Rassismus Wie Kinder Vorurteile abbauen können

Jeder kennt Sätze wie "Afrikaner oder Asiaten sehen für mich alle gleich aus". Das Phänomen kann schon bei Kindern entstehen - und zu Vorurteilen führen. Forscher haben eine Methode entwickelt, die das verhindern soll.

Kindergartenkinder auf einer Wiese
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Kindergartenkinder auf einer Wiese


Vorurteile entstehen oft aus Unwissenheit und mangelnder Erfahrung. Das wissen Psychologen schon länger. Einige gehen davon aus, dass unbewusste Vorurteile unter anderem dann entstehen, wenn jemand andere Menschen vor allem als Gruppe und nicht als Individuen wahrnimmt.

Dass man gegen solche Mechanismen vorgehen kann, haben Forscher nun in einer neuen Studie angedeutet. Darin lernten Kinder Gesichter von Angehörigen anderer Ethnien zu unterscheiden. Je besser ihnen das gelang, umso weniger Vorurteile entwickelten sie diesen Menschen gegenüber, schreibt ein internationales Team um Miao Qian von der Universität Hangzhou in China im Fachblatt "Child Development".

Bei der Trainingsmethode übten chinesische Kindergartenkinder im Alter von vier bis sechs Jahren am Computer, fünf Gesichter dunkelhäutiger Männer zu unterscheiden. Weil die Kinder vorwiegend mit Menschen ihrer eigenen Hautfarbe Kontakt hätten, würden sie Angehörigen anderer Gruppen mit unbewusstem Rassismus begegnen, vermuteten die Forscher. Bewusste Vorurteile seien dagegen meist erlernte Einstellungen, die Menschen nicht nur unterschwellig empfinden, sondern auch aussprechen können.

Bei Erwachsenen sitzen Vorurteile meist tiefer

Die Forscher bestimmten bei ihrer Methode durch Tests vorher und nachher, ob sich die Vorurteile der Kinder veränderten. Ergebnis: Schon nach zwei jeweils 20-minütigen Trainingseinheiten im Abstand von einer Woche sanken die Vorurteile für mindestens zehn Wochen.

Das Team um Qian glaubt, dass es sinnvoll sei, Kindern früh beizubringen, Menschen anderer Hautfarbe als Individuen und nicht als Teil einer Gruppe zu sehen. Denn bei Erwachsenen seien solche Vorurteile oft schon tief verankert und könnten nur noch schwer verändert werden.

"Die Ergebnisse überraschen mich nicht", sagt Andreas Beelmann von der Universität Jena, der an der Studie nicht beteiligt war. "Seit Langem ist bekannt, dass Wahrnehmung von Unterschieden zwischen Mitgliedern einer Gruppe zu weniger Vorurteilen führt."

Geschichte von Ausgrenzung erzählen

Kritisch beurteilt er allerdings, dass mehr als 40 der 95 Kinder nicht bis zum Ende der Studie mitmachten. "Die Gründe dafür werden in der Studie nicht erörtert, dabei könnten sie eine Rolle für den Ausgang der Studie spielen", bemängelt der Psychologe. Zudem könne man nicht von einem langfristigen Erfolg der Methode sprechen, denn die Wissenschaftler hätten die Vorurteile das letzte Mal nur zehn Wochen nach dem Training überprüft.

"Wir denken, dass der unbewusste Rassismus von Kindern ein guter Startpunkt ist, um ein gesellschaftliches Problem anzugehen", wird Co-Autor Gail Heyman von der University of California in San Diego in einer Mitteilung seiner Hochschule zitiert. Ein solches Training, da ist sich Psychologe Beelmann sicher, könne höchstens Teil eines umfassenden Präventionsprogramms gegen Rassismus sein.

Kinder sollten vor allem im Alltag direkten Kontakt mit Menschen verschiedener Ethnien haben und lernen, mit anderen mitzufühlen. "Man könnte beispielsweise eine Geschichte erzählen, in der jemand ausgegrenzt wird. Die Kinder sollen anschließend darüber nachdenken, wie derjenige sich wohl fühlt oder wie man ihm helfen kann."

Von Susanne Zahn, dpa/joe



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