Mit Rückenschmerzen beim Orthopäden Die Nervenbahnen zum Gehirn vereisen

Minus 60 Grad kaltes Gas an die Nervenenden? So wollte ein Orthopäde Frederik Jötten von seinen Rückenschmerzen befreien. Wer sich mit Kreuzbeschwerden in die Hand von Ärzten begibt, kann vieles erleben - leider selten etwas, das hilft.

Diagnose Rückenleiden: Lange Suche nach richtiger Therapie
Corbis

Diagnose Rückenleiden: Lange Suche nach richtiger Therapie


Es gibt diesen Ärztewitz: In der Mitte eines Fußballfeldes liegen 50.000 Euro. In den Ecken stehen ein Radiologe, ein guter Orthopäde, ein schlechter Orthopäde und ein Chirurg. Wer als Erster beim Geld ist, darf es behalten. Wer gewinnt?

Der schlechte Orthopäde. Warum? Der Chirurg versteht das Spiel nicht, der Radiologe bewegt sich keinen Meter für so wenig Geld - und einen guten Orthopäden gibt es eh nicht.

Über Chirurgen kann ich mangels Erfahrung nicht urteilen. Aber dass Radiologen an mir viel Geld verdient haben, stimmt. Und Orthopäden? Ich musste 14 aufsuchen, bevor ich einen fand, der meine Rückenschmerzen richtig therapierte.

Hier die Top-Drei meiner absurdesten orthopädischen Erfahrungen:

Platz 3: Der Wahnsinnige

Die Sonne schien in ein leeres Wartezimmer, Staub flirrte im Licht. Der Arzt kam schnaufend um die Ecke gebogen. Ein kleiner Mann, der einen mächtigen Bauch vor sich herschob. Der Orthopäde bat mich ins Sprechzimmer auf seine Pritsche, humpelte um mich rum. Er lehnte sich so dicht zu mir, dass ich sein Aftershave riechen konnte. Er packte mein Bein am Kniek, drückte es nach unten. Das sollte wohl ein Einrenken werden. Nach zehn Sekunden gab er auf.

"Ich gebe Ihnen jetzt eine Spritze", sagte er.

"Was wollen Sie mir SPRITZEN?", fragte ich - vielleicht ein bisschen hysterisch.

Er winkte verächtlich mit der Hand, zog aus einer braunen Ampulle Flüssigkeit in eine Spritze. Der Doktor beugte sich über mich und wurde jetzt ziemlich laut. "Ist ne kleine homöopathische Spritze, sonst gar nichts." Ich wagte nicht zu widersprechen, und er stach zu. Beim Rausgehen sah ich allerdings: Auf der Ampulle stand "Diclofenac" - der Name eines herkömmlichen Schmerzmittels.

Platz 2: Die Alternative

Die Orthopädin redete nicht lange drum herum. "Ziehen Sie sich bis auf die Unterhose aus - und dann den Boppes frei machen." Sie diktierte der Sprechstundenhilfe: "O-Beine, Spreiz- und Senkfuß." Ich fand es befremdlich, dass sie gar nicht mit mir sprach, sondern mich als Fall abhandelte. Dann sagte sie doch etwas zu mir: "Herr Jötten, es ist kein Wunder, dass Sie bei Ihren Füßen Rückenschmerzen haben." Mit meinen Füßen hatte ich bislang allerdings keine Probleme gehabt.

Sie verschrieb mir Einlagen, die sehr hochwertig waren, die Oberseite bestand aus schwarzem Wildleder, feine Nähte teilten sie in neun Felder. Sie fühlten sich toll an - aber sie halfen nicht. Allerdings kosteten sie 229 Euro, die Diagnostik dazu 400 Euro. In der Ärzteinformation des Herstellers fand ich den Satz: "Das Konzept nimmt den Zeitdruck und ermöglicht eine zuwendungsorientierte Medizin mit angemessener Vergütung." Das ist der einzige Sinn des Verfahrens, davon bin ich nach Erhalt der Rechnung überzeugt.

Platz 1: Der Nervtöter

"Ich sehe jetzt eigentlich nur noch eine Möglichkeit, Ihre Schmerzen zu behandeln", sagte der Arzt. "Ich könnte Ihnen die schmerzverursachenden Nervenbahnen zwischen Rücken und Gehirn stilllegen."

Mit Mitte 30 hatte ich unspezifische Rückenschmerzen - also solche ohne feststellbare organische Ursache. Und der Mediziner hatte gerade eine Wirbelsäulenklinik eröffnet.

"Sie meinen: Einfach abklemmen, dass die Ursache weiter da ist und ich nur einfach nichts mehr spüre?", fragte ich.

"Nicht abklemmen, ich würde Ihnen mit einer Sonde minus 60 Grad kaltes Gas an die Nervenenden leiten. Sehr erfolgreich, die Patienten haben dann keine Schmerzen mehr." Die Nerven vereisen, damit man nichts mehr spürt? Warum nicht gleich mein Gehirn amputieren? Dann hätte ich gar keine Probleme mehr.

Dies sind drei Beispiele dafür, wie schlecht Rückenschmerzen in diesem Land oft behandelt werden. Es wird viel mit nicht wissenschaftlich belegter Wirksamkeit (sensomotorische Einlagen) und nicht empfohlenes (Schmerzmittelinjektion) praktiziert, es wird zu unnötigen Operationen geraten. Sinnvolles dagegen wird unterbunden - ein anderer Orthopäde verbot mir zu joggen. Dabei sollte heute jedem Arzt bekannt sein, dass körperliche Aktivität langfristig essenziell in der Behandlung von Rückenschmerzen ist. All das steht in der Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz. Es ist Zeit, dass sie bei den Orthopäden ankommt.

ORTHOPÄDIE - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
E.M. 04.12.2014
1. Was ist eigentlich mit den Patienten?
Sechzigjähriger, übergewichtiger Patient mit Plattfüßen und O-Beinen. Rückenschmerzen seit Jahren. Schlechte Rumpfmuskulatur, Beweglichkeit der Wirbelsäule leicht eingeschränkt, keine ausstrahlenden Schmerzen, keine Nervenausfälle, mäßiger Druckschmerz an der Wirbelsäule. Ein normaler sechzigjähriger Deutscher mit mit Rücken. Warum geht der zum Arzt? Weil er die Verantwortung abegeben möchte? Ein (rein fiktivier, siehe Artikel) guter Orthopäde untersucht ihn. Sagt er sei zu dick und die Muskulatur zu schwach. Lösung: Verantwortung übernehmen, abnehmen und trainieren. Röntgendiagnostik laut Leitlinien nicht empfohlen. Das will kein Patient hören! Platz 1, Der Wahnsinnige: Gibts da net a Spritz? Kann man des ned operiere losse? Platz 2, Der Alternative: Kann das nicht vom Kiefer kommen, oder von den Füßen? Oder villeicht von der Ernährung? gibts da vielleicht was pflanzliches oder Akkupunktur? Platz 3, Der Leistungsorientierte: Krankengymnastik, Einrenken, Kur, Arbeitsunfähigkeit, Rente... Platz 4, Der Diagnostiker: Röntgen, MRT, Knochendichtemessung, Blutuntersuchung u.s.w. könnt ja doch was Schlimmes sein... Wir sollten uns Mal allesamt schön an die eigene Nase fassen, bevor wir darüber jammern dass die Kosten im Gesundheitssystem explodieren und gierige Ärzte uns das Geld aus der Tasche ziehen. Der überbordende Markt mit "alterantiven Heilmethoden" die für viel Geld wenig leisten und die zunehmende Anzahl an Operationen geht zu einem großen Teil auf die Bequemlichkeit und Selbstbezogenheit von uns allen zurück!
blowup 04.12.2014
2. Und nun?
Zitat von E.M.Sechzigjähriger, übergewichtiger Patient mit Plattfüßen und O-Beinen. Rückenschmerzen seit Jahren. Schlechte Rumpfmuskulatur, Beweglichkeit der Wirbelsäule leicht eingeschränkt, keine ausstrahlenden Schmerzen, keine Nervenausfälle, mäßiger Druckschmerz an der Wirbelsäule. Ein normaler sechzigjähriger Deutscher mit mit Rücken. Warum geht der zum Arzt? Weil er die Verantwortung abegeben möchte? Ein (rein fiktivier, siehe Artikel) guter Orthopäde untersucht ihn. Sagt er sei zu dick und die Muskulatur zu schwach. Lösung: Verantwortung übernehmen, abnehmen und trainieren. Röntgendiagnostik laut Leitlinien nicht empfohlen. Das will kein Patient hören! Platz 1, Der Wahnsinnige: Gibts da net a Spritz? Kann man des ned operiere losse? Platz 2, Der Alternative: Kann das nicht vom Kiefer kommen, oder von den Füßen? Oder villeicht von der Ernährung? gibts da vielleicht was pflanzliches oder Akkupunktur? Platz 3, Der Leistungsorientierte: Krankengymnastik, Einrenken, Kur, Arbeitsunfähigkeit, Rente... Platz 4, Der Diagnostiker: Röntgen, MRT, Knochendichtemessung, Blutuntersuchung u.s.w. könnt ja doch was Schlimmes sein... Wir sollten uns Mal allesamt schön an die eigene Nase fassen, bevor wir darüber jammern dass die Kosten im Gesundheitssystem explodieren und gierige Ärzte uns das Geld aus der Tasche ziehen. Der überbordende Markt mit "alterantiven Heilmethoden" die für viel Geld wenig leisten und die zunehmende Anzahl an Operationen geht zu einem großen Teil auf die Bequemlichkeit und Selbstbezogenheit von uns allen zurück!
Was sagt der Othopäde auf die Frage, ob es vom Kiefer kommen kann? Nix. Weil er in der Regel keine Ahnung hat. Und Kieferorthopäden sind eher sowas wie Zahnspangenklempner, die wissen da auch nicht weiter. In punkto Kraniomandibuläre Dysfunktion ist Deutschland Entwicklungsland. In den USA gibt es Kieferkliniken für Erwachsene, wo nicht am Fließband Zahnspangen gemacht werden, sondern wo echte Lösungen entwickelt werden. Aber bis man hier an solche Ursachen rankommt, hat man Dutzende von inkompetenten Orthopäden wohlhabend gemacht. Manchmal denke ich, wir haben hier ein Gesundheitssystem auf dem Level einer Bananenrepublik. Nicht nur wegen der 15.000 Toten durch Krankenhauskeime.
immerlocker 04.12.2014
3.
Zitat von blowupWas sagt der Othopäde auf die Frage, ob es vom Kiefer kommen kann? Nix. Weil er in der Regel keine Ahnung hat. Und Kieferorthopäden sind eher sowas wie Zahnspangenklempner, die wissen da auch nicht weiter. In punkto Kraniomandibuläre Dysfunktion ist Deutschland Entwicklungsland. In den USA gibt es Kieferkliniken für Erwachsene, wo nicht am Fließband Zahnspangen gemacht werden, sondern wo echte Lösungen entwickelt werden. Aber bis man hier an solche Ursachen rankommt, hat man Dutzende von inkompetenten Orthopäden wohlhabend gemacht. Manchmal denke ich, wir haben hier ein Gesundheitssystem auf dem Level einer Bananenrepublik. Nicht nur wegen der 15.000 Toten durch Krankenhauskeime.
Aber was der Vorredner, dem ich im übrigen vollumfänglich zustimmen möchte, eigentlich sagen wollte, war ja gerade NICHT, dass die alternative Ursache in D übersehen wird, sondern dass eben elementare Grundsätze von evidenzbasierter Diagnostik und Therapie missachtet werden. Und die "kraniomandibuläre Dysfunktion", naja. Ich will ihre Existenz nicht bestreiten, aber einer heimlichen Volkskrankheit werden Sie da wohl kaum auf der Spur sein. Genau solche Exotendiagnosen erschweren den Blick fürs Wesentliche: Abnehmen, Sport machen. Wenn das gar nicht hilft (und das dürfte für kaum mehr als 10% der Bevölkerung zutreffen), kann man ja meinetwegen mit dem Abklopfen seltener Differenzialdiagnosen beginnen, aber doch bitte nicht bei der Erstvorstellung des klassischen, im ersten Post beschriebenen "Rückenpatienten".
blowup 04.12.2014
4. Das Wesentliche?
Zitat von immerlockerAber was der Vorredner, dem ich im übrigen vollumfänglich zustimmen möchte, eigentlich sagen wollte, war ja gerade NICHT, dass die alternative Ursache in D übersehen wird, sondern dass eben elementare Grundsätze von evidenzbasierter Diagnostik und Therapie missachtet werden. Und die "kraniomandibuläre Dysfunktion", naja. Ich will ihre Existenz nicht bestreiten, aber einer heimlichen Volkskrankheit werden Sie da wohl kaum auf der Spur sein. Genau solche Exotendiagnosen erschweren den Blick fürs Wesentliche: Abnehmen, Sport machen. Wenn das gar nicht hilft (und das dürfte für kaum mehr als 10% der Bevölkerung zutreffen), kann man ja meinetwegen mit dem Abklopfen seltener Differenzialdiagnosen beginnen, aber doch bitte nicht bei der Erstvorstellung des klassischen, im ersten Post beschriebenen "Rückenpatienten".
Nein. Das "Wesentliche" ist die elende, jahrzehntelange Bürorabeit und die einseitige Belastung einer Körperhälfte (Computer-Maus). Die Wahrheit: Der Mensch ist für jahrelange, einseitige Belastung nicht gemacht. Mit regelmäßigem Sport kann man sicher viel verzögern (gilt aber eher für Herz-/Kreislauf-Probleme). Der eine kriegt schon Probleme in 10 Jahren, der andere erst in 20 Jahren.
cindy2009 04.12.2014
5. Therapie
Gegen rücken schmerzen hilft oft Sport,bzw. gezieltes Muskel Training. oder aussitzen. ..
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