einen Monat zuvor hatte sie erstmals ihre Periode bekommen.
Migräne, hoher Hirndruck oder Tumor?
Doch da sind die Kopfschmerzen, die sie plagen. Die Neurologen, die das Kind untersuchen, haben bereits Verdachtsdiagnosen im Kopf, wie sie im "British Medical Journal" berichten: Am häufigsten sind im Kindesalter banale Kopfschmerzen, die von allein wieder verschwinden. Doch vor allem aufgrund der Sehstörungen und der Dauer der Schmerzen zweifeln die Ärzte daran, dass alles ganz harmlos ist. Migräne etwa könnte die Ursache sein, ebenso wie ein gesteigerter Hirndruck. Auch ein Hirntumor kommt in Frage.
Doch eine Wucherung im Gehirn bringt meist auch andere Veränderungen mit sich: Das Kind allerdings hat auf beiden Seiten gleich viel Kraft, es empfindet Berührungen beidseitig gleich, die Koordination funktioniert ungestört, Sprache und Verstehen sind völlig unauffällig. Erst als die Ärzte die zwölf Hirnnerven untersuchen, entdecken sie den entscheidenden krankhaften Befund: Der Sehnerv funktioniert nicht richtig.
Normalerweise leitet er die Eindrücke aus dem Blickfeld auf den sich teilweise überkreuzenden Sehbahnen quer durch das Gehirn bis in den Hinterhauptslappen des Großhirns. Bei dem Mädchen aber stimmen gleich zwei Dinge nicht: Zum einen ist die Austrittsstelle des Sehnervs am Augenhintergrund deutlich angeschwollen - auf beiden Seiten. Dieser Befund spricht dafür, dass der Druck im Gehirn zu hoch ist. Zum anderen entdecken die Neurologen, dass das Kind zwar im zentralen Blickfeld alles gut erkennt. Bewegungen in äußeren Bereichen aber nimmt es gar nicht wahr.
Ärzte nennen diesen Scheuklappen-Blick bitemporale Hemianopsie. Das spricht dafür, dass die Sehbahn an genau dem Ort gestört ist, wo sich die Nervenfasern der linken und rechten Sehnerven auf ihrem Weg durch das Gehirn überkreuzen. Diese sogenannte Sehnervenkreuzung (Chiasma opticum) liegt genau oberhalb der Hirnanhangsdrüse, in der lebenswichtige Hormone produziert werden. Für die Ärzte liegt nahe: Das Kind hat in der Nähe des Chiasmas einen Tumor, der zum einen die Sehstörung verursacht und durch den Hirndruck Kopfschmerzen bereitet.
Verklemmtes Nervenwasser
Eine Computertomografie und Kernspinbilder bestätigen die Verdachtsdiagnose: Oberhalb der Hirnanhangsdrüse scheint ein Tumor mit Hohlräumen gewachsen zu sein, der die sogenannten Hirnventrikel abklemmt, in denen das Nervenwasser zirkuliert. Dadurch sind die Ventrikel stark vergrößert, Ärzte sprechen von einem Hydrozephalus. Er löst die Kopfschmerzen aus. Allerdings scheint der Tumor nicht auf die Hirnanhangsdrüse zu drücken. Das hormonelle Gleichgewicht ist den Blutanalysen zufolge intakt.
Schon am nächsten Tag wird die 13-Jährige operiert. Der Eingriff ist riskant, denn benachbarte Hirnstrukturen könnten verletzt werden. Die Neurochirurgen entfernen den zystischen Tumor vorsichtig über ein Endoskop und entnehmen eine Gewebeprobe. Wenig später steht fest: Es handelt sich um ein sogenanntes Kraniopharyngeom, einen gutartigen Tumor. Die Sehstörungen und Kopfschmerzen verschwinden wieder, und das Kind kann bald wieder nach Hause.
Weil die Ärzte aber sichergehen wollen, dass möglicherweise verbliebene Zellen nicht erneut wuchern, muss das Mädchen anschließend bestrahlt werden. Hirntumore treten insgesamt selten auf im Kindesalter, dennoch sind sie nach Leukämien und Lymphomen die zweithäufigste Tumorart bei Kindern. Kraniopharyngeome wiederum machen 15 Prozent aller Hirntumore bei Kindern aus.
Was dem Hausarzt bei der Diagnose offenbar Probleme bereitet hat, sind die versteckten Symptome. Der Scheuklappen-Blick und die geschwollenen Nervenaustrittspunkte am Auge sind deutliche Hinweise, die der Hausarzt übersehen hat. Das Fazit der Neurologen: Durch eine genauere Befragung des Mädchens und eine sorgfältige neurologische Untersuchung hätten früher die Alarmglocken läuten müssen.
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