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Ein rätselhafter Patient: Mann mit Hautmaulwurf

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Juckender Hautausschlag am Bauch: Möglicherweise die Folge von rohem Tintenfischgenuss Zur Großansicht
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Juckender Hautausschlag am Bauch: Möglicherweise die Folge von rohem Tintenfischgenuss

Ein Japaner verspeist rohen Tintenfisch, dann plagen ihn Magenschmerzen. Tage später rötet sich seine Haut am Bauch. Die Mediziner haben einen Verdacht: Hat der Mann mit den Meeresfrüchten einen Parasiten verspeist?

Als der 42-Jährige in der Hautklinik der University of Toyama erscheint, ist eine Stelle an seinem Bauch seit zwei Tagen gerötet. Um der Ursache seiner Beschwerden auf die Spur zu kommen, befragen die Ärzte ihn zunächst.

Auffällig ist, dass der Mann eine Woche zuvor rohen Tintenfisch gegessen und zwei Tage darauf starke Bauchschmerzen entwickelt hat. Zu diesem Zeitpunkt konnte ein Mediziner bei einer Magenspiegelung keine Ursache entdeckten. Nach einigen Tagen waren die Schmerzen wieder vergangen, bis schließlich der juckende Hautausschlag auftrat.

In der Bauchmitte sehen die Ärzte eine etwa sechs Zentimeter lange Rötung, in deren Mitte sich eine Kruste und kleine Gefäße abzeichnen. Die Laboruntersuchung zeigt, dass das Blut des Mannes auffallend viele eosinophile Abwehrzellen enthält. Diese sind typisch für die ungezielte Verteidigung gegen Parasiten. Auch insgesamt sind die weißen Blutzellen erhöht, ebenso wie Immunglobuline der Klasse E - Abwehrpartikel, die sich ebenfalls gegen Parasiten richten.

Hautmaulwurf oder Creeping eruption

Die Ärzte nehmen an, dass sich ihr Patient beim Verspeisen des rohen Tintenfischs einen Trittbrettfahrer eingefangen hat: Die Larven verschiedener Würmer können Hautveränderungen verursachen, die denen am Bauch des Mannes ähneln. Im Fachjargon heißt der Hautausschlag Larva migrans cutanea oder auch Creeping eruption. Simpler und treffend ist der deutsche Ausdruck Hautmaulwurf. Häufig sind Hakenwürmer der Grund der Krankheit, die meisten Patienten infizieren sich in den Tropen.

Parasiten-Wirt: Leuchtkalmare (Watasenia scintillans) wie dieser zählen zu den Überträgern der Spirurina-Larven Zur Großansicht
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Parasiten-Wirt: Leuchtkalmare (Watasenia scintillans) wie dieser zählen zu den Überträgern der Spirurina-Larven

Die japanischen Ärzte schneiden die gerötete Stelle komplett aus dem Bauch des Mannes, um sie auf Parasiten zu untersuchen. In der entfernten Haut haben sich Entzündungszellen gesammelt; tief im Hautinneren sehen die Pathologen unter dem Mikroskop Parasitenlarven. Anhand verschiedener Merkmale können sie die Larvenart eingrenzen, ein Test des Blutserums auf Antikörper gibt Sicherheit: Es handelt sich um Spirurina-Larven. Dem Patienten geht es nach der Operation gut, er hat auch Monate später keine Beschwerden mehr.

Nur eine bestimmte Art von Spirurina-Larven löst bei Menschen Beschwerden aus, der Typ X, berichten Teruhiko Makino und seine Kollegen im Fachmagazin "The Lancet". Der Mensch nimmt sie mit kleinen Tintenfischen oder Fischen auf, eigentlich aber sind Wale das Ziel dieser Würmer. Im Menschen können sie nur kurze Zeit überleben, da ihnen die Voraussetzungen zum Wachsen fehlen.

Mit Sushi und Sashimi in die Welt

Im schlimmsten Fall drohen Patienten ein Darmverschluss, Darmentzündungen oder eine Ausbreitung in die Bauchhöhle. Anschließend wandern die Larven in die Haut, es gibt auch Berichte über befallene Augen. Um die Parasiten zu stoppen, muss das befallene Gewebe herausgeschnitten werden. Auch ohne Behandlung verschwindet die Hautrötung meist innerhalb von zwei Monaten.

Bislang gibt es Berichte über rund 50 Infektionen in Japan, die Autoren des Fallberichts führen das auf die lange Tradition roher Meeresfrüchte in der japanischen Küche zurück. Sie gehen davon aus, dass mit der Beliebtheit von Sushi und Sashimi auch außerhalb Japans Fälle von Parasitenbefall auftreten können. Spirurina-Larven Typ X befallen neben Tintenfischen unter anderem den in der asiatischen Küche beliebten japanischen Sandfisch und den pazifischen Kabeljau.

Auch der hierzulande sehr beliebte Lachs kann Parasiten enthalten - Bandwürmer. Häufig sind solche Fälle bei hochwertigen Meeresfischen aber nicht. Die Gefahr, sich beim Essen in japanischen Restaurants oder Sushi-Bars mit Parasiten zu infizieren, sei nicht so groß wie oft befürchtet, schreiben Forscher des Schweizer Tropeninstituts in einem Fachartikel über Parasiten beim Sushi-Genuss. Im Westen schützen Vorschriften zum Kühlen der Fische zusätzlich vor einer Infektion.

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Ein rätselhafter Patient
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insgesamt 14 Beiträge
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1.
deus-Lo-vult 03.01.2015
Hmmmm, guten Appetit beim nächsten Sushi essen.
2. Lecker-Schmeckerchen
elgrande78 03.01.2015
Zitat von deus-Lo-vultHmmmm, guten Appetit beim nächsten Sushi essen.
Da freue ich mich aber jetzt schon auf ein schönes deutsches Filetsteak (am besten "englisch"). Gefolgt von einem leckeren Obstsalat. http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/gehirn/news/gehirnparasit-mitbewohner-im-kopf-veraendert-die-gehirnchemie_aid_681428.html
3. Mal ganz ruhig
ManRai 03.01.2015
Ich hatte als 16jaehriger nach Tartar einen Bandwurm von 7-9 m Länge, also nicht mit nacktem Finger auf Sushi und Sashimi zeigen, was mir heute immer noch sehr gut schmeckt, ich war sogar zum "Abtreiben" im Krankenhaus
4. Tintenfisch
gerdman 03.01.2015
In der Fachwelt ist allgemein bekannt, dass das Essen von Tintenfischen problematisch sein kann. Nicht selten treten nach Genuss dieser Fische Allergien auf oder es kann wegen Unverträglichkeit von körperfremden Eiwieß zu einer Anaphylaxie kommen. Neben der Unverträglichkeit körüperfremden Eiweißes muss man auch wissen, dass Tintenfisch und Larven Histamin ausstoßen. Es könnte in diesem beschriebenen Fall sein, dass demnach zwei unabhängige Noxen als Auslöser in Frage kommen.
5. Spirurina? Oder vielleicht Spirulina?
marc-julien 03.01.2015
Ich bin kein Mediziner oder Biologe, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass an dem Artikel eventuell so EINIGES nicht stimmt. So habe ich zum Beispiel schon einmal von "Spirulina" gehört, aber noch nie von einem Ding, das bis auf einen Buchstaben genauso klingt. Wenn man dann bedenkt, dass es sich bei beiden Begriffen wohl um aus dem Lateinischen hergeleitete Ausdrücke handelt, und weiß, dass im Japanischen kein Unterschied gemacht wird zwischen "r" und "l" (bzw., es gibt diese Phoneme nicht, nur einen Liquidlaut dazwischen), dann schleicht sich der dringende Verdacht ein, dass hier grobe Übersetzungsfehler gemacht wurden. Und zwar, ich betone, nicht ein Fehler, sondern wohl gleich mehrere: Spirulina ist ein Bakterium, somit gibt es keine "Larven" davon. Sehr wohl aber scheint es sich von der äußeren Gestalt her um längliche, eben "larvenförmige" Einzeller zu handeln. Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich mich geirrt haben sollte, und es tatsächlich diese "Spirulina mit r" geben sollte...
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ZUM AUTOR
  • Dennis Ballwieser arbeitet für den Verlag der "Apotheken-Umschau" und ist Arzt. Von 2011 bis 2013 war er Redakteur bei SPIEGEL ONLINE.
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