Chirurgie: Kinder könnten bald von künstlichen Herzmuskeln profitieren

Forscher haben neue Risikogene für Herzinfarkt entdeckt. Ist die Zeit reif für einen Gentest zur Herzinfarkt-Vorhersage? Axel Haverich von der Medizinischen Hochschule Hannover spricht im Interview über die wichtigsten Maßnahmen zur Vorsorge - und über die Zukunft mit künstlichen Herzmuskeln.

Das menschliche Herz: Seine Gesundheit hängt von vielen Faktoren ab Zur Großansicht
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Das menschliche Herz: Seine Gesundheit hängt von vielen Faktoren ab

SPIEGEL ONLINE: Die Bundeskanzlerin hat Ende November die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) besucht und sich über Ihre Forschungsarbeiten informiert. Haben Sie Frau Merkel am Rande auch einen Gentest nahegelegt, um ihr Herzinfarktrisiko zu bestimmen?

Haverich: Nein, dafür habe ich ihr unser spezielles Programm im Rahmen des Exzellenzclusters "Rebirth" vorgestellt: Sechs Monate Training verjüngte die Teilnehmerherzen biologisch betrachtet um 10,2 Jahre. Hinzu kam ein Anstieg der möglichen Lebensarbeitszeit um 7,6 Jahre. Die gemessenen Leistungswerte am Ende der Trainingsphase haben selbst uns überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Eine gezielte Lebensverlängerung - wie soll das funktionieren?

Haverich: Durch Bewegung, egal welcher Art. Unsere Ergebnisse zeigen, dass schon der Weg zur Arbeit das Herz-Kreislaufsystem verjüngt, sofern man das Rad benutzt. Wichtig ist nur, sich sieben Tage die Woche zu bewegen. 30 Minuten pro Tag, ohne Ausnahme. Theoretisch könnten Sie dann mit 72,6 Jahren in Rente gehen, das Herz macht das locker mit. Mittlerweile interessieren sich mehrere große Firmen für unser Programm als Gesundheitsvorsorge.

SPIEGEL ONLINE: Mediziner aus München und Lübeck behaupten jetzt, 104 Abschnitte im Erbgut des Menschen entdeckt zu haben, die "mit großer Sicherheit zum Herzinfarktrisiko beitragen". Also hängt unsere Herzgesundheit nicht von Bewegung allein, sondern doch in erster Linie von den Genen ab?

Haverich: Die Beobachtungen sind sicher richtig und verdienen Anerkennung. Wir wissen ja bereits, dass Männer häufiger Herzinfarkte bekommen als Frauen. Und wir sehen sehr oft an unseren jungen Patienten, dass deren Eltern - vorwiegend die Mütter - ebenfalls herzkrank waren. Entscheidend aber wäre es zu verstehen, unter welchen Bedingungen die Erkrankung ausgelöst wird.

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Baustelle Herz: An diesen Stellen kann das Organ versagen
SPIEGEL ONLINE: Gentests zur Herzinfarkt-Vorhersage würden demnach...

Haverich: ...zunächst ethische Probleme nach sich ziehen, etwa in der Versicherungsmedizin. Dort wurde in der Vergangenheit bei Nachweis von Brustkrebsgenen wiederholt über Vetragsablehnungen und Risikoaufschläge diskutiert. Aus rein ärztlicher Sicht hingegen wären diese Tests bei einer entsprechenden Beratung dann sinnvoll, wenn man gefährdete Patienten zu mehr Präventionsmaßnahmen bewegte.

SPIEGEL ONLINE: Was genau macht also jemand, dessen Mutter früh am Herzinfarkt verstarb?

Haverich: Ich rate zu den üblichen Vorsorgemaßnahmen, allerdings stringent: Nicht rauchen, kein Übergewicht zulassen, sich viel bewegen. Und im Alter Diabetes Typ-2 vermeiden. Ohnehin sind Ernährung und Bewegung die wichtigsten Säulen der erfolgreichen Herzinfarkt-Prävention. Das wird leider immer wieder vergessen. Möglicherweise auch, weil hierzulande auf Grund der sehr guten, flächendeckenden Erstversorgung rund 95 Prozent der Menschen ihren Herzinfarkt überleben.

SPIEGEL ONLINE: Und deswegen gelten Deutschlands Herz-Kreislauf-Patienten als die teuersten Europas?

Haverich: Wir wissen seit langer Zeit, dass im mediterranen Raum weniger Herzerkrankungen auftreten, und die Lebenserwartung in Italien oder Zypern generell höher ist als in der Bundesrepublik. Selbst Laien haben mitbekommen, dass ein Glas Rotwein zum leichten Essen die Gesundheit fördern kann. Wir Ärzte sehen jedoch einen zusätzlichen Aspekt: Wenn in südlichen Ländern Herzinfarkte seltener vorkommen, verursacht das zwangsläufig weniger Kosten auf diesem Gebiet.

SPIEGEL ONLINE: Hohe Kosten hierzulande entstehen aber auch, weil viele niedergelassene Ärzte Herzinfarkte nicht rechtzeitig erkennen, und die Behandlung dieser Kunstfehler in Spezialkliniken wie die MHH enorm teuer ist.

Haverich: Es gibt zweifelsohne vereinzelt sehr bedauerliche Fehldiagnosen auf dem Gebiet der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Unsere Erfahrungen an der Herzchirurgie aber zeigen, dass man niedergelassene Ärzte oft in ihrem medizinischen Urteilsvermögen unterschätzt. Neulich schickten wir einer Hausärztin einen Strauß Blumen, weil sie die Aortendissektion (einen lebensbedrohlichen Riss der Hauptschlagader - d. Red.) ihres Patienten rechtzeitig erkannte. Diese Diagnose schnell und richtig zu erstellen, ist ein extrem schwieriges Unterfangen. Als Spezialklinik versuchen wir durch Vorträge und Fortbildungsangebote, unseren niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen anhand solcher Beispiele ein positives Feedback zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Die Fördergemeinschaft Deutsche Kinderherzzentren, deren Schirmherrin Ursula von der Leyen ist, unterstützte ihr Projekt der nachwachsenden Herzklappen mit 800.000 Euro, hinzu kommen einige Millionen aus dem Budget des Exzellenzcluster "Rebirth", dem sie vorstehen. Im weitesten Sinne geht es um künstliche Organe der Zukunft aus dem Biotech-Labor. Was haben die Patienten von heute davon?

Haverich: Wir können schon heute sogenannte Einzelfallbehandlungen anbieten. Dabei profitieren Kinder, die besonders schwer erkrankt sind, von den neuesten Forschungsansätzen. Ich rechne damit, in ein bis zwei Jahren im Bereich der Kinderherzchirurgie mit künstlich gezüchteten Herzmuskeln aufwarten zu können. Das alles ist absolutes Neuland und eröffnet vollkommen neue Perspektiven für die Therapie bei Kindern mit schweren Herzerkrankungen, bei denen andere Behandlungsoptionen nicht mehr bestehen. 200 kleine Patienten stehen schon jetzt auf der Warteliste.

SPIEGEL ONLINE: Klingt so, als ob sich nur wohlhabende Privatpatienten diesen Luxus für den Nachwuchs leisten könnten.

Haverich: Im Gegenteil. Die Kostenübernahme wird mit den entsprechenden Krankenkassen besprochen und von diesen meistens übernommen, schon aus Eigeninteresse. Gelingt es uns nämlich, die Therapie mit künstlichen Herzmuskeln alltagstauglich bundesweit zu etablieren, wäre das ein immenser Schritt nach vorn. Teure Spätfolgen von Herzerkrankungen ließen sich rechtzeitig umgehen. Daher beraten uns die Zulassungsbehörden vor jedem Schritt. Transparenz ist elementar.

SPIEGEL ONLINE: Trotz solcher Aussichten dürfte Eltern zunächst interessieren, auf welche Weise sich die Herzerkrankung des eigenen Kindes erkennen lässt.

Haverich: Das ist leichter, als vielfach angenommen. Immer dann, wenn das Kind beim Schulsport oder bei der Freizeitbewegung nicht so mitmacht wie andere Gleichaltrige, ist Vorsicht angebracht. Bekommen die Kleinen dabei auch noch schwitzige Hände und sind kurzatmig, sollten Eltern schleunigst einen Kardiologen aufsuchen. Dieser kann mit sehr einfachen Mitteln, etwa einem Ultraschall, erkennen, ob ein Herzfehler vorliegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wäre es mit einem Herzinfarkt-Gentest für Kinder?

Haverich: Das ist überhaupt nicht sinnvoll. Selbst bei belasteten Familien ist das Risiko in den ersten 30 Lebensjahren gering. Wenn man die familiäre Belastung kennt, sollte man präventiv so vorgehen, wie ich es vorhin schilderte.

Das Interview führte Vlad Georgescu

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insgesamt 5 Beiträge
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    Seite 1    
1. Es liegt mir fern einen Herzchirurgen zu korrigieren.....
tg923 16.12.2012
aber: Wie bitte kommt der Herr auf eine Überlebensrate von 95% ? Das ist deutlich zu hoch angesetzt.
2. Herr Haverich
postit2012 16.12.2012
Zitat von tg923aber: Wie bitte kommt der Herr auf eine Überlebensrate von 95% ? Das ist deutlich zu hoch angesetzt.
meint wohl nur die Erstinfarkte. Schönen und infarktfreien Sonntag noch postit
3. Die Zeit ist reif...
keinewerbunginfilmen 16.12.2012
Zitat von sysopForscher haben neue Risikogene für Herzinfarkt entdeckt. Ist die Zeit reif für einen Gentest zur Herzinfarkt-Vorhersage? ...
...mal wieder "Gattaca" zu schauen: Gattaca (1997) Deutscher Trailer - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=h-3dht_-SA0) Ethische Fragestellungen garantiert! Viel Spaß damit.
4. Nicht nur das mediterane Essen
syssifus 16.12.2012
Zitat von sysopForscher haben neue Risikogene für Herzinfarkt entdeckt. Ist die Zeit reif für einen Gentest zur Herzinfarkt-Vorhersage? Axel Haverich von der Medizinischen Hochschule Hannover spricht im Interview über die wichtigsten Maßnahmen zur Vorsorge - und der Zukunft mit künstlichen Herzmuskeln Risiko Herzinfarkt: Axel Haverich über den Einsatz von Gentests - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/risiko-herzinfarkt-axel-haverich-ueber-den-einsatz-von-gentests-a-872589.html)
Eine weitere Erklärung für die höhere Lebenserwartung in den südlichen Ländern,ist geringerer Streß.Der Nordeuropäer, kennt die mittägliche Siesta nicht und setzt sich selbst mehr unter Druck,wobei die Mentalität auch eine gewaltige Rolle spielt.Alles nicht so ernst zu nehmen bzw. nicht so eng zu sehen,kann den Blutdruck im gesunden Bereich halten.
5.
ASDFZUIOP 16.12.2012
Zitat von keinewerbunginfilmen...mal wieder "Gattaca" zu schauen: Gattaca (1997) Deutscher Trailer - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=h-3dht_-SA0) Ethische Fragestellungen garantiert! Viel Spaß damit.
Ich verstehe den Zusammenhang nicht. In der Welt von Gattaca werden hauptsächlich nur genetisch schon vor der Geburt optimierte Kinder geboren - von Gentherapie oder geneticher Manipulation ist im Interview aber gar nicht die Rede. Nur von Gentests, um Risikofaktoren zu kennen, wobei natürlich die Problematik in Bezug auf Versicherungen besteht. Alle anderen Therapien sind ethisch unproblematisch oder eher konventionell - Bewegung und gesunde Ernährung als wichtigste Präventionsmaßnahmen. Gleich den Bezug zur verlängerten Lebensarbeitszeit herzustellen, halte ich aber für höchst unangebracht. Schließlich hängt die Gesundheit von deutlich mehr Faktoren als einem gesunden Herz ab, und seit wann wird das Renteneintrittsalter durch Herzleistungsparameter bestimmt? Hat ein Rentner etwa nicht mehr das Recht auf Gesundheit und Fitness? Trotzdem ist es schon erstaunlich, wieviel selbst moderate Bewegung bewirken kann.
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Zur Person
  • Axel Haverich
    Professor Axel Haverich ist seit 1996 Direktor der Klinik für HTTG-Chirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Der Herzchirurg fungiert u.a. als Berater der Bundesregierung in Gesundheitsfragen und gilt als einer der Pioniere auf dem Gebiet der regenerativen Herzmedizin. International sorgte Haverich vor sechs Jahren für Aufsehen, als ihm gemeinsam mit seinem Team die Entwicklung nachwachsender Herzklappen für den Einsatz in der Kinderherzchirurgie gelang.

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