Rückenschmerzen Bandscheibenvorfälle werden zu häufig operiert

Die Diagnose Bandscheibenvorfall mündet für viele Patienten in einer Operation. Die ist aber oft unnötig: In neun von zehn Fällen helfen Schmerztherapie, Bewegung oder Massagen genauso gut. Der Überblick zeigt, wann welche Therapie am besten wirkt.

Von Katrin Neubauer

Schwachstelle Bandscheibe: Verletzungen an den Stoßdämpfern der Wirbelsäule sind schmerzhaft und oft langwierig
Corbis

Schwachstelle Bandscheibe: Verletzungen an den Stoßdämpfern der Wirbelsäule sind schmerzhaft und oft langwierig


Eine falsche Bewegung - da ist es schon passiert: Stechender Schmerz schießt vom Rücken durchs Bein bis in den Fuß. Das Laufen fällt schwer, Bücken geht gar nicht, und selbst Liegen und Sitzen kann zur Qual werden. Mediziner nennen solche ausstrahlenden Schmerzen "Ischialgie". Die Ursache ist oft ein Bandscheibenvorfall.

Therapieoptionen gibt es viele: Massagen, Schmerzmittel, Physiotherapie - und eine Operation. Ein chirurgischer Eingriff ist allerdings nur selten zwingend notwendig. In der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie zum Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule heißt es: "Bis zu 90 Prozent der symptomatischen Bandscheibenvorfälle können durch eine konservative Therapie beherrscht werden."

Die Realität sieht aber anders aus. Über 98.000 Bandscheibenoperationen meldet das Statistische Bundesamt für das vergangene Jahr. Das sind mehr als die Hälfte aller Patienten, die wegen eines Vorfalls im Krankenhaus lagen. Im Vergleich zu 2005 entspricht das einer Steigerung um 17 Prozent. In der Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz wird bei nichtspezifischen Rückenschmerzen von Operationen ausdrücklich abgeraten. Allerdings ist unter Ärzten umstritten, ob Bandscheibenvorfälle in die Kategorie "unspezifischer Kreuzschmerz" einzuordnen sind.

Bettruhe verschlimmert die Situation

Die Bandscheiben fungieren in der Wirbelsäule als "Stoßdämpfer" zwischen den Wirbelkörpern. Bei einem Vorfall wölbt sie sich zwischen den Wirbelkörpern hervor, oder es reißt der äußere Faserring, und der Gallertkern tritt aus. Werden dadurch Nerven bedrängt, kann das furchtbare Schmerzen, Sensibilitätsstörungen und Muskelschwäche bis hin zu Blasen- oder Darmlähmungen auslösen.

"Ein Bandscheibenvorfall ist an sich keine Krankheit, sondern eine Verschleißerscheinung der Bandscheibe", erklärt Marcus Richter, Wirbelsäulenexperte am St. Josefs-Hospital in Wiesbaden. In den meisten Fällen klingen die Beschwerden nach sechs bis acht Wochen wieder ab. Bis dahin sollten Patienten, so weit es möglich ist, ihren täglichen Aktivitäten nachgehen. Bettruhe wird nicht mehr empfohlen, da die Rückenmuskulatur so geschwächt wird.

Zur Schmerzlinderung können neben Tabletten sogenannte konservative Methoden wie Ultraschalltherapie, Bewegung sowie Wärme- und Kältebehandlungen beitragen. Ärzte spritzen mitunter örtliche Betäubungsmittel oder entzündungshemmende Medikamente in die Umgebung der gereizten Nervenwurzel. Allerdings können dadurch gefürchtete Spritzenabszesse entstehen.

Erst konservative Therapien ausschöpfen

Eine Operation an den Bandscheiben ist nur dann unausweichlich, wenn bestimmte neurologische Ausfallerscheinungen auftreten. Das Cauda-equina-Syndrom etwa, bei dem die Sensibilität im Gesäß und Oberschenkelbereich gestört ist, der Patient weder Stuhlgang noch Urin kontrollieren kann und zusätzlich noch Lähmungen am Bein hat, ist ein absoluter Notfall. Bei dem Eingriff wird der in den Spinalkanal verlagerte gelartige Bandscheibenteil entfernt, um die eingeengten Nerven zu entlasten. Aber auch fortschreitende Lähmungen und Schmerzen, die mit Hilfe von konservativer Therapie nicht kontrolliert werden können, sind wichtige OP-Gründe. Diese Notfälle treten laut einem Bericht des Lübecker Instituts für Sozialmedizin von 2003 jedoch nur bei fünf Prozent der Patienten mit Bandscheibenvorfall auf.

Inwieweit bei Schmerzen ein operativer Eingriff konservativen Therapien überlegen ist, konnte bislang nicht eindeutig geklärt werden. In der sogenannten Sport-Studie (Spine Patient Outcomes Research Trial) von 2008 nahmen 500 Probanden teil, die entweder operiert oder konservativ therapiert wurden. Immerhin 92 Prozent der operierten Patienten gaben nach vier Jahren an, zufrieden mit dem Ergebnis zu sein. Von den konservativ Behandelten konnten das nur 77 Prozent von sich sagen. Hinsichtlich der Arbeitsfähigkeit fiel der Unterschied mit 84 (operiert) zu 78 Prozent (konservativ behandelt) etwas geringer aus. Zwei Jahre früher waren die Zufriedenheitswerte beider Gruppen noch nahezu angeglichen. Auch in älteren randomisierten Studien tendierten die Unterschiede gegen Null.

Kein Geld für günstige Behandlungen

Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie e.V. (DGOOC), hält die Überlegenheit von Messer und Skalpell nicht für erwiesen, sondern versteht sie als Resultat eines Systems, das konservativen Therapien weniger Möglichkeiten einräumt. "Ein niedergelassener Arzt bekommt für eine konservative Therapie im Quartal eine Pauschale von 30 Euro", erläutert der Orthopäde. "Wenn ein Arzt kein finanzielles Rüstzeug mehr hat, schickt er den Patienten in die Klinik, wo ein Eingriff zwar das Vielfache kostet, aber eben Geld dafür da ist."

Hinzu kommt, dass viele Patienten keine monatelangen Genesungszeiten in Kauf nehmen wollten. Außerdem gebe es eine Überzahl an Neurochirurgen auf dem Markt, deren Kerngeschäft Bandscheibenoperationen sind. Hier treffen sich Angebot und Nachfrage.

Der Vorteil einer Operation auf kurze Sicht ist, dass viele Patienten zunächst schneller auf die Beine kommen, räumt Niethard ein. "Mit der OP wird aber nicht der Verschleiß angegangen", warnt er. Gerade der liegt den Schmerzen jedoch häufig zugrunde. Mitunter dauern diese nach dem Eingriff an oder verschlimmern sich sogar, zum Beispiel, wenn es nach der OP an der Nervenwurzel zu Vernarbungen kommt.

Laut dem Lübecker Bericht erlebten 85 Prozent der operierten Patienten Eingriffe an den Bandscheiben als "Erfolg", 15 Prozent hingegen als "Misserfolg". Die Autoren des Berichts kommen zu dem Fazit: Auf lange Sicht sind konservative Behandlungen genauso erfolgreich wie operative. Operationen bieten schnellere Schmerzfreiheit, aber auch ein höheres Risiko an Komplikationen.

EXPERTENTIPPS ZUR VORBEUGUNG VON RÜCKENSCHMERZEN

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
o-sensei 12.12.2013
1. OP`s bringen Geld
Aus eigener Erfahrung kann ich nur raten, wirklich alle konservativen Behandlungen auszuschöpfen. Mein erster Bandscheibenprolaps ist 1985 operiert worden. Von dem besten Neurochirurgen der Welt, nämlich Prof.Dr.Samii in Hannover. Nach der OP teilte er mir mit, dass ich ohne diesen schwerwiegenden Eingriff spätestens nach ca. 4 Wochen eine Lähmung im linken Bein auf Dauer gehabt hätte. 2007 wurden von einem Spitzenorthopäden, Dr. med. Brocks in Hamburg,2 weitere Vorfälle konstatiert. Er hat eine eigene Spezialtherapie entwickelt. So fliege ich alle 4 Monate nach Hamburg und dann setzt er seine Medikation mit Spritzen ein. Seitdem redet kein Haus-oder anderer Arzt von einer OP. Dieser Orthopäde ist wirklich eine einmalige Kapazität auf seinem Gebiet.
bohrendeworte 12.12.2013
2. Festbeträge
Tja, so ist das, wenn Festbeträge von den Krankenkassen gezahlt werden. Nur eine große Operation lohnt sich für die Dienstleister und erhöht den Umsatz der Krankenkasse, damit sich diese mehr vom dickeren Kuchen abschneiden kann. Leidtragende sind die Patienten, die durch Narben häufig noch stärkere Schmerzen haben, als vor einem invasiven Eingriff. Das BIP steigt ebenfalls an, was Herrn Schäuble freut. Das Gesundheits-System ist in der jetzigen Form nicht aufrecht zu erhalten. Prämien erhält ein Operateur für viele Operationen. Das muss eigentlich auf jedem Organspende-Ausweis vermerkt werden.
realistano 12.12.2013
3. Es
Zitat von sysopCorbisDie Diagnose Bandscheibenvorfall mündet für viele Patienten in einer Operation. Die ist aber oft unnötig: In neun von zehn Fällen helfen Schmerztherapie, Bewegung oder Massagen genauso gut. Der Überblick zeigt, wann welche Therapie am besten wirkt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/rueckenschmerzen-zu-viele-operationen-bei-bandscheibenvorfall-a-934529.html
es muss unterscheiden werden zwischen nur Bandscheibenvorfall und Bandscheibenvorfall mit Spinalkanalstenose. es gibt unheimlich viele Krankheitsbilder ,was die Wirbelsäule anbetrifft. Pauschal kann man nicht sagen , welche Methode besser wäre. Während ein Bandscheibenvorfall nach konservativer Behandlung sich zurückbilden kann, wird es bei einer Spinalkanalstenose nur eine OP die Verknöcherungen , die den Ruckenmark einengen ,beseitigen kann und der Ruckenmark dadurch entlastet werden kann.
Klebestift 12.12.2013
4. Nur...
Zitat von o-senseiAus eigener Erfahrung kann ich nur raten, wirklich alle konservativen Behandlungen auszuschöpfen. Mein erster Bandscheibenprolaps ist 1985 operiert worden. Von dem besten Neurochirurgen der Welt, nämlich Prof.Dr.Samii in Hannover. Nach der OP teilte er mir mit, dass ich ohne diesen schwerwiegenden Eingriff spätestens nach ca. 4 Wochen eine Lähmung im linken Bein auf Dauer gehabt hätte. 2007 wurden von einem Spitzenorthopäden, Dr. med. Brocks in Hamburg,2 weitere Vorfälle konstatiert. Er hat eine eigene Spezialtherapie entwickelt. So fliege ich alle 4 Monate nach Hamburg und dann setzt er seine Medikation mit Spritzen ein. Seitdem redet kein Haus-oder anderer Arzt von einer OP. Dieser Orthopäde ist wirklich eine einmalige Kapazität auf seinem Gebiet.
liegen zwischen 1985 und 2007 Jahre Forschung&Entwicklung. Die Frage, die dazukommt ist, ist es die "gleiche" Erkrankung? Und wie sind die Mittel auf lange Zeit besser als eine OP? Aber keine Frage, es gibt überall solche und solche! Und jeder kann sich zwei Meinungen holen...es hindert niemanden daran.
tho-r 12.12.2013
5. auch ich sollte 2007 operiert werden...
und bin zum Glück an die Mainzer Schmerzklinik geraten. Dort wurde mir mitgeteilt, dass mir eine OP nicht helfen würde. Man hat mich an die Tagesklinik verwiesen. 3 Wochen Schmerzkur, seit dem habe ich das Problem besser im Griff als je zuvor! :-)
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