Ein rätselhafter Patient Revolutionäre Diagnose

Gelbe Haut, juckende Augen und offene Wunden plagen einen jungen Mann. Forensiker wollen aus der Totenmaske des Patienten die Diagnose rekonstruieren. Der berühmte Franzose starb vor mehr als 200 Jahren unter der Guillotine.

Visualforensic/ Philippe Froesch/ BATABAT

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Der prominente Patient leidet unter Nasenbluten. Wenn er morgens aufwacht, ist sein Kissen mit frischem Blut verschmiert. Seine Hautfarbe hat einen Gelbstich, auch das Augenweiß wirkt bedenklich gelb. Ständig fühlt er sich müde, er kämpft mit wiederkehrenden offenen Wunden an den Beinen, das alles weist auf Schäden an der Leber hin. Dazu passt auch der Juckreiz an Augen und Mund. Im Gesicht trägt er die Narben einer überstandenen Pockeninfektion.

Im Alter von nur 36 Jahren stirbt der Mann, allerdings nicht an den Folgen einer Krankheit. Maximilien Marie Isidore de Robespierre wird am 28. Juli 1794 in Paris hingerichtet, gemeinsam mit zahlreichen Anhängern stirbt er unter der Guillotine; zuvor war er nach der Französischen Revolution für die Terrorherrschaft der Jakobiner verantwortlich.

Diagnose mit 220 Jahren Verspätung

Knapp 220 Jahre nach dem Tod des "Narziss der Revolution" untersuchen die Forensiker Philippe Charlier und Philippe Froesch die Frage, ob Robespierre möglicherweise der erste bekannte Fall einer seltenen Krankheit des Bindegewebes war. Im Fachmagazin "The Lancet" erörtern die beiden Franzosen, ob ihr berühmter Landsmann unter der sogenannten Sarkoidose litt, bei der sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet.

Bei der auch Morbus Boeck genannten Krankheit entstehen in verschiedenen Organen kleine Knoten. Je nach Befall und Ausmaß dieser Granulome leiden die Patienten an unterschiedlichen Beschwerden. Besonders häufig sind Lunge, Haut und Lymphknoten der Patienten betroffen, vermutlich gibt es einen genetischen Hintergrund der Krankheit. Bei vielen Patienten verschwinden die Symptome von selbst wieder, bei anderen nehmen sie schubweise oder chronisch zu. Da bis heute die Ursache nicht bekannt ist, behandeln Ärzte die Betroffenen mit Kortisonpräparaten, die das Immunsystem unterdrücken, um die Beschwerden zu lindern.

Digitale Rekonstruktion der Totenmaske

Die Hinweise auf Robespierre als möglichen Sarkoidose-Patienten leiten die französischen Wissenschaftler von der Totenmaske des Revolutionärs ab, die kurz nach seiner Enthauptung von Marie Tussaud angefertigt wurde. Zusätzlich wälzten sie historische Literatur zu Robespierres Gesundheitszustand. Von 1790 bis zu seinem Tod 1794 seien die beschriebenen Beschwerden immer stärker geworden, berichten Charlier und Froesch.

Aus den Berichten und der digitalen Rekonstruktion von Robespierres Gesicht schließen die Forensiker auf eine Sarkoidose, die sich über verschiedene Organe ausgebreitet hat, darunter Augen, Nase und Rachenraum, Leber und Bauchspeicheldrüse. Unbekannt sei, wie Robespierres persönlicher Arzt, Joseph Souberbielle, den Patienten behandelt habe. Es gebe allerdings Hinweise auf eine Früchtetherapie, da Robespierre sehr viele Orangen gegessen habe. Zudem gehen sie von Bädern und dem damals üblichen Aderlass aus.

Die Diagnose war 1794 unmöglich

Die französischen Forensiker geben zu, dass ihre heutige Diagnose nicht sicher ist. Zu den bekannten Symptomen des Patienten würden auch andere Krankheitsbilder passen - wenn auch nicht so gut wie die Sarkoidose. In Frage komme zum Beispiel eine Tuberkulose ohne den typischen Husten oder Fieber. Oder eine andere Immunkrankheit, bei der die Gefäße entzündet sind, die Wegener-Granulomatose. Lepra, eine Nebennierenerkrankung oder die Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose wären denkbar. Angesichts der Hautbeschwerden schließen Charlier und Froesch auch eine Sklerodermie nicht aus, bei der die Haut und innere Organe verhärten.

Tatsächlich hätte Robespierres Arzt Souberbielle die Diagnose Sarkoidose Ende des 18. Jahrhunderts nicht stellen können, denn das Krankheitsbild wurde erst 1877 erstmals vom britischen Arzt Jonathan Hutchinson beschrieben.



insgesamt 42 Beiträge
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puyumuyumuwan 20.12.2013
1. Die Jakobiner
Wenigstens hat Maximilien Marie Isidore de Robespierre, der Adelige der Revolution gegen den Adel, ordentlich gelitten, eher er selbst umgebracht wurde. Jean Paul Marat litt enorm unter Juckreiz, ehe er in seiner Badewanne erstochen wurde. Georges Jacques Danton war hässlich, fett und hatte Hämorrhoiden, dass er immer stehen und Reden halten musste. Der eher unbekannte vierte dieser Mörderbande, Louis-Antoine-Léon de Saint-Just, war offensichtlich irr und litt unter Schlaflosigkeit. Allen Vieren war ein zu später Tod beschieden. Sie hätten schon als Kinder zum Segen der Menschheit sterben sollen. Wir erleben es z.Zt. ja auch, dass die Sittenwächter wieder auferstehen und schikanieren. Robespierre und Danton waren Jurist, die beiden anderen Journalist/Literat.
medley63 20.12.2013
2. @puyu
"Allen Vieren war ein zu später Tod beschieden. Sie hätten schon als Kinder zum Segen der Menschheit sterben sollen." Puyujuijuijui, sie sind ja sehr streng, mit eben jenen frühen Helden der menschheitsbeglückenden Gleichheit, die doch eigentlich nur das Guteste des Guten für ihre lieben Mitmenschen wollten, muss ich schon sagen.
tylerdurdenvolland 20.12.2013
3. Immerhin....
Zitat von medley63"Allen Vieren war ein zu später Tod beschieden. Sie hätten schon als Kinder zum Segen der Menschheit sterben sollen." Puyujuijuijui, sie sind ja sehr streng, mit eben jenen frühen Helden der menschheitsbeglückenden Gleichheit, die doch eigentlich nur das Guteste des Guten für ihre lieben Mitmenschen wollten, muss ich schon sagen.
Immerhin entlarvt er sich durch solche Aussagen, dass er auf genau demselben Level steht den er selber verurteilt. Mehr noch, er gesteht seinen zum Tode Verurteilten nicht mal ein Verfahren zu, etwas das jene zumindest taten. Einfach nur lachen über sowas... Aber die wissenschaftlkiche Arbeit finde ich ganz toll! Seit langem wartet die Mehrheit der Erdenbürger auf die Antworten auf die gestellten Fragen. Endlich werden Steuergelder mal sinnvoll eingesetzt.
LapOfGods 20.12.2013
4. Lecker
Schön, dass SPON seine medizinischen Artikel zunhmend mit Ekelbildern dekorieren muss. Glauben Sie mir, ich weiß schon, warum ich weder Splatterfilme mag noch CSI Dingenskirchen gucke noch Arzt oder Metzger geworden bin. Bäh!
felisconcolor 20.12.2013
5. es ist in der Tat
Zitat von puyumuyumuwanWenigstens hat Maximilien Marie Isidore de Robespierre, der Adelige der Revolution gegen den Adel, ordentlich gelitten, eher er selbst umgebracht wurde. Jean Paul Marat litt enorm unter Juckreiz, ehe er in seiner Badewanne erstochen wurde. Georges Jacques Danton war hässlich, fett und hatte Hämorrhoiden, dass er immer stehen und Reden halten musste. Der eher unbekannte vierte dieser Mörderbande, Louis-Antoine-Léon de Saint-Just, war offensichtlich irr und litt unter Schlaflosigkeit. Allen Vieren war ein zu später Tod beschieden. Sie hätten schon als Kinder zum Segen der Menschheit sterben sollen. Wir erleben es z.Zt. ja auch, dass die Sittenwächter wieder auferstehen und schikanieren. Robespierre und Danton waren Jurist, die beiden anderen Journalist/Literat.
erschreckend wie sich die Zeiten, die Taten und die Menschen gleichen. Siehe nur die Posts im Forum zu dem CDU Mann der für ein Abtreibungsverbot eintritt. Da geifern sie wieder die religiösen Eiferer. Es ist gruselig und sowas im 21. Jahrhundert in Deutschland.
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