Selbständigkeit Reha schützt Senioren vor dem Gang ins Heim

Nach Unfällen oder Erkrankungen landen alte Menschen häufig in Altersheimen. Dabei kann eine Alters-Reha Pflegefälle verhindern. Fachärzte empfehlen, die Chance häufiger und früher zu nutzen - auch wenn es dabei oft Hürden gibt.

Wassergymnastik: Bei der Reha lernen Senioren, den Alltag neu zu meistern
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Wassergymnastik: Bei der Reha lernen Senioren, den Alltag neu zu meistern


Ob Sturz, Lungenentzündung oder Schlaganfall: Unfall und Krankheit machen aus alten Menschen schnell Pflegefälle. Eine Alters-Reha könnte helfen - wenn sie öfter und früher angeboten und genehmigt würde.

Kathrin Tatschner ist Chefärztin in der geriatrischen Rehabilitationsklinik Würzburg. Das Konzept der Alters-Reha erklärt sie so: "Bei uns werden die Patienten als Ganzes betrachtet." Bricht sich ein alter Mensch zum Beispiel ein Bein, gehe man dem auf den Grund: Weshalb ist er hingefallen? Gibt es zu Hause Stolperfallen? Lassen die Muskeln wegen schlechter Ernährung nach? Dann arbeitet eine Gruppe von Fachkräften mit den Patienten.

Die betreuenden Ärzte sind Spezialisten. Sie wissen, wie sich Krankheitssymptome bei Senioren überlagern können und welche Medikamente bei ihnen anders wirken. Nicht nur Logopäden, Ernährungsberater, Physio-, Sport und Ergotherapeuten gehören zum Team der Würzburger Reha-Klinik. Auch Psychologen und Sozialpädagogen betreuen dort die Patienten: Weil ältere Kranke sich oft zurückziehen, an Angststörungen und Depressionen leiden.

Die wichtigsten Handgriffe üben

In der Reha sollen sie lernen, den Alltag wieder alleine zu meistern. Die wichtigsten Handgriffe zum Kochen werden in einer Übungsküche neu erprobt. Und in Spezial-Badezimmern lassen sich Hilfsmittel für Senioren testen: etwa Handgriffe für die Dusche oder erhöhte Toilettensitze.

Was die Reha leisten kann, zeigt das Beispiel einer 75-jährigen Patientin, die nach einer Hirnblutung halbseitig gelähmt nach Würzburg kam. Sie litt damals an Sprach- und Schluckstörungen. "Heute kann sie wieder frei laufen und spricht auch wieder. Über solche Erfolge freue ich mich", sagt Tatschner. 80 Prozent ihrer Patienten werden aus der Klinik wieder nach Hause entlassen. Deshalb ist sich die Medizinerin sicher: "Die geriatrische Reha beugt Pflegefällen vor. Sie müsste viel breiter angewendet werden."

Stattdessen fehlt es am Geld für die Maßnahmen. Tagespauschalen von 188 Euro zahlen die Kassen laut Tatschner für eine Behandlung in Würzburg, tatsächlich habe man einen Bedarf von 211 Euro errechnet. Deshalb werde die Reha-Klinik von ihrem Betreiber, der Arbeiterwohlfahrt, querfinanziert.

Verbessern müsse sich aber nicht nur die Finanzierung, sagt die Ärztin. Sie bedauert, dass Patienten in der Regel erst zu ihr kommen, nachdem sie bereits im Krankenhaus waren. Am besten solle man früher ansetzen: Dann, wenn die Senioren im Alltag allmählich unsicher werden. Durch eine Reha inklusive Alltagstraining könnten sie länger selbständig bleiben. Stürzen und Unfällen würde vorgebeugt. Sie rät älteren Menschen und deren Angehörigen, die Möglichkeit der geriatrischen Reha öfter zu erfragen - und Widerspruch einzulegen, wenn die Krankenkasse sich sperrt.

Den Nutzen der Alters-Reha kann auch Peter Ulrich bestätigen, Chefarzt der Fachklinik für Geriatrische Reha im MediClin Reha-Zentrum Gernsbach. "Patienten können sich hier um durchschnittlich eine Pflegestufe verbessern", sagt er. Auch den Krankenkassen würden die Vorteile langsam bewusst. Trotzdem würden mit 18 bis 21 Tagen heute kürzere Zeiträume durch die Kassen bewilligt als früher, wo es noch 25 Tage gewesen seien. "Und das, obwohl die Patienten immer früher aus den Kliniken zu uns entlassen werden, und in immer höherem Alter zu uns kommen."

Die Angebote der geriatrischen Reha sind je nach Bundesland unterschiedlich. Immer öfter wird sie auch von Krankenhäusern angeboten und als Krankenhausleistung abgerechnet. Sie muss dann nicht extra beantragt werden, es genügt die Einweisung durch einen Arzt. Christian Zippel kennt beide Modelle, er hat eine geriatrische Reha-Klinik geleitet und ein Krankenhaus mit dem Angebot geriatrische Reha.

Die Angebote seien fast gleichwertig, sagt er. Dort, wo der Weg noch über die Kassen führt, seien die Hürden aber noch zu hoch: "Es wird dann oft schneller eine Pflegestufe genehmigt als eine Reha-Maßnahme, die die Selbständigkeit erhalten könnte." Den Krankenkassen, die die Reha bezahlen müssten, entständen so weniger Kosten. Denn den Löwenanteil der Pflege tragen die Pflegekassen.

"Die gesetzlichen Krankenkassen sind natürlich dem Grundsatz Reha vor Pflege verpflichtet, wenn es um deren Genehmigung geht", sagt Marcus Reiland vom Fachbereich Rehabilitation der Barmer GEK. Zweifelsfälle würden Ärzte vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) beurteilen. Doch den Nutzen der Reha sieht Reiland insgesamt eingeschränkter. "Die Idee, dass sie Pflegebedürftigkeit verhindern kann, ist zwar schön, die Realität ist aber oft komplizierter. "

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insgesamt 8 Beiträge
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bundesbaer 06.01.2014
1. schützt vor DEM Gang, Dativ!
...vielleicht schnell noch die Überschrift ändern? Vielen Dank für den Hinweis, wir haben die Überschrift korrigiert, die Redaktion
tiger56 06.01.2014
2. was sagen denn
die Altenpflegeeinrichtungen dazu?. Umso "kränker" umso mehr fließt Geld aus der Pflegekasse... Das intensives Training Beeinträchtigungen u. Ängsten entgegenwirken kann wäre ja nichts neues. Nur wer hätte den an diesem Fortschritt Interesse - außer die alten Menschen selbst. Leider fehlt hier ein Netzwerk - daß in unserem System nicht "abrechenbar" ist.
joshua1969 06.01.2014
3. und dann wäre da noch die SelbstSTändigkeit
..wenn wir schon Fehler korrigieren ;-)
guenter_w 06.01.2014
4. verkrachter Deutschlehrer
Zitat von joshua1969..wenn wir schon Fehler korrigieren ;-)
Klugscheißmodus an DUDEN lässt beide Schreibweisen zu, wenn er auch das doppelte "st" präferiert Klugscheißmodus aus. So kann man auch Beiträge generieren
curlyk 06.01.2014
5. reha vor pflege,
ambulant vor stationär. so sieht es der Gesetzgeber vor. unsinnig die geldtöpfe der krankenkasse und der pflegekasse zu trennen. hier werden geldausgaben fehlgeleitet.
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