Kritik von Rechtsmedizinern Ärzte machen zu viele Fehler bei Leichenschauen

Waren Krankheit, Unfall oder ein Verbrechen schuld am Tod? Ärzte stellen nach Auffassung von Rechtsmedizinern bis zu jeden 20. Leichenschein falsch aus. Vor allem vor Feuerbestattungen sei mitunter ein zweiter Blick nötig.

Britta Bockholdt, Direktorin des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität Greifswald, mit einem Skelett: "Die Qualität der Leichenschau ist deutschlandweit ein Problem."
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Britta Bockholdt, Direktorin des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität Greifswald, mit einem Skelett: "Die Qualität der Leichenschau ist deutschlandweit ein Problem."


Greifswald - In Deutschland passieren zu viele Fehler bei der Leichenschau. Der Totenschein von bis zu jeder 20. Leiche sei nicht korrekt, sagte Britta Bockholdt, Direktorin des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität Greifswald, bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin in Greifswald. "Die Qualität der Leichenschau ist deutschlandweit ein Problem", so Bockholdt am Dienstag. In Greifswald und auf der Insel Usedom treffen sich noch bis Samstag rund 250 Experten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden.

In den Krematorien Mecklenburg-Vorpommerns stoppten Rechtsmediziner jährlich in zwei bis fünf Prozent der Fälle eine Verbrennung, um in einer zusätzlichen Leichenschau Unklarheiten auszuräumen, so Bockholdt. Schließlich entfällt hier die Möglichkeit einer späteren Exhumierung. In anderen Bundesländern seien die Zahlen ähnlich.

Die Rechtsmedizinerin beklagte, dass es nicht überall eine durch Rechtsmediziner durchgeführte zweite Leichenschau vor einer Feuerbestattungen gebe. Sie sprach sich für ein bundeseinheitliches Leichenschaugesetz aus: "Standardisierte Maßstäbe in der Begutachtung der Leichen wie auch einheitliche Totenscheine wären sinnvoll, um falsche Angaben zu verhindern." Zudem müssten die Ärzte regelmäßig geschult werden, um Fehleinschätzungen bei der ersten Leichenschau zu verhindern.

Woher kommen die Blutungen in den Augen?

Oftmals würden bei der ersten Leichenschau punktförmige Blutungen an den Augen, sogenannte Petechien, übersehen. "Sie können Hinweis auf eine gewaltsame Halskompression, also ein Erwürgen, sein", sagte Bockholdt. Petechien könnten zwar noch andere Ursachen haben, müssten aber erkannt und weiter untersucht werden.

2010 klärten Greifswalder Rechtsmediziner einen Kriminalfall auf: Ein 69-jähriger Rentner aus Anklam hatte eine 65-jährige Bekannte erwürgt. Das Verbrechen wurde erst im Krematorium unmittelbar vor der Einäscherung durch Rechtsmediziner bei der zweiten Leichenschau entdeckt. Der Mann gestand später den Mord und wurde zu elf Jahren Haft verurteilt.

Die Rechtsmediziner wollen auf der Tagung eine Arbeitsgemeinschaft "Forensische Bildgebung" gründen. Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) spielen als ergänzende Untersuchungsverfahren zunehmend eine Rolle, können aber die Obduktionen nicht ersetzen. Etwa bei der Suche nach Fremdkörpern wie abgebrochenen Messerspitzen und Projektilen können sie aber einer wertvolle Hilfe sein.

Von Martina Rathke, dpa



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litke 09.09.2014
1.
Ich zitiere recht frei aus Sabine Rückerts Buch "Tote haben keine Lobby" von 2002: Jährlich geht in Deutschland eine Titanic mit Mann und Maus unter und niemand bemerkt es. Dass unentdeckte Morde als natürlich Todesursache zu den Akten und die Toten 2 m tiefer gelegt werden ist also eigentlich schon hinreichend lang bekannt - warum dauert es so lange, bis jemand etwas unternimmt?
romgen 09.09.2014
2. Praxisferne Rechtsmediziner
Leider machen Rechtsmediziner nur selten Leichenschau vor Ort bei den Verstorbenden. Mit Regeln und Normen kann man hier gar nichts bewegen, das ist total weltfremd! Meine Frau musste shcon oft den Totenschein im Rahmen ihrer Tätigkeit als Notärztin ausfüllen. Ihre Erfahrug dabei ist, dass es die anwesenden Polizisten sind, die Druck auf den Arzt bei der Ausfüllung des Totenscheines ausüben! Mehrmals wurde meine Frau von den Polizisten angegangen, weil sie sich geweigert hat "natürliche Todesursache" anzukreuzen. Das bedeutet für die nämlich arbeit, und die sagten ihr immer "der Fall ist doch klar". Und das andere Ärzte damit anders umgehen ist uns auch klar, denn ein Spruch von den Polizisten war immer: "Die anderen Ärzte machen das doch auch." Aber zum Schluss sind immer die Ärzte Schuld...
santacatalina 09.09.2014
3. Ärzte machen Fehler bei Leichenschau?
Ja klar. Und solange die Leichenschau notgedrungen in Gegenwart der Angehörigen durchgeführt werden muß, wird sich daran auch nichts ändern. Erst wenn jemand das Geld bereitstellt, um die Leichenschau im Leichenschauhaus, ohne Angehörige, dafür aber mit einem professionellen Helfer durchzuführen, kann man das vielleicht nach den Regeln der Kunst durchführen.
ambulans 09.09.2014
4. das
"kennen" wir doch alles schon aus den krimis im fernsehen - oder?
skeptiker53 09.09.2014
5. Die lieben Kollegen Rechtsmediziner...
Sollen sie es doch machen, wenn sie sowieso ständig unsere Feststellungen bemängeln. Es würden nur ung. 10.000 zusätzliche Rechtsmediziner benötigt um bundesweit alle Todesfälle Tag für Tag überprüfen zu können. Und das bitteschön dann nicht für ein schönes Festgehalt aus öffentlicher Hand, sondern auch für den gleichen Almosenhonorar, dass Hausärzte für den (häufig nächtlichen) Einsatz bisher bekommen. Und nix mit 38-Stunden-Woche an der Uniklinik: die Leiche wartet nicht bis Montagmorgen, bitte raus zum (unbezahlten) Hausbesuch in der Pampa...
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