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Wiederbelebung: Herzmassage? Trauen Sie sich!

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Gerät als Lebensretter: Hilfe bei der Reanimation für Ersthelfer Fotos
CFA Internaional Group

Tausende Deutsche sterben jedes Jahr, weil sich zu wenige Laien eine Reanimation bei Menschen mit Herzstillstand zutrauen. Ein neues Gerät soll die Hemmschwelle senken und die Wiederbelebung verbessern. Kann es Menschenleben retten?

Klick, klack, klick, klack, klick, klack. So hört sich Herzdruckmassage normalerweise nicht an. Wer fest auf den Brustkorb eines Menschen drückt, der gerade einen Herzstillstand hat, hört allenfalls in Form eines mechanischen Keuchens, wie die Luft aus den Lungen entweicht. Mache ich die Massage richtig? Drücke ich tief genug? Im Ernstfall können Laien Fragen wie diese nicht beantworten.

Ob die Massage richtig durchgeführt wird, ob man tief genug drückt und dem Herzen auch den Raum lässt, sich wieder zu füllen, lässt sich bisher für den Laien nicht kontrollieren.

Der Cardio First Angel soll das ändern: Es handelt sich dabei um ein Gerät, das dem Helfenden vermittelt, ob er bei der Herzdruckmassage alles richtig macht. Geräusche signalisieren, ob etwa die Drucktiefe stimmt und der Helfende dem Herzen auch den Raum lässt, sich wieder zu füllen - klick, klack.

Wo soll man drücken und wie tief?

"Wie eine Herzdruckmassage ganz konkret ablaufen sollte, davon hat ein überraschend großer Anteil der Bevölkerung nur eine vage Ahnung", sagt Christian Hagl, Direktor der Herzchirurgischen Klinik des Uni-Klinikums München. Ein großes Problem: Viele trauen sich nicht, im Ernstfall zu helfen, aus Angst, etwas falsch zu machen. Schätzungen zufolge könnten aber jährlich etwa 10.000 Leben gerettet werden, wenn Laien eine Reanimation durchführen würden.

Hagl hat als medizinischer Entwickler den Cardio First Angel mitgebaut. Wo soll man drücken, wie tief und in welcher Frequenz? All das soll das kleine neue Gerät seinem Benutzer mitteilen - und so die Erfolgsquote bei Laien-Reanimationen verbessern.

Nach Vorstellung der Entwickler hängt der Cardio First Angel idealerweise künftig einmal ähnlich wie ein Feuerlöscher zu Hause, in Unternehmen, Autos und in öffentlichen Räumen in einer kleinen Box an der Wand. Seit Kurzem ist das Gerät für rund 69 Euro in Apotheken erhältlich.

Das Prinzip des mechanischen Geräts ist simpel: Es besteht unten aus einer länglichen Schaumstofffläche, die in der Mitte des Brustkorbs des Patienten aufgelegt wird. Obenauf ist eine harte Plastikscheibe befestigt, auf die man einen bestimmten Druck ausübt - denjenigen, den man für eine Wiederbelebung braucht. Im Innern des Instruments befindet sich eine Feder, die bei jeder Druckbewegung ein Klicken verursacht. Lässt man anschließend wieder los, um dem Herzen Füllzeit zu geben, gibt die Feder ein Klacken von sich. Klick, klack. Drei auf der Plastikscheibe aufgedruckte Bildchen erklären den Mechanismus und das Vorgehen noch einmal anschaulich.

Kann das Gerät wirklich Leben retten?

Praxistest im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Malte Issleib, Oberarzt in der Anästhesie der Klinik und leitender Notarzt, legt den Cardio First Angel auf eine Übungspuppe, beugt sich darüber und beginnt zu reanimieren. Klick, klack, klick, klack. 100-mal pro Minute. Ein an die Übungspuppe angeschlossener Computer zeichnet alles auf. "Die Drucktiefe passt sehr gut", sagt Issleib, als er sich die Daten danach ansieht. "Und die akustischen Signale sind benutzerfreundlich."

Er träufelt etwas Wasser auf das Schaumstoffpolster, legt es erneut auf die Übungspuppe, prüft, ob es verrutscht. "Auch bei schwitzenden Patienten kann der Laie so sicher reanimieren, ohne den korrekten Druckpunkt zu verlieren", sagt Issleib. "Das Ding leistet, was es verspricht." Auch dass die Mund-zu-Mund-Beatmung bei dem Gerät keine Rolle spielt, sei zu vertreten. Viele Experten empfehlen für die Laienwiederbelebung inzwischen nur noch die Herzdruckmassage ohne Mund-zu-Mund-Beatmung.

Zu vielen Laien fehlt der Mut zum Helfen

"Die Frage ist nur, ob die Millionen, die für eine flächenweite Verbreitung des Geräts aufzubringen wären, nicht besser in Wiederbelebungskurse für die Bevölkerung investiert werden sollten", sagt Issleib. Die Bilanz in Deutschland ist erschreckend: Wenn Sanitäter oder Notärzte hierzulande bei einem Patienten mit Herzstillstand eintreffen, haben nur bei höchstens 22 Prozent der Patienten Angehörige oder Umstehende eine Herzdruckmassage begonnen, andere Analysen gehen von nur 15 Prozent aus. Bei fast vier von fünf Fällen hingegen ist die Blutzufuhr zum Gehirn schon mindestens mehrere Minuten unterbrochen. In den Niederlanden ist die Quote mehr als dreimal so hoch: 70 Prozent der Patienten werden von Laien wiederbelebt.

So funktioniert die Herzmassage
1. Den Brustkorb fest, etwa fünf Zentimeter tief mit einer Geschwindigkeit von 100 Stößen pro Minute eindrücken.
3. Die Mund-zu-Mund-Beatmung, vor der sich viele ekeln, sei bei der Wiederbelebung zweitrangig.
"Mit dem Cardio First Angel verbessert man in Deutschland möglicherweise die Qualität der Laienreanimation bei den 22 Prozent der Patienten, wo sie ohnehin schon durchgeführt wird", sagt Issleib. Bei der Mehrheit der Patienten aber, die gar nicht erst durch Laien wiederbelebt werde, helfe die Verbesserung der Qualität der Herzdruckmassage durch das Gerät natürlich nicht. "Reanimationskurse sind da deutlich wirkungsvoller, weil die Teilnehmer danach häufiger Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen", so der Notfallmediziner. "Dabei sind sie unabhängiger, weil ja nicht immer überall ein Cardio First Angel zur Verfügung steht."

Verkehrt sei eine Verbreitung des Geräts dennoch nicht, meint Issleib. "Viele Laien haben Angst, etwas falsch zu machen bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung. Das Gerät erlaubt dem Ersthelfer, den Patienten zu reanimieren, ohne ihn direkt auf der Brust berühren zu müssen." Das könnte für manche die Hemmschwelle senken und damit zumindest ein wenig helfen, auch die Rate der Wiederbelebenden zu steigern. Und die Zahl derer, die einen Herzstillstand überleben.

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1.
themistokles 24.09.2014
"Tausende Deutsche sterben jedes Jahr, weil sich zu wenige Laien eine Reanimation bei Menschen mit Herzstillstand zutrauen." Laien sollten dies auch nicht machen sondern nur Menschen, die das vorher einmal geübt und/ oder in einem Erste Hilfe Kurs physisch an einem Übungsobjekt gelernt haben. Und nicht in irgendeiner Werbung oder "mal im Internet" gelesen haben.
2. 70€?!
mitja 24.09.2014
70€ für ein Plastikgehäuse mit einer Feder? Abgesehen davon, dass ich auch finde, dass die "Ausbildung" der Bevölkerung verbessert werden sollte, würde sich dieses Kästchen sicherlich eher verbreiten, wenn es zu einem realistischen Preis verkauft würde. Wieso in den Niederlanden die Reanimationsquote so viel höher ist, wird hier aber auch mit keinem einzigen Wort erklärt.
3. ...
MartinS. 24.09.2014
Zitat von themistokles"Tausende Deutsche sterben jedes Jahr, weil sich zu wenige Laien eine Reanimation bei Menschen mit Herzstillstand zutrauen." Laien sollten dies auch nicht machen sondern nur Menschen, die das vorher einmal geübt und/ oder in einem Erste Hilfe Kurs physisch an einem Übungsobjekt gelernt haben. Und nicht in irgendeiner Werbung oder "mal im Internet" gelesen haben.
Das ist kurz zusammengefasst die Definition von "FALSCH" Die Reanimation ist schlichtweg das Einzige, was einem Menschen in dieser Situation das Leben retten kann. Macht der Laie nichts, dann stirbt derjenige mit Herzstillstand (auf jeden Fall). Macht der Laie etwas, das aber nicht "ganz richtig" ist, weil ers nur mal im Fernsehen gesehen hat, oder halt im Internet gelesen... dann hilfts im schlimmsten Fall nichts, aber es schadet auch nichts. Wirklich falsch machen kann der Laie nur eines - nämlich nichts tun. Für den Menschen mag es bequem sein, wenn er lieber jemandem beim Sterben zuguckt, weil "ich als Laie weiß ja nicht, was ich machen soll"... oder am besten direkt weiterlaufen, und so tun, als hätte man nichts bemerkt. Aber das ist im Endeffekt die Handlung eines gewissenlosen Feiglings.
4.
themistokles 24.09.2014
Zitat von MartinS.Das ist kurz zusammengefasst die Definition von "FALSCH" Die Reanimation ist schlichtweg das Einzige, was einem Menschen in dieser Situation das Leben retten kann. Macht der Laie nichts, dann stirbt derjenige mit Herzstillstand (auf jeden Fall). Macht der Laie etwas, das aber nicht "ganz richtig" ist, weil ers nur mal im Fernsehen gesehen hat, oder halt im Internet gelesen... dann hilfts im schlimmsten Fall nichts, aber es schadet auch nichts. Wirklich falsch machen kann der Laie nur eines - nämlich nichts tun. Für den Menschen mag es bequem sein, wenn er lieber jemandem beim Sterben zuguckt, weil "ich als Laie weiß ja nicht, was ich machen soll"... oder am besten direkt weiterlaufen, und so tun, als hätte man nichts bemerkt. Aber das ist im Endeffekt die Handlung eines gewissenlosen Feiglings.
Wenn also ein 90 Kilo Kolos sinnlos auf den Brustkasten einhämmert und ihn Zentrimetertief eindrückt, passiert also nichts? Naja, da kann man geteilter Meinung sein. Helfen soll und muss man, da haben Sie vollkommen recht. Aber die Hilfe sollte auch sinnvoll sein und nicht einfach nur darin bestehen, laienhaft 10 Minuten lang sinmlos irgendetwas falsch zu machen. Auch dann ist nämlich der Mensch tot.
5. Falsche Begriffe
spon-facebook-10000376778 24.09.2014
Wiederbeleben kann nur der Not-/Arzt mit Medikamenten und dann auch nicht gerade oft. Denn, wenn man tot ist, ist man Tot. Bei einer Herz-Lungen-Wiederbelebung(weiß der Teufel warum dies so heißt) wird durch die Beatmung und die Herzmassage der Körper(vorallem das Gehirn) mit Sauerstoff versorgt, bis der arzt kommt. Die Aufklärung in Deutschland bei solchen sachen ist echt miserabel. Vorallem brechen bei einer Herzmassage gerne auch mal die Rippen. Das knackt ja bekanntlich ganz gut und hauen schon meistens die Hälfte der Helfer ab, nach dem Motto: UPS, jetzt ist es kaputt, nichts wie weg von hier!
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Zum Autor
  • Christian Heinrich
    Christian Heinrich ging nach seinem Medizinstudium auf die Deutsche Journalistenschule. Seit 2010 arbeitet er als freier Journalist in Hamburg. Neben Gesundheits- und Wissenschaftsthemen schreibt er auch über Wirtschaft und Gesellschaft, Reise und Bildung.
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