Wir machen uns mal frei: "Guck mal Mama, ein Psycho!"

Bloß keine Keime einatmen: Schutz ist alles, denkt Kolumnist Frederik Jötten Zur Großansicht
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Bloß keine Keime einatmen: Schutz ist alles, denkt Kolumnist Frederik Jötten

Im Herbst und Winter lauern Erkältungen, Grippe und Magen-Darm-Infekte an jeder Ecke. Kolumnist Frederik Jötten hat ein Erfolgsrezept entwickelt, um Ansteckungen zu vermeiden. Es birgt allerdings ein klitzekleines Risiko: Man könnte als Psychopath abgestempelt werden.

Ich habe ein Rezept, das hochwirksam gegen Grippe, Erkältungen, Magendarminfekte ist - und das Beste: Ich verrate es hier und heute. Ich weiß, Sie sind bestimmt skeptisch und denken: Wenn das wirklich stimmt, wieso macht sich der Typ nicht als Guru selbstständig und verdient Milliarden statt hier zu schreiben?

Die Frage ist berechtigt, aber kaum ein Guru erreicht so schnell so viele Menschen wie SPIEGEL ONLINE. Außerdem geht es mir gar nicht ums Geld - mir geht es darum, die Durchseuchung in der Bevölkerung zu verringern, weil das mein persönliches Ansteckungsrisiko noch weiter reduziert. Denn, obwohl ich Dank meines Erfolgsrezepts seit anderthalb Jahren nicht mehr erkältet war, weiß ich natürlich, dass all die Virenschleudern, die da draußen rumlaufen, eine Gefahr für mich sind. Da mache ich mir gar nichts vor. Einzig ihre Zahl zu senken, vergrößert meine Sicherheit.

Bevor ich zu meinem Spezialplan komme: Der wirkt natürlich nur, wenn man sich vitaminreich ernährt und genügend schläft. Außerdem sollte man auf keinen Fall auf die Menschen hören, die behaupten, Erkältungen hätten nichts mit Kälte zu tun. Noch vor wenigen Jahren war das eine beliebte Geschichte in Magazinen. Zitiert wurden dabei immer Studien aus den sechziger Jahren. Inzwischen ist das Thema aber sehr umstritten. Es könnte durchaus sein, dass man durch Unterkühlung anfälliger für eine Infektion wird. Ohne Mütze, Schal, Kniestrümpfe jedenfalls gehe ich ab Oktober nicht mehr aus dem Haus.

"Du klingst ein bisschen nasal..."

Aber jetzt zum Kern meiner Erkältungsprophylaxe. Man muss die Angst vor Infektionen zum Lebensmittelpunkt machen. Arbeit, Studium, Liebe - was ist das schon wert, wenn man Halsschmerzen und Schnupfen hat? Nichts, eben, da braucht es einen Paradigmenwechsel in dieser Gesellschaft. Im Herbst und Winter sind alle Begegnungen gefährlich. Wichtig ist deshalb, jeden Einstieg in ein Gespräch zur unauffälligen Erstanamnese zu nutzen.

Ich sage zum Beispiel zu dieser Jahreszeit immer: "Du klingst ein bisschen nasal…" Oder: "Du siehst etwas blass aus…" Wenn mir mein Gesprächspartner dann nicht glaubhaft versichern kann, dass er absolut gesund ist, verschwinde ich mit einer halbgaren Entschuldigung. Wenn das nicht geht, versuche ich den Atem dort zu holen, wo der Gesprächspartner nicht hinatmet und das Gespräch kurz zu halten.

Eine potentielle Gefahr ist natürlich der Handschlag - leider ist er sozial kaum zu umgehen. Ich habe schon überlegt, mir im Winter meine rechte Hand einzugipsen, um direkten Hautkontakt zu vermeiden, bin aber davon abgekommen, weil ich dann ständig einen verseuchten Gips mit mir herumtragen würde - und wie sollte man den reinigen? Bewährt hat sich: Nach Kontakt mit verdächtigen Personen oder Gegenständen auf keinen Fall ins Gesicht fassen, sondern möglichst schnell Hände waschen. So kann die Schmierinfektion sicher umgangen werden, denn die meisten Grippe- und Erkältungsviren gelangen über die Hände in Nase, Augen und Mund.

Der sozial auffällige Teil des Antiinfektionsprogramms

Schwierig wird es, wenn man sich nicht die Hände waschen kann, wenn es eigentlich notwendig wäre - beim Einkaufen in der Stadt zum Beispiel. Deshalb versuche ich, unterwegs möglichst nichts zu berühren. Das ist der sozial auffällige Teil meines Antiinfektionsprogramms. Türklinken umfasse ich mit dem Bund meiner Jacke. Wenn ich keine anhabe, drücke ich sie mit dem Ellbogen nach unten. Lichtschalter lassen sich genauso an- und ausknipsen.

"Bekloppt" sagt mein Freund Achim. "Du siehst aus, als ob du im ewigen Ententanz durchs Leben gehst." Er grinst gehässig und summt dazu die Melodie, "dididididi - di" - Ententanz, das ist ein Karnevalstanz aus den achtziger Jahren, bei dem wild mit den angewinkelten Ellbogen gewackelt wird. Ich sage: "Das ist es mir wert, wenn ich dafür nicht mit so einer Erkältung darnieder liege wie du neulich."

Nach anderthalb Jahren ohne Erkältung ist es eigentlich an der Zeit, dass sich Achim bei mir mit einem Ententanz entschuldigt. Aber wahrscheinlich liegt er schon wieder krank im Bett, ich habe ihn seit Wochen nicht gesehen.

Ich dagegen gehe immer noch meinem geregelten Tagesablauf nach - auch, weil ich im Sommer trainiert habe, im Schwimmbad 20 Meter zu tauchen. Das ist wichtig wegen der Rolltreppe, die sonst schnell zur ausweglosen Falle werden kann - wenn man nämlich mit ihr abwärts fährt und auf der gegenüber liegenden, aufsteigenden Rolltreppe jemand niest. Die aufsteigende warme Luft weht die Keime dann direkt den Menschen entgegen, die nach unten fahren. Da hilft nur: abwenden, Luft anhalten und hoffen, dass das Lungenvolumen reicht, bis man unten ist. Bei mir tut es das, aber nur, weil ich trainiert habe.

Ich will nicht abstreiten, dass man einiges an Häme abbekommt mit meinem Antiinfektionsprogramm. Neulich, als ich im Zug die Klinke einer WC-Tür mal wieder mit dem Ellbogen herunter drückte, hörte ich hinter mir ein kleines Mädchen sagen: "Guck mal Mama, ein Psycho!" Und das ist wahrscheinlich das, was viele Erwachsene denken. Ich aber sage: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit. Jeder, der sich selbst vor Infektionen schützt, schützt auch alle, mit denen er Kontakt hat vor einer Ansteckung! Also machen Sie mit, gehen Sie wie ich im Ententanz durchs Leben, eines Tages wird es cool sein - und ich nie wieder erkältet.

Grippe: So schützen Sie sich vor der Ansteckung

Für Mobilnutzer: Über diesen Link erfahren Sie mehr über Infektionen und wie man sich vor einer Ansteckung schützen kann.

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1. Es gibt dann noch
schneemann3 21.11.2012
Desinfektionssprays oder -gels für Hand-und Hosentasche - statt Händewaschen
2.
PublicTender 21.11.2012
Zitat von sysopIm Herbst und Winter lauern Erkältungen, Grippe und Magendarminfekte an jeder Ecke. Kolumnist Frederik Jötten hat ein Erfolgsrezept entwickelt, um Ansteckungen zu vermeiden. Es birgt allerdings ein klitzekleines Risiko: Man könnte als Psychopath abgestempelt werden. Rezept gegen Erkältung: Infektionen trickreich vermeiden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/rezept-gegen-erkaeltung-infektionen-trickreich-vermeiden-a-868246.html)
Sheldon? Bist Du es?
3. papierhandtücher müssen schon sein - auch mundschutz wie in japan?
ServicePackXXL 21.11.2012
Zitat von sysopIm Herbst und Winter lauern Erkältungen, Grippe und Magendarminfekte an jeder Ecke. Kolumnist Frederik Jötten hat ein Erfolgsrezept entwickelt, um Ansteckungen zu vermeiden. Es birgt allerdings ein klitzekleines Risiko: Man könnte als Psychopath abgestempelt werden. Rezept gegen Erkältung: Infektionen trickreich vermeiden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/rezept-gegen-erkaeltung-infektionen-trickreich-vermeiden-a-868246.html)
in öffentlichen sch...häusern nach dem händewaschen die waschbeckenarmaturen nur mit den ellenbogen betätigen oder besser noch papierhandtücher benutzen - und vor allem, beim verlassen der örtlichkeit die türklinke nicht mit ungeschützten händen berühren. wc-anlagen mit lufthändetrocknern und drehwaschbeckenarmaturen sind mir ein horror: es tut mir leid, da lass ich das wasser unabgedreht weiterlaufen und warte, bis jemand anderes den raum betritt, um ohne türklinkenkontakt und "schmierinfektion" (ekel hoch drei) nach draußen zu gelangen - die tür mit einem fußtritt aufstoßend... . und nun kommt's: letztens hatte ich eine heftige erkältung mit gliederschmerzen, schnupfen und gelbem bronchialauswurf. das einzige, was wirklich half, war eine ordentliche antibiotika-dröhnung über zehn tage - traurig aber wahr.
4. Verdammt...
XRay23 21.11.2012
...ich kenne sämtliche Verhaltensweisen von mir - ich mache es haargenau so. Bin ich deshalb ein Psycho? Ich glaube nicht. Der Erfolg gibt mir recht, bin nur sehr selten krank, dann meist nur 2-3 Tage.
5.
alexbln 21.11.2012
wer wc´s in der bahn oder sonstige öffenliche toiletten benutzt , dem ist nicht mehr zu helfen ;)
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