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Rauchen vs. Dampfen: "E-Zigaretten können Leben retten"

Ein Interview von

Dampfer: E-Zigaretten, so die Befürworter, sind gesünder als die Tabak-Variante Zur Großansicht
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Dampfer: E-Zigaretten, so die Befürworter, sind gesünder als die Tabak-Variante

Der britische Suchtforscher Peter Hajek ist überzeugt: E-Zigaretten könnten das Ende des Tabakrauchens bedeuten. Dabei bleiben auch Dampfer nikotinsüchtig - soll man Rauchern wirklich zum Umstieg raten?

ZUR PERSON
  • Peter Hajek ist einer der führenden britischen Experten für Tabakabhängigkeit und Entwöhnung. Er ist Professor für Klinische Psychologie an der Queen Mary University in London.
SPIEGEL ONLINE: Herr Hajek, Sie setzen große Hoffnungen in die E-Zigarette. Warum?

Hajek: E-Zigaretten haben das Zeug, tabakbedingte Krankheiten und Todesfälle zu eliminieren. Wir hatten noch nie etwas, das auch nur annähernd so vielversprechend im Kampf gegen den Tabakkonsum gewesen wäre. Sobald die Geräte so gut sind, dass sie mit Zigaretten voll mithalten können, werden Raucher zweifellos in Scharen wechseln. Das wäre ein enormer Gewinn für die Gesundheit der Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: E-Zigaretten könnten Rauchen überflüssig machen?

Hajek: Ja. Die Technik des Dampfens ist neu, hat aber in den letzten zwei Jahren schon enorme Fortschritte gemacht. Wenn man ihr erlaubt, sich weiterzuentwickeln, wird sie sehr wahrscheinlich das Ende der Zigarette bewirken.

Funktionsweise einer E-Zigarette: Für Details bitte auf das Bild klicken Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Funktionsweise einer E-Zigarette: Für Details bitte auf das Bild klicken

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist das Risiko eines Dampfers im Vergleich zu einem Raucher?

Hajek: Ich würde sagen, Tabakzigaretten sind hundertmal so gefährlich - sofern mit dem Dampfen überhaupt irgendein Risiko verbunden ist. Tabakrauch enthält Verbrennungsprodukte, die Krebs erzeugen sowie Herz und Lunge schädigen. Im Fall von E-Zigaretten wird nichts verbrannt. Zwar können im Dampf potenziell gefährliche Chemikalien auftreten, aber in sehr geringer Dosis.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man Raucher nicht eher dazu ermutigen aufzuhören, anstatt zu wechseln?

Hajek: Am besten ist es immer, mit dem Rauchen ganz aufzuhören. Aber für Raucher, die das nicht können oder wollen, ist es die zweitbeste Wahl, zu einer viel weniger schädlichen Alternative zu wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Da würden einige Experten widersprechen. Sie sehen wenig Sinn in einer Schadensminderung durch E-Zigaretten, solange die Nikotinsucht fortbesteht.

Hajek: Für die meisten Fachleute sind rauchbedingte Todesfälle und Krankheiten das Kernproblem. Aber Sie haben recht, es gibt ein paar Anti-Tabak-Aktivisten, die das anders sehen.

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E-Zigaretten

Glauben Sie, es wird eines Tages weniger Tabak- als E-Zigaretten geben?

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Hajek: Da kann ich nur mutmaßen. E-Zigaretten sind eine revolutionäre Technologie. Sie bringen alles durcheinander. Es ist ein wenig wie damals, als die digitalen Kameras aufkamen und die Filmkameras erledigten. Jetzt machen das die E-Zigaretten mit der Tabakindustrie: Sie entziehen dem Geschäft mit Rauchentwöhnungsmitteln die Grundlage - und vielleicht auch den Methoden der Tabakkontrolle, die auf eine Regulierung "von oben" hinauslaufen. Nun aber nehmen Raucher die Sache selber in die Hand.

SPIEGEL ONLINE: Studien haben gezeigt, dass der Dampf giftige Substanzen wie etwa Formaldehyd enthalten kann.

Hajek: Die Mengen, die man bisher gefunden hat, waren klinisch nicht relevant - mit Ausnahme vielleicht des Formaldehyds bei überhitzten Geräten. Alles hängt von der Dosis ab. Wenn eine Studie zum Beispiel Schwermetalle oder Nitrosamine findet, muss sie das in Bezug zum Zigarettenrauch setzen. Und sie muss sagen, ob die Mengen gefährlich sind. Bisher lagen die Befunde meist deutlich unter den Grenzwerten, die für die Atemluft an Arbeitsplätzen als sicher gelten.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn man eines Tages doch etwas Scheußliches findet? Sollte man den Verkauf des Dampferbedarfs nicht sicherheitshalber auf Apotheken beschränken?

Hajek: In Europa haben wir einen starken Verbraucherschutz. Es ist illegal, etwas Giftiges in Umlauf zu bringen. Niemand darf Arsen in den Joghurt rühren, den er Ihnen verkauft. Wir müssen Joghurt nicht in Apotheken verbannen, um uns zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Was würde es denn schaden, das Dampfen streng zu regulieren?

Hajek: Bei E-Zigaretten muss für Sicherheit gesorgt werden wie bei jeder anderen Ware auch - mit einigen zusätzlichen Regeln. Wir brauchen kindersichere Verpackungen, und wir sollten Werbung gegenüber Nichtrauchern verhindern. Aber die E-Zigarette als medizinisches Produkt zu regulieren, wäre verhängnisvoll.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Hajek: Es würde die Entwicklung der Geräte stoppen. Die kleinen Hersteller und Erfinder würden aus dem Geschäft verschwinden, weil sie sich die nötigen Zulassungsverfahren im Gegensatz zu den großen Tabakkonzernen nicht leisten können. Die Prozeduren sind teuer und langwierig und zwar für jedes einzelne Produkt. Das ist der Grund, warum aus Nikotinersatzmitteln wie Kaugummis oder Inhalatoren nie das geworden ist, was die E-Zigaretten heute bieten können. Kaum waren sie lizenziert, wurden sie nicht mehr verbessert. Sie sind seit über 40 Jahren praktisch eingefroren. Die medizinische Zulassung verhindert, dass sie Tabakzigaretten aus dem Feld schlagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben also, eine übermäßige Regulierung würde unterm Strich den Tabakkonzernen nützen?

Hajek: Ja. Big Tobacco begann 2012, sich in die E-Zigarette einzukaufen, aber die Konzerne haben wenig Interesse daran, die Technik weiterzuentwickeln und damit das Ende der Tabakzigarette zu beschleunigen. Die Konzerne wären imstande, auch die E-Zigaretten zu monopolisieren und klein zu halten, wenn die medizinische Regulierung ihnen zu Hilfe käme. Das wäre vollkommen absurd: Etwas, das hundertmal sicherer ist, muss zusätzliche Sicherheits-Checks durchlaufen, damit der wirklich gefährliche Stoff weiterhin frei verkauft werden kann.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 215 Beiträge
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1. Naja
rodelaax 28.05.2014
Nach dieser Logik können sich die Nikotinjunkies das Gift doch auch direkt intravenös spritzen. Wenn die das dann noch schön zuhause machen, belästigen die ihre Mitmenschen auch nicht mit diesen gruseligen E-Zigaretten.
2.
apfeldroid 28.05.2014
Ob da bestimmte Industriekreise bei der Artikelherstellung mitgewirkt haben bleibt in dunklen Analen der Spiegelredaktion
3. Husten
rennflosse 28.05.2014
Zitat von sysopAPDer britische Suchtforscher Peter Hajek ist überzeugt: E-Zigaretten könnten das Aus für die Tabakindustrie bedeuten. Dabei bleiben auch Dampfer nikotinsüchtig - soll man Rauchern wirklich zum Umstieg raten? http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/rauchen-vs-dampfen-e-zigaretten-verdraengen-tabakzigaretten-a-971686.html
Leben retten? Also ich habe mal E-Zigaretten versucht. Mein Tabakkonsum ist ja eher bescheiden, vielleicht fünf Zigaretten im Laufe eines Abends auf dem Balkon, mehr ist da nicht. Den ganzen Tag komme ich ohne Qualm aus und schaue aus dem Bürofenster auf die bedauernswerten Kolleginnen, die alle halbe Stunde bei Wind und Wetter zur Raucherinsel streben. Das Ergebnis war: der Dampf reizte sofort zum Husten, der Rauch nur bei drei Glimmstengeln hintereinander. Für mich keine Alternative, für andere schon. Das muss man jedem überlassen. Fakt ist, die E-Zigarette ist eine annehmbare Lösung, sofern man nicht dem Irrglauben anhängt, den Raucher damit "heilen" zu können. Es gibt allerlei Aromen ohne Nikotin für den, der das mag. Die Tabakindustrie könnte durch die E-Zigarette sogar gerettet werden, sie wird ohnehin nicht untergehen. Irgend jemand muss das Nikotin für die Dampfer ja herstellen und woraus könnte man das besser als aus Tabak?
4. Gute Antworten auf schlechte Fragen
penie 28.05.2014
Herr Hajek weiß offensichtlich wovon er spricht. Herrn Dworschaks Fragen sind gelinde gesagt eine Zumutung. "Was würde es schaden, das Dampfen streng zu regulieren?" läßt nicht gerade auf eine freiheitliche Gesinnung schließen. Wir laufen peu à peu auf einen Obrigkeitsstaat zu. Heutzutage natürlich unter der Flagge des Schutzes des Bürgers/Untertans vor Gefahren (und der Wirtschaft und Verwaltung vor Haftungsansprüchen).
5. Aber
rennflosse 28.05.2014
Zitat von rodelaaxNach dieser Logik können sich die Nikotinjunkies das Gift doch auch direkt intravenös spritzen. Wenn die das dann noch schön zuhause machen, belästigen die ihre Mitmenschen auch nicht mit diesen gruseligen E-Zigaretten.
Ja, aber das macht keinen Spaß. Sie essen ihre Mahlzeiten ja auch nicht in Tablettenform. Und pieksen ist so siebziger.
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ZUM AUTOR
  • Tim Wegner
    Manfred Dworschak hat Linguistik und Geschichte studiert. Er ist Redakteur im Wissenschaftsressort des SPIEGEL

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