Kamille, Fenchel und Co. für Kinder Was Eltern bei pflanzlichen Mitteln beachten müssen

Fenchel erst ab vier, Kamille und Sonnenhut ab zwölf. Ein Komitee der EU bewertet die Sicherheit pflanzlicher Arzneimittel für Kinder. Die Ergebnisse zeigen: Pflanzlich bedeutet nicht automatisch, dass die Mittel unbedenklich sind. Worauf Eltern achten sollten.

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Sie kommen aus der Natur, basieren auf Wirkstoffen von Bäumen und Sträuchern, von Wurzeln, Blättern und Blüten. Pflanzliche Arzneien gelten als gut verträglich, schonend und nebenwirkungsarm. Vor allem zur Behandlung kränkelnder Kinder scheinen sie deshalb prädestiniert. Doch die Sicherheit vieler pflanzlicher Arzneien für Kinder wurde nie in klinischen Studien überprüft.

"Phytopharmaka werden in Deutschland häufig nachgefragt, oftmals unreflektiert und durch Werbung beeinflusst", schreibt Wieland Kiess von der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universität Leipzig. In einer Studie haben er und Kollegen gut 400 Eltern in Deutschland zum Einsatz pflanzlicher Arzneistoffe bei ihrem Nachwuchs befragt. Das Ergebnis: Im Schnitt hatten 85 von 100 Sprösslingen schon mal eine pflanzliche Arznei bekommen.

Folgt man den Bewertungen des Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) der EU, ist das riskant: Während traditionelle pflanzliche Arzneimittel von den deutschen Behörden vor allem auf Grundlage von Erfahrungswerten zugelassen werden, bewertet das HMPC in erster Linie den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zur Wirkung von Arzneipflanzen - mit ernst zu nehmenden und skurrilen Ergebnissen. Laut HMPC-Bericht ist keine Arzneipflanze für Kinder aller Altersstufen geeignet. Selbst Fencheltee wird für Kindern unter vier Jahren nicht empfohlen, Kamille erst ab zwölf.

Ist Tradition gleich Sicherheit?

"Das Problem bei der Bewertung des HMPC ist, dass in dem EU-Gremium Vertreter aus unterschiedlichen Nationen sitzen", sagt Karen Nieber vom Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. "Während Fencheltee für Säuglinge bei uns selbstverständlich dazu gehört, ist die Tradition anderen Nationen fremd. Ihre Vertreter sind dementsprechend skeptisch." Gute Studien, die die Wirkung und Sicherheit von Fenchel- oder Kamillentee belegen, gibt es nicht.

Aus Tradition nutzen die meisten Eltern die Tees trotzdem: In der Umfrage hatten nahezu alle, die schon mal zu pflanzlichen Arzneien für ihre Kinder gegriffen hatten, Fenchel oder Kamille genutzt. Unter den Fertigpräparaten lagen Hustenlöser auf Basis von Efeu, Thymian und Primel vorn. Vier von zehn der befragten Eltern hatten diese Arzneien ihrem Nachwuchs schon mal gegeben.

Nieber rät in Bezug auf die typischen Kinderarzneien zu Gelassenheit: "Fenchel, Kamille, Efeu und Thymian haben jahrelange Tradition in Deutschland", so die Pharmakologin. "In der Praxis haben sie sich längst bewährt." Nebenwirkungen würden kaum gemeldet, auch wenn davon auszugehen sei, dass viele Eltern die Produkte auch Kindern geben, die jünger sind, als vom HMPC oder den Herstellern empfohlen. "Als Saft eignen sich die pflanzlichen Hustenmittel in der Regel schon für Säuglinge", sagt sie. Die Wirksamkeit von Thymian und Efeu wurde in einer placebokontrollierten Studie mit 360 Erwachsenen bestätigt.

Vorsicht mit ätherischen Ölen und Sonnenhut

Bei anderen Arzneipflanzen sollten Eltern dagegen vorsichtig sein. Sennesblätter etwa, die bei Erwachsenen als Abführmittel dienen, können Kleinkindern gefährlich werden. "Kinder sind keine kleinen Erwachsenen", erklärt Nieber. Ihr Stoffwechsel funktioniert anders. Allein die Dosis an die Körpergröße anzupassen, reicht deshalb oft nicht. Generell seien Pflanzenextrakte, die viel ätherisches Öl enthalten, beispielsweise auch Menthol oder Kampfer gegen Erkältung, nichts für die Kleinen. "Pflanzlich ist nicht gleichbedeutend mit harmlos", sagt Nieber. "Im schlimmsten Fall verursachen die Öle Atemnot."

Auch Sonnenhut (Echinacea), den etwa ein Viertel der Eltern ihren Kindern schon mal bei Erkältung gegeben haben, steht in der Kritik, beispielsweise wegen seiner allergenen Wirkung. Das HMPC warnt zudem, dass die Arzneipflanze Vorerkrankungen wie Autoimmunerkrankungen verstärken und die Wirkung anderer Medikamente abschwächen könnte. "Mit Sonnenhut sollte man vorsichtig sein und ihn Kindern unter zwölf nicht geben", rät Nieber. Auch die Wirksamkeit der Arzneipflanze ist umstritten. Als Spitzenreiter unter den pflanzlichen Arzneien in Bezug auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten hat eine Studie von Ende 2012 Johanniskraut ausgemacht. Die Stoffe der Pflanze können bewirken, dass Medikamente schneller um- und abgebaut werden.

Um Wechselwirkungen zu vermeiden, sollten Eltern den Kinderarzt über die Gabe der pflanzlichen Arzneimittel informieren - auch wenn diese in der Regel nicht verschreibungspflichtig sind. Wieland Kiess sieht als Resümee seiner Befragung auch die Ärzte in der Pflicht: "Gezieltes Nachfragen des behandelnden Arztes und spezifische Aufklärung sind wichtig", schreibt er. Dass die Sicherheit von Medikamenten für Kinder oft nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist, ist ein allgemeines Problem. Aus Sicht der Pharmaindustrie lohnen sich die Studien in vielen Fällen nicht, besonders bei seltenen, schweren Erkrankungen.

insgesamt 46 Beiträge
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EvilGenius 25.11.2013
1. Gefährliches Halbwissen
Zitat von sysopDPAFenchel erst ab vier, Kamille und Sonnenhut ab zwölf. Ein Komitee der EU bewertet die Sicherheit pflanzlicher Arzneimittel für Kinder. Die Ergebnisse zeigen: Pflanzlich bedeutet nicht automatisch, dass die Mittel unbedenklich sind. Worauf Eltern achten sollten. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/risiken-pflanzlicher-arzneimittel-fuer-kinder-nicht-immer-unbedenklich-a-927161.html
Man fragt sich warum. Immerhin ist der Fingerhut (digitalis purpurea) auch eine Pflanze.
Alphabeta 25.11.2013
2. Ihr Chemiemix
ist immer die bessere Alternative von Anfang bis Ende, will uns Big Pharma damit sagen.
Celegorm 25.11.2013
3.
Zitat von Alphabetaist immer die bessere Alternative von Anfang bis Ende, will uns Big Pharma damit sagen.
Blöderweise sind Pflanzen auch reinste "Chemie", wie alle Lebewesen. Viele davon beinhalten sogar höchst toxische Stoffe. Aber das ist wohl egal, "natürlich" ist ja immer besser, zumindest wenn es nach der so geschäftstüchtigen wie unkontrollierten Pseudoheilmittel-Industrie geht..
connaught 25.11.2013
4. Medikamente....
... sind bestimmt nicht harmlos. Was ich allerdings dem Schreiber dieses Artikel sagen möchte ist, das er doch mal sein Schreiben ins Verhältnis zu den chemisch hergestellten Produkten setzen soll, anstatt hier mal recht pauschal auf die pflanzlichen Stoffe zu treten. Leider geht der Artikel nicht darauf ein, warum es wohl so ist, das bestimmte Dinge sich etabliert haben, ohne das es eine Analyse dazu gab.
Wolffpack 25.11.2013
5.
Zitat von Alphabetaist immer die bessere Alternative von Anfang bis Ende, will uns Big Pharma damit sagen.
Tjo, da weiß man wenigstens dran ist. Bei Pflanzen weiß mans nicht. Genauso wie die Dosis. Gehen sie doch mal ein paar Fingerhute essen, vlt hilft das langfristig bei ihrer Ignoranz.
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