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17. November 2014, 11:03 Uhr

Mythos oder Medizin

Schadet krummes Sitzen dem Rücken?

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"Sitz gerade, sonst bekommst du einen schiefen Rücken", mahnte schon Mama. Im Büro reicht man den Rat mit Überzeugung an die Kollegen weiter. Aber ist die Lümmelei wirklich so schädlich?

Der Kollege gegenüber versinkt fast unter seinem Schreibtisch: Die Stuhllehne hat er maximal nach hinten gelehnt, die Beine weit von sich gestreckt. Typischerweise nehmen Menschen weltweit eine von neun verschiedenen Sitzpositionen bei der Arbeit ein, hat ein Büromöbelhersteller herausgefunden - darunter findet sich überraschenderweise auch die des Kollegen. Keine der neun wird Mamas Forderung nach gerader Haltung gerecht. Ob das gesund ist?

In Deutschland bekommen im Schnitt acht von zehn Menschen mindestens einmal in ihrem Leben Rückenschmerzen. Das Volksleiden gehört zu den häufigsten Ursachen von Berufsunfähigkeit und kostet den Staat jährlich mehrere Milliarden Euro. Der Schmerz entsteht bei einem Großteil der Rückengeplagten (etwa 85 Prozent) gar nicht durch einen Schaden an der Wirbelsäule. Irgendwas machen wir falsch.

Ursache unklar

Was den unspezifischen Kreuzschmerz verursacht, ist nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich kommen viele Faktoren zusammen. Die aktuelle Datenlage deute darauf hin, dass Bewegungsmangel und psychische Belastungen den größten Einfluss auf die Rückengesundheit haben, sagt Caroline Friebe, Leiterin des Athleticums am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Das Robert Koch-Institut (RKI) kommt in einem Übersichtsheft zum Thema Rückenschmerz zum gleichen Ergebnis.

Dass Bewegung dem Rücken gut tut, scheint plausibel: Die Wirbelsäule muss einen Großteil unseres Körpers stabilisieren. Wird sie durch Muskeln, Gelenke, Sehnen und Bänder unterstützt, fällt das leichter. Eine Untersuchung mit mehr als 1500 Kindern hat zudem gezeigt, dass gutes Gleichgewichtsgefühl und Koordinationsfähigkeit eine aufrechte, gesunde Körperhaltung fördern. "Ein Zusammenhang zwischen schiefem Sitzen und Rückenproblemen konnte bislang dagegen nicht nachgewiesen werden", erklärt Friebe. Warum also bekommen so viele Menschen Rücken, wenn sie lange am Schreibtisch sitzen?

Die Gelenke sind schuld

"Das Problem beim Sitzen ist die einseitige starre Belastung", sagt Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel. "Deshalb geben wir auch so viel Geld für dynamische Stühle aus, deren Sitzfläche und Rückenlehnen sich unseren Bewegungen flexibel und dynamisch anpassen." Die Wirbelkörper, aus denen die Wirbelsäule zusammengesetzt ist, sind neben den Bandscheiben auch über flache, glatte Gelenke verbunden, sodass wir uns nach rechts und links drehen können. Diese Gelenke können auf langes Sitzen mit Entzündung und Schmerzen reagieren.

"Eigentlich ist das eine Schutzreaktion", sagt Göbel. "Verharren wir zu lange in einer Position, wird die Belastung für die Gelenke zu groß." Sie melden das Problem ans Gehirn und wir verändern automatisch unsere Sitzposition. Unter großer Konzentration, gerade bei angespannter Schreibtischarbeit, könne es allerdings passieren, dass das Signal für den Positionswechsel in der allgemeinen Aktivität des Nervensystems untergeht.

Dann beginnen die Probleme: Zellen produzieren Entzündungsbotenstoffe. Diese reizen Nervenfasern, die wiederum das Schmerzzentrum im Gehirn informieren: Es tut weh. Die Muskeln verspannen und verkrampfen sich, die Durchblutung nimmt ab, sodass die Muskelzellen schlechter mit Energie versorgt werden. Spätestens jetzt ist es Zeit, den Schreibtisch zu verlassen. "Dann löst sich die Verspannung in der Regel schnell wieder", sagt Göbel.

Zurücklehnen erlaubt

Der Schmerzexperte empfiehlt als Ausgleich einen kurzen Spaziergang durchs Büro, gerne könne man dabei auf den Aufzug verzichten und ein paar Stufen einbauen. "Durch die veränderte Körperhaltung und das Bewegungsspiel kommt das System aus Muskeln, Gelenken, Sehnen und Bändern im Rücken wieder ins Gleichgewicht."

Außerdem kann Bewegung und ein wenig Abstand zum Arbeitsplatz die Psyche entlasten. "Wer psychisch angeschlagen ist, nimmt Schmerz sehr viel stärker war", sagt UKE-Medizinerin Friebe. Zudem machen sich seelische Belastungen häufig körperlich bemerkbar - in Form von Verspannungen. "Nicht umsonst sagt man, jemandem sitzt etwas im Nacken", erklärt die Ärztin.

Als besonders schonende Sitzposition gilt inzwischen das Nach-hinten-Lehnen. "Typischerweise neigt man vor dem Computer dazu, sich nach vorne zu beugen", erklärt Göbel. Da sei die Gegenrichtung ein guter Ausgleich. Zu diesem Ergebnis kamen auch Forscher 2006 in einer kleinen Untersuchung mit 22 gesunden Testpersonen, bei denen sie die Belastung auf die Wirbelsäule in gerader, nach vorne und nach hinten gelegter Position verglichen hatten.

Das Ergebnis: Beim aufrechten Sitzen war der Druck auf die Bandscheiben am größten, beim Zurücklehnen am geringsten. Eigentlich kein Wunder, denn dann trägt die Lehne einen Großteil des Gewichts.

Den unter dem Tisch abtauchenden Kollegen kann man also eine Weile so hängen lassen. Eine Berechtigung hat das Genörgel à la Mama am Ende trotzdem: Immerhin holt es den Gescholtenen kurzzeitig aus der Konzentration und er verändert automatisch die Sitzposition. Den Rücken freut's.

Fazit: Wichtiger als eine kerzengerade Sitzhaltung ist regelmäßige Bewegung abseits des Schreibtischs. Richtig ausgeführt verbessert sie die Körperhaltung automatisch. Auch beim Sitzen ist Variation sinnvoll: Nach vorne und hinten lehnen ist dabei ausdrücklich erlaubt.

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