Schlaganfall bei jungen Menschen Selten, aber nicht so selten

Der Musiker Roger Cicero ist an einem Schlaganfall gestorben. Obwohl die Krankheit vor allem Ältere trifft, erkranken in Deutschland jedes Jahr knapp 10.000 Menschen unter 45 Jahren.

Jazzmusiker Roger Cicero
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Jazzmusiker Roger Cicero


Roger Cicero ist an einem Hirninfarkt gestorben, so steht es auf der Facebook-Seite des Musikers, "plötzlich und vollkommen unerwartet". Die Beschreibung trifft genau das, was ein Hirninfarkt auch ist, nämlich ein Schlaganfall. Es trifft einen der Schlag, sagt der Volksmund, aus heiterem Himmel, unerwartet.

Bei einem Hirninfarkt wird ein Teil des Gehirns nicht mehr mit Blut und dadurch auch nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, weil das versorgende Gefäß verengt oder verschlossen ist. 79 Prozent aller Schlaganfälle in Deutschland sind solche Hirninfarkte. Die übrigen 13 Prozent entstehen durch Hirnblutungen, bei rund neun Prozent können Ärzte die Ursache nicht ermitteln.

Je nach Lage und Größe des Gefäßverschlusses variieren die Symptome: Es kann zu einer Halbseitenlähmung kommen, zu Sprach- und Schluckstörungen, zu Schwindel, aber auch zu Bewusstlosigkeit und Atemstillstand. Roger Cicero habe am Tag nach seinem letzten Auftritt im Fernsehen "neurologische Symptome" gehabt, heißt es auf seiner Seite. Sein Zustand habe sich dann im Krankenhaus rapide verschlechtert. Ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen, starb Cicero am 24. März.

Knapp 10.000 junge Menschen mit Schlaganfall

Der Künstler ist damit deutlich jünger als die meisten Schlaganfallpatienten in Deutschland: Vier von fünf Betroffenen sind über 60 Jahre alt. Aber auch jüngere Menschen trifft die Krankheit: Zwischen drei und fünf Prozent der Schlaganfallpatienten sind jünger als 45 Jahre, allerdings sind bei ihnen Hirnblutungen und Hirninfarkte fast gleich häufig.

In Deutschland ereignen sich derzeit jährlich rund 196.000 erstmalige und 66.000 wiederholte Schlaganfälle. Bezogen auf die erstmaligen Schlaganfälle macht das immerhin zwischen knapp 6000 und knapp 10.000 Betroffenen unter 45 Jahren.

Das Risiko für einen Schlaganfall ist unter anderem erhöht:

- wenn Herzrhythmusstörungen oder Aussackungen in den Herzwänden dazu führen, dass sich Blutgerinnsel im Herzen bilden. Diese können mit dem Blutstrom über die Halsschlagadern in die kleineren hirnversorgenden Arterien schießen und die Gefäße verstopfen. Zur Vorbeugung eines Schlaganfall erhalten Betroffene blutverdünnende Medikamente oder sogenannte Antiarrhythmika.

- wenn die Halsschlagader oder kleinere Gefäße im Gehirn so stark verengt sind, dass die Blutversorgung gefährdet ist. Auch hier können blutverdünnende Medikamente die Gefahr für einen Schlaganfall verringern, auch Stents oder Gefäßoperationen kommen zum Einsatz.

- bei Rauchern und Diabetikern, bei körperlicher Inaktivität, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen. Zur Vorbeugung eines Schlaganfalls können bei diesen Risikofaktoren vor allem eine Änderung des Lebensstils und bestimmte Medikamente hilfreich sein.

Die Risikofaktoren nehmen in der Bevölkerung mit höherem Alter zu.

Laut den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin erleiden Männer (2/1000 Einwohner) etwas häufiger einen Schlaganfall als Frauen (1,7/1000 Einwohner). Nach Krebs- und Herzerkrankungen ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache: 40 Prozent der Betroffenen sterben innerhalb des ersten Jahres nach dem Schlaganfall. 65 Prozent der Überlebenden tragen bleibende Schäden davon und brauchen Hilfe im Alltag, 15 Prozent sind so stark eingeschränkt, dass sie in einer Pflegeeinrichtung versorgt werden müssen.

Was die Ursache für den schweren Schlaganfall bei Roger Cicero war, ist unbekannt. Der Musiker hatte im vergangenen Jahr wegen eines akuten Erschöpfungssyndroms mit Verdacht auf eine Herzmuskelentzündung alle Konzerttermine abgesagt. Ob die Herzerkrankung mit seinem plötzlichen Tod in Zusammenhang steht, ist unklar.

hei

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insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
kikulino 29.03.2016
1. Eine familiäre Erkrankung...
...ist zumindest denkbar, beispielsweise eine familiäre Hypercholesterinämie (FH) oder eine Hyperlipoproteinämie (a) als mögliche Ursachen erheblich vorgealterter Gefäße. Bei aller nur zu verständlicher Bestürzung und aller Trauer - die Verwandten ersten Grades sollten sich alsbald untersuchen lassen, sofern keine andere Todesursache (wie ein rupturiertes Aneurysma) gefunden werden sollte. Dr. Christoph Sass, Lipidologe DGFF
karmasadist 29.03.2016
2. Kann Mir jemand erläutern,
wie man das pauschal auf die 1000 einwohner beziffern kann und ein prozentsatz nennen kann, Wenn Es einfach mehr männer Als frauen gibt, und somit Es nicht genau sagen kann (1,7 und 2,1?)
1lauto 29.03.2016
3. die Obduktionsrate
In Deutschland ist zu niedrig. Bei 9% aller tödlichen Schlaganfälle wissen die Ärzte nicht ob Blutung oder Nichtdurchblutung? Das ist ein unhaltbarer Zustand.
Streese 29.03.2016
4. Wir wissen eben nicht alles
Ich hatte selbst im Alter von 21 einen Schlaganfall. Die Symptome (halbseitige Lähmung) durch die Unterversorgung des Gehirns hielten glücklicherweise nur für ca. 30 min an..... Ein Glück, dass es mir mit jungen Jahren passiert ist. Mein Körper konnte sich noch gut Regenerieren und ich habe keine bleibenden Folgen davon getragen. Und nachdem ich auf alle erdenklichen und noch so seltenen Krankheiten abgecheckt worden bin wurde ich mit den Worten entlassen: "Unsere Medizin ist schon weit... alles wissen wir aber nicht!"
wikipedianer 29.03.2016
5. Antwort
2/1000 heißt "2 von tausend" (egal ob es mehr Männer oder mehr Frauen gibt). Warum bei Männern die Quote etwas höher ist ? Multifaktoriell (von vielen Faktoren beeinflusst) und nicht zu beziffern ("quantifizieren "). Mögliche Gründe: höhere Raucherquote / im Durchschnitt ungesundere Lebensweise bei Männern. Siehe Wikipedia-Artikel Schlaganfall Abschnitt "Prävention"
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