Tuberkulose-Patienten in Georgien "Beim ersten Mal wollte ich flüchten"

Ein Drittel der Menschheit trägt Tuberkulose-Bakterien in sich, nur wenige reagieren auf Medikamente. Eine Fotoreportage aus Georgien zeigt den langen Kampf gegen die Krankheit - und lässt trotz allem hoffen.

Daro Sulakauri

Jeden Morgen und jeden Abend macht sich Goderdzi Rajabishvili auf den Weg in die Klinik in Georgiens Hauptstadt Tbilisi. Jeden Morgen und jeden Abend beobachtet der 35-Jährige eine Stunde lang, wie das Antibiotikum Imipenem in seinen Körper tropft. Die Nebenwirkungen sind so stark, dass er kaum Energie aufbringt, jenseits der täglichen Fahrten etwas zu unternehmen. Und doch hat Rajabishvili viel Glück gehabt.

Wie viele andere Betroffene in Georgien leidet der ehemalige Wachmann unter einer multiresistenten Form der Tuberkulose. Der Begriff bedeutet zwar nicht, dass bei ihm kein Medikament mehr hilft. Die beiden wichtigsten Antibiotika aber, die Tuberkulose-Patienten seit Jahrzehnten das Leben retten, versagen. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich allein im vergangenen Jahr 480.000 Menschen mit einer solchen schwer behandelbaren Tuberkulose infiziert. Doch nur 20 Prozent von ihnen erhalten eine Behandlung, die darauf abgestimmt ist. Rajabishvili gehört dazu.

Die Fotos seiner Behandlung sind Teil eines Projekts des Fotografen Daro Sulakauri, der im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen in Georgien den Kampf von Pflegern, Ärzten und Patienten gegen die resistenten Bakterien dokumentiert. Oft dauert es eineinhalb bis zwei Jahre, bis eine Therapie mit vier oder fünf Antibiotika die Bakterien aus dem Körper verbannt. Eine Garantie auf Heilung gibt es nicht. Aber die Hoffnung.

Ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert

Schätzungen zufolge trägt rund ein Drittel der Weltbevölkerung Tuberkulose-Erreger in sich: langsam wachsende, stäbchenförmige Bakterien. Ein Großteil davon bemerkt seine Infektion nicht. Bei fünf bis zehn Prozent aber verbreiten sich die Krankheitserreger innerhalb von Monaten bis Jahren so sehr, dass eine Behandlung notwendig wird. Am häufigsten ist die Lunge betroffen. Gelangen die Bakterien beim Atmen, Husten oder Niesen nach außen, wird die Krankheit auch für andere gefährlich.

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Tuberkulose in Georgien: 20 Tabletten am Tag

Zwar ist die Tuberkulose anders als etwa die Masern, Erkältungsviren oder die Grippe nicht hochansteckend. Enger Kontakt vorausgesetzt, können unbehandelte Menschen jedoch innerhalb eines Jahres 10 bis 15 Personen anstecken, schreibt die WHO. Anders ist es, wenn sie therapiert werden. Schlägt eine Behandlung an, drängen die Medikamente die Krankheitserreger innerhalb von zwei bis drei Wochen so weit zurück, dass die Betroffenen nicht mehr infektiös sind.

"Die meisten Menschen fragen mich, ob ich keine Angst habe", berichtet die Krankenschwester einer Tuberkulose-Klinik. "Natürlich nicht", sage sie dann. Und kläre erst einmal auf.

20 Tabletten am Tag, monatelang

Bis heute gehört Tuberkulose weltweit zu den zehn häufigsten Todesursachen. Ohne eine erfolgreiche Behandlung sterben fast alle gleichzeitig mit HIV Infizierten, bei den HIV-Negativen sind es 45 Prozent. Gleichzeitig erfordert die Therapie von den Betroffenen absolute Konsequenz. Schon die Behandlung einer nicht resistenten Tuberkulose sieht vor, über einen Zeitraum von sechs Monaten erst vier und dann zwei verschiedene Antibiotika einzunehmen. Bei einer resistenten Tuberkulose sind es mindestens fünf.

Oft müssten die Erkrankten jeden Tag zwanzig Tabletten schlucken, schreibt Ärzte ohne Grenzen. Durch Nebenwirkungen können sie ihr Gehör zu verlieren, Depressionen entwickeln oder unter ständiger Übelkeit leiden. Trotzdem dürfen sie nicht einen Tag auf die Medikamente verzichten. Sonst steigt das Risiko, dass die Bakterien in ihrem Körper stärker werden und auf noch weniger Medikamente reagieren.

Für den 24-jährigen Giorgi Mikava ist es aktuell seine dritte Therapie. Die letzte brach er ab, nachdem seine Schwester gestorben war. Sie litt ebenfalls unter Tuberkulose und hatte gleichzeitig Diabetes. Seine letzte Hoffnung liegt jetzt in zwei Medikamenten, die erst seit Kurzem auf dem Markt sind. Es sind die ersten neuen Mittel nach einer mehr als 50-jährigen Innovationspause, in der die alten zunehmend an Kraft verloren haben. Noch aber wissen Mediziner kaum etwas über die neuen Antibiotika.

"Ich bin ruhig und ich bin bereit"

Das eine Mittel, Bedaquilin, wurde laut Ärzte ohne Grenzen bis zum September nur bei rund 5700 Menschen eingesetzt. Das zweite Mittel, Delamanid, nur bei etwas mehr als 400 Menschen. In vielen stark betroffenen Ländern sind die Medikamente noch nicht registriert, für viele auch nicht erschwinglich. Das führt zu einem zweiten Problem: "Es gibt nicht genug solide Daten und Erkenntnisse über die Sicherheit und Wirksamkeit", sagt Catherine Hewison von Ärzte ohne Grenzen. "Darum können aufgrund der aktuellen Richtlinien nur die am schwersten erkrankten Patienten diese neuen Präparate erhalten."

Giorgi Mikava, der nach dem Tod seiner Schwester die Mittel absetzte, gehört dazu. Sein Ziel ist es, der Erkrankung endlich zu entkommen. "Als ich das erste Mal hierherkam, wollte ich flüchten", sagt er. "Jetzt aber bin ich psychologisch darauf vorbereitet, ich bin ruhig und ich bin bereit, mich an die Behandlung zu halten." Er fühle sich schon besser als zuvor, sagt er. "Aber ich bin noch nicht geheilt."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass die Standardtherapie vorsieht, über einen Zeitraum von sechs Monaten vier verschiedene Antibiotika einzunehmen. Tatsächlich sind es innerhalb der sechs Monate erst vier und dann zwei Antibiotika. Wir haben den Fehler korrigiert.

irb



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