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Nachgeforscht

Nachgeforscht Das Haarwunder aus der Dose

Täglich ein bisschen Schaum auf die Kopfhaut einmassiert - und schon hört der Haarausfall auf, ja, es wachsen sogar Haare nach: So verspricht es die Werbung. Funktioniert das tatsächlich?

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Sie sind männlich, Anfang vierzig, und Ihr Haupthaar hat Sie schon vor vielen Jahren verlassen? Zurückgeblieben ist nur ein schmaler, dünner Kranz am Hinterkopf, der sich bis zu den Ohren müht? Dann leiden Sie vermutlich an erblich bedingtem Haarausfall, die Fachleute sagen dazu: androgenetische Alopezie.

Dabei verkümmern nach und nach die Haarfollikel, in denen das Haar gebildet wird. Erst wird das Haar immer dünner, irgendwann fällt es aus und wächst dann auch nicht mehr nach. Die Folge: Geheimratsecken, Tonsur, Glatze. Wie verlockend klingen da Werbeversprechen wie dieses: "Es gibt Möglichkeiten, den Haarausfall aufzuhalten und sogar neues Haar wachsen zu lassen."

So wirbt der Pharmahersteller Johnson & Johnson auf seinen Internetseiten für sein Haarwuchsmittel Regaine, macht Hoffnung. Andreas Körber dämpft jedoch die Erwartungen. "Bei jemandem, der schon kahl oben ist, kann man draufschmieren, was man will, der kriegt seine alte Frisur nicht zurück", sagt der Mediziner, der an der Klinik für Dermatologie der Universität Essen die Ambulanz leitet.

Und doch: Ganz aussichtslos ist es nicht, wenn die Haare schwinden. "Allerdings muss man rechtzeitig kommen, das ist die Grundvoraussetzung", sagt der Mediziner. Also dann, wenn das Haar gerade beginnt, lichter zu werden. Denn dann lassen sich möglicherweise die Haarfollikel wieder anregen.

Dabei hilft der Wirkstoff Minoxidil, dessen haarfördernde Wirkung Mediziner zufällig entdeckten. Es steckt in einem Blutdruckmedikament, und bei einigen Patienten hatte die Einnahme des Mittels eine Nebenwirkung: Ihnen wuchsen mehr Haare.

  "Es wirkt bei mehr als jedem Zweiten", sagt der Dermatologe Körber  Zur Großansicht
Getty Images

"Es wirkt bei mehr als jedem Zweiten", sagt der Dermatologe Körber

Kein Wunder also, dass die Industrie daraus ein Produkt für einen äußerst lukrativen Markt entwickelte. Immerhin haben etwa die Hälfte aller Männer und auch 20 Prozent der Frauen in Deutschland androgenetische Alopezie - und leiden darunter.

Das Ende des Haarausfalls?

Wer hätte nicht am liebsten ein Leben lang einen vollen Haarschopf und wäre bereit, dafür allerlei auszuprobieren? Die meisten Tinkturen und Wässerchen könne man sich jedoch sparen, sagt Körber. Allenfalls der Wirkstoff Minoxidil könne im besten Fall etwas bewirken.

Regaine ist das bekannteste Mittel auf Minoxidil-Basis, aber längst nicht das einzige. Der Wirkstoff steckt auch in Alopexy und Neocapil. "Minoxidil wirkt bei mehr als jedem Zweiten", sagt Körber, der die Studienlage kennt und seit über zehn Jahren Menschen mit Haarausfall behandelt.

Laut Hersteller soll Regaine sogar bei 90 Prozent aller Männer den Haarausfall stoppen, das sei in mehr als 100 Studien belegt. 90 Prozent der Männer? Und 100 Studien? Das hält Körber für übertrieben. Aber es sei natürlich auch immer die Frage, was man als Studie definiere.

Für die Erstellung der medizinischen Leitlinien untersuchten Mediziner die Daten aus 34 Studien, 24 davon Placebo-kontrolliert. Bei wie vielen Probanden der Haarausfall durchschnittlich gestoppt werden konnte - dazu können die Autoren trotzdem keine konkreten Angaben machen. Aber sie geben Minoxidil für seine Wirkung gegen Haarausfall in einer Übersichtstabelle immerhin drei von vier Punkten.

Mehr Haare?

Und was ist mit dem in Aussicht gestellten Haarwachstum? Körber schätzt, dass bei etwa einem Drittel der Patienten auch neue Haare nachwachsen.

In einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2012 untersuchte die Cochrane Collaboration zehn qualitativ hochwertige Studien zur Wirkung von Minoxidil bei Frauen.

Das Ergebnis: Die zusammengefassten Daten aus vergleichbaren Studien ergaben, dass Minoxidil bei 121 von 488 Studienteilnehmerinnen zumindest einen moderaten Haarwuchs bewirkte, also mehr Haare bei jeder Vierten. Und einige Teilnehmerinnen sogar starkes Haarwachstum hatten. Sie hatten hinterher 13,3 Haare pro Quadratzentimeter mehr auf dem Kopf als zu Beginn der Behandlung.

Wie funktioniert's?

Wie Minoxidil genau wirkt, wissen Mediziner bislang allerdings nicht. Das mag für den Betroffenen vielleicht nicht so wichtig sein, die folgende Aussage hingegen schon: Niemand kann vorhersagen, wer auf die Behandlung anspricht wird und wer nicht.

Wer bereits seit zwanzig Jahren eine Vollglatze hat, kann sich Geld und Mühe der Behandlung sparen. "Wenn der Haarausfall schon weit fortgeschritten ist, und schon lange besteht, kann das Mittel auch nicht mehr wirken", erklärt Körber.

Ein Euro pro Tag

Für einen langfristigen Erfolg muss Minoxidil übrigens täglich auf die Haarfollikel einwirken. Und zwar sogar zweimal pro Tag - und für den Rest des Lebens. Zumindest sofern einem das Resthaar entsprechend viel wert ist. Eine Dreimonatspackung Regaine für Männer kostet um die 90 Euro, Alopexy ist mit rund 60 Euro in der gleichen Packungsgröße günstiger. Online werden die Produkte teils mit großem Nachlass verkauft.

Wie bei allen Medikamenten können auch bei Minoxidil Nebenwirkungen auftreten. Am häufigsten sind Kopfschmerzen, Juckreiz und Hautrötung. Beobachtet wurden auch vermehrtes Haarwachstum außerhalb des behaarten Kopfes und Bluthochdruck.

Seinen Patienten rät Körber, das Mittel drei bis vier Monate anzuwenden. Wenn sie dann allerdings keine Besserung spüren, sollten sie die Follikelkur beenden. So empfehlen es auch die Hersteller. Aber selbst im Erfolgsfall warnt Körber vor allzu großen Hoffnungen: "So wie mit 20 wird es nicht mehr."

Zusammengefasst: Beginnt man die Behandlung rechtzeitig, kann Minoxidil bei Haarausfall etwas bringen. Ob und wie stark das Mittel allerdings wirkt, weiß man erst nach einigen Monaten. Und damit es nachhaltig die Haare erhält, muss man eisern morgens und abends die Kopfhaut mit dem Mittel behandeln. Die Kosten: 70 Cent bis ein Euro pro Tag - für den Rest des Lebens.

Mythos oder Medizin

Zur Autorin
Kristin Hüttmann
Tinka und Frank Dietz

Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.

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