Desinfektionsmittelskandal in Rumänien Patienten sterben, Hersteller macht Profit

In Rumänien lieferte ein Pharmakonzern stark verdünnte Desinfektionsmittel an Krankenhäuser, viele Menschen sterben. Der Skandal offenbart ein Gesundheitssystem voller Korruption, Verschwendung und Ignoranz.

Proteste gegen Korruption in Rumäniens Gesundheitswesen (Mai 2016)
AP

Proteste gegen Korruption in Rumäniens Gesundheitswesen (Mai 2016)


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Menschen in Rumänien sind einiges gewohnt, wenn es um Missstände und Korruption geht. Auch im Gesundheitswesen. "Krankenhaus macht krank", lautet ein verbreitetes Bonmot, und fast jeder Krankenversicherte hat einem Arzt irgendwann schon Geldscheine auf den Tisch gelegt, um in den Genuss einer Behandlung zu kommen, die ihm gesetzlich ohnehin zusteht.

Doch dass ein Pharmaunternehmen jahrelang stark verdünnte und weitgehend wirkungslose Desinfektionsmittel an Hunderte Krankenhäuser liefert - das erscheint vielen unfassbar. Selbst denen, die im Gesundheitswesen arbeiten und meinen, seine Zustände zu kennen.

So jedenfalls ging es Bogdan Tanase, 39, Chirurg am Onkologischen Institut Bukarest und Gründer der Organisation "Ärzteallianz", einer Initiative gegen Korruption und für Reformen im Gesundheitswesen. Als kürzlich herauskam, dass die Firma Hexi Pharma jahrelang verdünnte Desinfektionsmittel verkauft hatte, war er sprachlos. "Es ist absolut zynisch, dass sich jemand einen solchen Betrug ausdenken konnte", sagt Bogdan Tanase.

Gesundheitsministerium wiegelte ab

Der Fall wirkt wie das Szenario eines Horrorthrillers: Ende April hatten rumänische Journalisten aufgedeckt, dass Hexi Pharma, der rumänische Marktführer für Desinfektionsmittel, seit einem Jahrzehnt gestreckte Produkte an 350 von landesweit 450 Krankenhäusern geliefert und dabei große Profite gemacht hatte. Verwendet wurden die Antiseptika unter anderem auch in rund 2.000 Operationssälen. Zu geringe Wirkstoff-Konzentrationen lassen gefährliche Erreger im Krankenhaus überleben.

Demo in Bukarest: "Desinfizieren"
AFP

Demo in Bukarest: "Desinfizieren"

Auf die Spur des Falles kam das Investigativ-Team um den Bukarester Journalisten Catalin Tolontan nach einer Brandkatastrophe in einem Bukarester Klub letzten Herbst, infolge derer ungewöhnlich viele Opfer an Krankenhausinfektionen gestorben waren. Insgesamt starben durch die Tragödie 64 Menschen, davon 32 unmittelbar bei oder kurz nach dem Brand, alle anderen später als eine Woche danach.

Bei acht Brandverletzten, die Anfang November von Bukarest in das Brüsseler Militärkrankenhaus Königin Astrid transferiert worden waren, stellten die belgischen Ärzte Infektionen mit extrem aggressiven multiresistenten Keimen fest. Diese kommen nach Auskunft des Leiters des dortigen Brandverletztenzentrums, Serge Jenne, in Europa kaum vor. Insgesamt konnten Tolontan und seine Kollegen dokumentieren, dass 13 Brandopfer an multiresistenten Keimen gestorben waren.

Konzentration zu niedrig

Als Tolontan und seine Kollegen dazu recherchierten, spielte ihnen im Dezember vergangenen Jahres ein Informant Produktionsanleitungen für verdünnte Desinfektionsmittel bei Hexi Pharma zu. "Wir waren zunächst ebenso schockiert wie skeptisch", sagt Tolontan. "Dann recherchierten wir mehrere Monate lang. Am Ende wussten wir, dass der Informant uns echte Dokumente gegeben hatte."

Obwohl die Veröffentlichung in Rumänien für riesige Empörung sorgte, wiegelte das Gesundheitsministerium zunächst ab: Labortests mit Bakterien hätten die Wirksamkeit der Hexi-Pharma-Produkte bewiesen. Doch eine chemische Analyse am führenden staatlichen Forschungsinstitut ICECHIM ergab, dass nahezu alle Desinfektionsmittelproben, die in verschiedenen Krankenhäusern genommen worden waren, niedrigere Wirkstoffkonzentrationen als angegeben enthielten.

So betrug beispielsweise die Konzentration von Ammoniumchlorid in mehreren Produktproben des Desinfektionsmittels Hexio-Sept AF nur rund fünf Prozent statt der ausgewiesenen 15 Prozent. Den Negativrekord stellte das Desinfektionsmittel Hexio-Skin auf, das anstelle der angegebenen 25 Prozent Isopropanol weniger als 0,01 Prozent des Wirkstoffs enthielt - eine fast schon homöopathische Verdünnung.

Jahrelang erfolgten keine Kontrollen der Desinfektionsmittel

Damit nicht genug: Hexi Pharma hatte, wie Tolontan und seine Kollegen herausfanden, seine gestreckten Produkte auch noch zu überhöhten Preisen verkauft und sich seine Position als Marktführer für Desinfektionsmittel durch betrügerische öffentliche Ausschreibungen erschlichen.

Zudem hatte es jahrelang keinerlei behördliche Kontrollen der Desinfektionsmittel wie auch der Ausschreibungen gegeben - und das, obwohl der rumänische Inlandsgeheimdienst SRI bereits seit 2012 von den Betrügereien bei Hexi Pharma wusste und Behörden darüber informiert hatte - wie inzwischen herauskam. Die informierten Behörden blieben seit damals untätig. Ob aus Schlamperei oder absichtlich, ist bisher unklar.

"Korruption tötet" steht auf dieser Maske eines Protestierers
AP

"Korruption tötet" steht auf dieser Maske eines Protestierers

Für Bogdan Tanase, den Gründer der Organisation "Ärzteallianz", geht es um mehr als nur um einen Pharmaskandal. "Der Fall Hexi Pharma steht für das gesamte Gesundheitswesen in Rumänien", sagt Tanase, "ein System, in dem auf dem Rücken der Patienten Geschäfte gemacht werden."

Die staatlichen Gesundheitsausgaben betragen nur vier Prozent des Bruttosozialprodukts - in der EU sind im Schnitt neun bis elf Prozent üblich. Ärzte verdienen im Schnitt unter 1.000 Euro monatlich, viele wandern ab, ebenso wie das noch schlechter bezahlte medizinische Personal. Politiker und reiche Unternehmer lassen sich bevorzugt im Ausland behandeln, der Normalbürger muss Medikamente und Verpflegung bei Krankenhausaufenthalten oft selbst mitbringen.

Zugleich ist das Gesundheitswesen außerordentlich korruptionsanfällig, wie die Leiterin der rumänischen Anti-Korruptionsstaatsanwaltschaft DNA, Laura Codruta Kövesi, klagt. Sie nennt den Fall Hexi Pharma "prinzipell nichts Neues". Allein in den letzten Wochen führten DNA-Staatsanwälte Dutzende Razzien gegen korrupte Ärzte und Krankenhausmanager durch - es ging um illegale Medikamententests, Schmiergeldzahlungen und betrügerische Ausschreibungen.

Mischung aus Korruption, Verschwendung und Ignoranz

"Ermittlungen im Gesundheitswesen sind seit Jahren eine unserer Prioritäten", sagt Kövesi. "Schwerwiegend ist, dass es viele Wiederholungstäter gibt, denn die Bestechungssummen sind sehr hoch, sie machen bis zu 20 Prozent der Vertragssummen aus."

Doch Korruption ist nur eines der Übel. Der Hexi-Pharmaskandal hat auch eine heftige Diskussion um Krankenhausinfektionen in Rumänien ausgelöst. Sie liegen EU-weit im Durchschnitt bei fünf bis zehn Prozent aller stationären Fälle, Rumänien gibt jedoch seit Langem jährlich weit unter einem Prozent an, während die Zahl laut informellen Angaben vieler Ärzte deutlich über dem EU-Durchschnitt liegt.

Inwieweit dafür die verdünnten Desinfektionsmittel verantwortlich seien, lasse sich nicht klären, sagt Cristian Irimie, Gynäkologe am Unfallkrankenhaus im nordrumänischen Suceava und von 2009 bis 2012 Staatssekretär im Gesundheitsministerium. Wichtige Ursachen seien in jeden Fall der in Rumänien "weit verbreitete Missbrauch von Antibiotika", die häufig prophylaktisch und ohne jegliche Indikation eingesetzt würden, wie auch die "verbreitete Missachtung einfacher sanitärer Regeln und Standards, angefangen vom Händewaschen bis hin zu dreckigen Toiletten und Waschräumen in Krankenhäusern".

Manager tot

Ob der Fall Hexi Pharma nun zu grundlegenden Änderungen im rumänischen Gesundheitswesen führt, ist offen. Der Gesundheitsminister Patriciu Achimas Cadariu ist inzwischen zurückgetreten, doch Rumäniens Staatspräsident Klaus Johannis sprach von einer "tiefen Krise des Gesundheitssystems", die sich nicht nur mit einem Rücktritt lösen lasse, vielmehr müssten Korruption, Verschwendung und Ignoranz beseitigt werden.

Der Hauptverantwortliche des jetzigen Gesundheitskandals wird jedenfalls nichts mehr zu Aufklärung beitragen können: Dan Condrea, der Hexi-Pharma-Besitzer, fuhr an einem Sonntagabend Ende Mai auf einer Landstraße nahe Bukarest mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum. Seitdem diskutiert die rumänische Öffentlichkeit die wildesten Verschwörungstheorien. Die Staatsanwaltschaft verkündete vor wenigen Tagen: Es war Selbstmord.

Zusammengefasst:

Ein Skandal um verdünnte Desinfektionsmittel erschüttert Rumänien. Der Marktführer hat jahrelang Mittel an Krankenhäuser verkauft, die zu niedrig dosiert waren. Das Ausmaß des Skandals hat selbst Experten überrascht, die das als korrupt geltende Gesundheitswesen des Landes gut kennen.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.