Ein rätselhafter Patient Rote Ohren

Eine junge Frau klagt über anfallartige Rötung und Schmerzen im rechten Ohr. Selbst Spezialisten können die Ursache nicht finden. Am Ende hilft das Tagebuch der Patientin.

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Normale Hautfarbe und plötzliche Rötung: Warum wird das Ohr immer wieder rot?

Normale Hautfarbe und plötzliche Rötung: Warum wird das Ohr immer wieder rot?


Als die 22-Jährige Rat sucht im Royal National Throat, Nose and Ear Hospital, einem Hals-Nasen-Ohren-Krankenhaus in London, klagt sie über ungewöhnliche Beschwerden: Immer wieder werde ihr rechtes Ohr rot. Dabei strahle ein heftiger Schmerz vom Ohr aus bis zur Schläfe und zum Kiefergelenk. Das ganze dauere eine Stunde und sei sowohl mit einer Hörminderung als auch mit einer schmerzhaften Geräuschempflindlichkeit verbunden.

Die junge Frau ist verzweifelt. Die Beschwerden beunruhigen sie sehr, sie ist viel müder als normalerweise und hat oft Kopfschmerzen. Seit drei Monaten schon hat sie die Probleme, aber weder Hausarzt noch Ärzte in verschiedenen Notaufnahmen oder Spezialambulanzen für Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen haben die Ursache dafür finden können.

Tinnitus und Geräuschempfindlichkeit

Schon vor fünf Jahren hatte die Patientin mit Beschwerden im rechten Ohr zu kämpfen. Damals hatte sie sechs Monate lang einen rechtsseitigen Tinnitus und nahm Geräusche bereits als störend und schmerzhaft wahr, wenn andere die Geräuschkulisse völlig normal fanden. Verschiedene Maßnahmen wie Hörrehabilitation, Stressmanagement, Ablenkung, neue Kommunikationstaktiken und Entspannungstechniken hatten ihr in der Folge geholfen und die Beschwerden waren verschwunden.

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Jetzt entdecken die Ärzte bei der körperlichen Untersuchung nichts Auffälliges, wie sie im "Journal of Medical Case Reports" berichten. Das rechte Ohr hat die gleiche Hautfarbe wie das linke, die Lymphknoten sind nicht geschwollen, einen Anhalt für eine Infektion gibt es nicht. Auch das Trommelfell sieht normal und reizlos aus. Die Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten machen Hörtests, überprüfen den Gleichgewichtssinn der Patientin, der unter anderem im Innenohr gesteuert wird, und untersuchen die Funktion des Mittelohrs sowie der Hörbahn im Gehirn.

Alles ist unauffällig. Die Blutwerte sind normal und auch auf den Kernspin-Aufnahmen des Kopfes entdecken die Mediziner keine krankhaften Veränderungen, die für einen Tumor, eine Entzündung, Blutungen oder Fehlbildungen sprechen könnten.

Nachdem die Ärzte auch andere Krankheiten der Haut, des Halses oder der Zähne ausgeschlossen haben, geben sie den Beschwerden der Frau einen Namen: Sie leide an RES, dem Red-Ear-Syndrome (übersetzt Rote-Ohren-Syndrom), so die Diagnose. Der Name macht deutlich, dass Ärzte selbst nicht genau wissen, wie und warum die Rötung und die Schmerzen entstehen - sie können bis heute nur beschreiben, was sie sehen.

Was hat Orangensaft damit zu tun?

Die Autoren des Fallberichts haben in der Literatur rund hundert Fälle von RES gefunden und diese ausgewertet. Demnach berichteten viele der Patienten, dass die Rötung und der Schmerz meist anfallsartig auftraten. Ein Teil von ihnen litt gleichzeitig unter Migräne - so auch die Patientin. Bei einer Reihe von Betroffenen ließ sich die Rötung durch Hitze, Berührungen, Kopfbewegungen, Niesen, Husten, Kauen oder Haarebürsten auslösen. Bei vielen spielte Stress eine wichtige Rolle.

Über die Ursache wird spekuliert. Während die einen von einer Störung im Bereich der Halsnervenwurzeln ausgehen, vermuten andere Läsionen in bestimmten Hirnnerven oder dem autonomen Nervengeflecht (Sympathikus und Parasympathikus). Ähnlich unterschiedlich wie die Erklärungsversuche waren auch die Therapieansätze: Einigen Betroffenen halfen Kühlkissen, anderen Schmerzmittel. Auch Migränemedikamente, Blutdrucksenker und Antidepressiva kamen zum Einsatz. Das macht deutlich, dass Ergebnisse von Fallberichten zwar nicht direkt auf andere Patienten angewendet werden, aber doch einen wichtigen Anstoß bei der Therapiefindung liefern können.

Für die Patientin sind zwei Punkte entscheidend: Die Ärzte können ihr versichern, dass sie keine bedrohliche Krankheit hat und nehmen ihr damit einen wichtigen Teil ihrer Sorgen. Außerdem beraten sie die Frau umfassend zu Verhaltensänderungen, die sie ausprobieren soll: Sie solle ihren Koffeinkonsum einschränken, regelmäßig und ausreichend trinken, Stress reduzieren und sich mehr bewegen. Zudem bitten sie die Frau, ein Tagebuch über ihren Schmerz führen, um so bestimmte Trigger zu identifizieren, die die Ohrrötung auslösen.

Der Versuch gelingt: Die Dokumentation offenbart, dass ihre Beschwerden insbesondere dann auftreten, wenn sie Orangensaft trinkt. Als sie ihn weglässt, treten die Anfälle seltener auf. Ob der Saft deswegen tatsächlich ursächlich ist, ist damit zwar nicht bewiesen, aber die Frau hat verschiedene Ansätze ausprobiert gegen den die Symptome. Vier Monate später sind die Schmerzen weg und das Ohr rötet sich deutlich seltener. Damit kann die Patientin gut leben.

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insgesamt 8 Beiträge
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Emil Peisker 07.03.2015
1. Fruchtsäuren als Trigger...
Bei Allergologen sind Fruchtsäuren als Trigger von Allergien oder Autoimmunreaktionen bekannt. Bei diesem Fall sind die entscheidenden informationen, dass eventuell Nervenbahnen inolviert sind, z.B. Hörnerv, Tinnitus, Schmerzausstrahlung, etc. Es kann aber auch einen völlig anderen Grund haben, z.b. Durale AV-Fistel.
L!nk 07.03.2015
2.
Kenne ich irgendwie - aber nach Morbus Crohn hat keiner gefragt?
lyrasaturn 07.03.2015
3. Morbus Crohn
Dann hätte sie sehr wahrscheinlich auch andere Beschwerden . Das glaube ich nicht als Betroffener .
Flo12 07.03.2015
4. Trigeminusneuralgie
Für mich klingen die Symptome eher nach einer nicht ganz (aber fast) typischen Trigeminusneuralgie. Ich möchte wetten, dass die Frau nicht für lange beschwerdefrei sein wird...
deepdiveralex 08.03.2015
5. Die Spitze Des Eisbergs?
Okay, grundsätzlich muss man sich die Frage stellen, warum der Orangensaft diese inflammatorische Eigenschaft besitzt. Geklärt wird hier schon mal nicht, ob es sich um gekauften oder frisch gepressten O-Saft handelt. Frisch gepresster hat je nach verwendeter Frucht einen wesentlich höheren Säuregrad. Jeder kennt das Phänomen, dass sich bei sauren Getränken sprichwörtlich "Alles zusammen zieht". Da hätten wir schon mal einen deutlichen Trigger. Allerdings muss man sich auch fragen warum bei ihr dieser Trigger genügt diese Erkrankung auszulösen. Ich sehe eine grundsätzliche Bereitschaft auf Basis von bereits ständig gereizter Nervenbahnen z. B. bedingt durch einen falschen Aufbiss der Zähne. Viele Menschen laufen mit einem falschen Aufbiss durch die Gegend. Bei den meisten fällt es allerdings nicht auf, da er nur sehr gering ausfällt. Kommt aber jetzt Stress und in dessen Folge nächtliches Zähneknirschen dazu, dann wird die betroffene Seite entsprechend gereizt und nun besteht die Bereitschaft auf Grund eines Triggers - hier der O-Saft - inflammatorische Prozesse in Gang zu setzen. Die wenigsten wissen, dass wir im Kiefergelenk ebenfalls eine Art Bandscheibe haben - Diskus genannt - aus der auch ein Bandscheibenvorfall entstehen bzw. Entzündungen im umliegenden Gewebe auslösen kann. Eine weitere Möglichkeit wäre eine rechtsseitige Ohrspeicheldrüsengangstenose. Hier würde bei starker Reizung der Drüse der Speichel gefangen bleiben, so zu einem Rückstau und wiederherum Reizung des umliegenden Gewebes kommen. Es gibt natürlich noch weitere Möglichkeiten, aber hier sehe ich in meiner ersten Beschreibung am ehesten einen Ansatz. Manchmal sind es die einfachsten Dinge, die die fiesesten Schmerzen bereiten.
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