Ein rätselhafter Patient Nagender Schmerz

Fieber und Gelenkschmerzen: Für diese Beschwerden eines 29-Jährigen finden Ärzte im britischen Coventry trotz ausgiebiger Diagnostik keine Ursache. Erst spät kommt der entscheidende Hinweis - vom Patienten selbst.

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Ausschlag an Händen und Füßen: Keine Schmerzen, kein Jucken - was ist das?
BMJ Publishing Group 2015

Ausschlag an Händen und Füßen: Keine Schmerzen, kein Jucken - was ist das?


Ein 29 Jahre alter Mann bekommt plötzlich Fieber. Sein Hals kratzt, er fühlt sich unwohl, und die Gelenke schmerzen. Eine typische Erkältung durch einen viralen Infekt könnte dahinter stecken. Aber als sich seine Beschwerden nach fünf Tagen nicht verbessern, sondern sogar noch verschlimmern, sucht er Hilfe beim Arzt.

Dem Mediziner berichtet der aus Polen stammende Lagerarbeiter, er habe keine chronischen Krankheiten, nehme aber Antihistaminika gegen seinen Heuschnupfen. Außerdem rauche er drei Päckchen Zigaretten am Tag.

Bei der Untersuchung fällt dem Arzt auf, dass der Mann nicht nur leichtes Fieber und geschwollene Rachenmandeln hat. Über Hände, Füße, Beine und Gesäß verteilen sich zahlreiche kleine Pusteln und Blasen und winzige Hautblutungen. Seit wann er diese hat, kann der Mann nicht sagen, der Hautausschlag verursacht ihm weder Schmerzen noch Juckreiz. Außerdem tun ihm die Gelenke in der rechten Hand, dem rechten Ellbogen und Knie und in beiden Knöcheln weh. In den Sprunggelenken ertasten die Mediziner leichte Schwellungen, die sie für Ergüsse halten. Geschwollene Lymphknoten oder Herzgeräusche, die für eine Entzündung der Herzinnenhaut sprechen könnten, hat der Patient aber nicht.

Entzündung in den Gefäßen?

In den ersten Blutuntersuchungen sind deutliche Entzündungszeichen zu erkennen: Die Blutsenkungsgeschwindigkeit ist erhöht, der sogenannte CRP-Wert ebenso. Leber- und Nierenwerte sind aber normal, und auf dem Röntgenbild des Brustkorbs können die Mediziner keine Anzeichen für eine Lungenentzündung finden.

Aufgrund der anhaltenden Allgemeinsymptome, der Gelenkschmerzen und der Hautveränderungen vermuten die Ärzte des University Hospitals Coventry and Warwickshire im britischen Coventry zunächst eine sogenannte Vaskulitis, wie sie im "BMJ Case Reports" berichten. Darunter fassen Mediziner eine ganze Reihe von ursächlich unterschiedlichen Entzündungen der Gefäße zusammen. Nicht selten spielt eine Autoimmunreaktion eine Rolle. Daher fahnden die Ärzte im Blut ihres Patienten nach verschiedenen Antikörpern und Rheumafaktoren. Sie untersuchen auch, ob er sich mit HIV infiziert oder eine Hepatitis hat, ob sich bestimmte Bakterien in seinem Blut vermehren oder Viruspartikel nachweisen lassen. Bei allem: Fehlanzeige.

Als nächstes punktieren sie das rechte Sprunggelenk mit einer Nadel und saugen etwas gelbe, trübe Flüssigkeit ab. Krankheitserreger können sie darin dennoch nicht finden.

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Wichtige Auskunft: Der Patient hat Haustiere

Der richtigen Diagnose sind die Mediziner noch keinen Schritt näher. Sie diskutieren wiederholt mit den Spezialisten für Mikrobiologie und befragen auch den Patienten erneut. Er ist es, der auf Nachfrage am Ende den entscheidenden Hinweis liefert: In seiner Wohnung hält der Mann mehrere Ratten als Haustiere. Die Nager sind dafür bekannt, das sogenannte Rattenbissfieber zu übertragen, bei dem Gelenkschmerzen, Hautausschlag und Fieber typisch sind. Zwar ist in dem Fallbericht nicht die Rede davon, dass der Patient womöglich von seinen Tieren gebissen wurde. Mit ihrem Speichel übertragen sie aber das Bakterium Streptobacillus moniliformis - und Teile davon können die Ärzte tatsächlich in einer erneuten Biopsie der Gelenkflüssigkeit nachweisen.

Die Therapie ist klar: Der Mann bekommt Penicillin-Infusionen. Nach zwei Wochen geht es ihm deutlich besser und das Fieber ist verschwunden. Lediglich der linke Knöchel ist noch schmerzhaft geschwollen, und der Patient kann ihn nicht belasten und weniger gut bewegen als die andere Seite. Die Ärzte lassen eine Kernspintomografie anfertigen und erkennen, dass der Mann eine sogenannte septische Arthritis hat, bei der sich die Erreger im Gelenk ansammeln.

Diese muss normalerweise umgehend behandelt werden. Die hinzugerufenen Orthopäden planen daher gleich für den folgenden Tag eine Gelenkspülung. Aus organisatorischen Gründen, so die Autoren in ihrem Fallbericht, habe der Eingriff aber verschoben werden müssen. Glücklicherweise ohne negative Konsequenzen für den Patienten: Wieder einen Tag später hat sich die Schwellung im Knöchel bereits deutlich zurückgebildet, und auch die Bewegungseinschränkung ist verschwunden. Daher verzichten die Ärzte - trotz anders lautender Empfehlungen der Britischen Orthopädischen Vereinigung - auf eine Gelenkspülung.

Für den Mann erscheint die Entscheidung richtig: Zu Hause muss er noch drei Wochen lang Antibiotika schlucken. Sechs Wochen später sind alle seine Probleme, bis auf leichte Schmerzen bei hohen Belastungen, verschwunden.

Ob er seine Tiere behält, verraten die Autoren nicht.

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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 06.01.2016
1. Tierbisse
sind nicht zu unterschätzen.
hanfiey 06.01.2016
2. Untersuchungen
was auffällt ist das nur nach bekannten Bakterien gesucht wurde . Da hätte sonstwas drin sein können. Auch hier sehe ich immer wieder das Allgemeinmediziner aus Mangel an Wissen oder Zeitgründen selbst eine Hepatitis übersehen und Vergiftungen nicht erkennen können.
Big_Jim 06.01.2016
3. Mir ist echt schleierhaft warum man sich
ausgerechnet Ratten selbst ins Haus holen muss! Es gibt wohl kaum schlimmere Überträger von Krankheiten als diese Tiere!
mittekwilli 06.01.2016
4. Glück gehabt
Die Chance mit der Autoimmunerkrankung war wohl sehr hoch mit der Folge, daß der Mann über Jahre Cortikoide geschluckt hätte.
elgrande78 06.01.2016
5. Falsch!
Zitat von Big_Jimausgerechnet Ratten selbst ins Haus holen muss! Es gibt wohl kaum schlimmere Überträger von Krankheiten als diese Tiere!
Ratten die hierzulande als Haustiere verkauft werden sind reine Zuchttiere, die wiederum von Laborratten abstammen, welche unter sehr sterilen bedingungen aufgewachsen sind. Deshalb gilt eine Krankheitsübertragung bei Hausratten, die nicht mit nach draussen genommen werden (!) als äußerst selten. Viel gefährlicher hingegen sind Katzen und Hunde! Einfach mal die Begriffe "Zoonose" + das entsprechende Haustier googlen. Sie werden sich wundern.
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