"Maischberger"-Talk zur Pflegemisere "Mit schlechter Pflege wird gutes Geld verdient"

Was tun gegen den Pflegenotstand im Land? Sandra Maischbergers Gäste fordern Hilfe von Gesundheitsminister Jens Spahn. Der beschwichtigt. Und sagt, er könne sich nicht vorstellen, seine Eltern selbst zu pflegen.

Sandra Maischberger und Gäste
WDR/ Max Kohr

Sandra Maischberger und Gäste


Am Anfang beschreibt Altenpfleger Sandro Plett den Alltag in seinem Beruf: Wie Pfleger nachts bis zu 60 Menschen betreuen. Und wie Kollegen deshalb kündigen, weil der Einzelne auf chronisch unterbesetzten Stationen überfordert ist. Was dann alles noch schlimmer macht. Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen über den Pflegenotstand in Deutschland. Passend zu Pletts Schilderungen liest die Moderatorin Fallbeispiele vor, zum Beispiel von alten Menschen, die nachts auf dem Klo vergessen werden. In einem Einspieler geht es um eine alte Frau, die im Pflegeheim nicht genug zu trinken bekommt und zwei Wochen später stirbt.

Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege, gibt zu, das seien "Dinge, die vorkommen". Für den ehemaligen Heimbetreiber Armin Rieger liegt die Erklärung für die Missstände auf der Hand: Als Heimbetreiber werde man nicht reich, wenn das Patientenwohl an erster Stelle stehe. Im Gegenteil: "Mit schlechter Pflege wird gutes Geld verdient."

Wenig Sympathien bringt Rieger Jens Spahn entgegen - weil der noch vor wenigen Jahren an Lobbyarbeit für die Gesundheitsindustrie verdiente. "Ich bin skeptisch, wenn so jemand nun Gesundheitsminister ist."

Dass sich die Falschen am System bereichern, findet auch Susanne Hallermann vom Verein "Wir pflegen". "In einem maroden System, in dem es an allen Ecken an Geld fehlt, ziehen Investoren noch jede Menge Geld 'raus." Hallermann, selbst ausgebildete Krankenschwester, hatte über zehn Jahre lang ihre Großmutter zu Hause gepflegt und dafür ihren Job aufgeben müssen. Von Spahn fordert sie für Menschen wie sich mehr Unterstützung: "Drei Viertel aller Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt, wir halten das System zusammen."

Der Gesundheitsminister schaltet umgehend in den Beschwichtigungsmodus. Die unhaltbaren Zustände? Seien immer noch "eher die Ausnahme als die Regel". In der ganz großen Mehrheit der Heime werde gute Arbeit gemacht. Es sei seitens der Politik "ja schon viel passiert". Es gibt fast 40.000 offene Stellen in der Pflege? Spahn will mit den Verbänden einmal schauen, wie man es "wieder schafft, Menschen für den Beruf zu begeistern".

Konkret wolle die Bundesregierung zudem 8000 neue Stellen in der Pflege schaffen. Wie er damit auf den Betreuerschlüssel von eins zu fünf kommen wolle, den Altenpfleger Plett empfiehlt, will Maischberger lachend wissen: "Da fehlt wohl eine Null hinten?" Eine andere Idee Spahns, nämlich Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben, wird von Pfleger Plett scharf kritisiert: "Die Pflege ist kein Fußballspiel!"

Einig sind sich die Teilnehmer der Runde darin, dass das TÜV-Bewertungssystem für Pflegeheime nicht funktioniert - und eine bessere Kontrolle nötig wäre. Hier hat Spahn einen Lösungsansatz parat, nur wirkt der wenig konstruktiv: Der Minister würde die TÜV-Bewertung komplett aussetzen, bis man eine bessere Methode findet.

Hört man den Menschen zu, die täglich mit dem Pflegenotstand konfrontiert sind, lässt sich eines nicht überhören: Damit sich die Verhältnisse nicht noch weiter verschlimmern, muss dringend Geld ins System fließen - und in Form besserer Pflege bei den Bedürftigen ankommen. Für die Politik keine angenehme Wahrheit. Nur: Andere Minister streiten für ihren Etat. Spahn redet bloß von einer "Decke, die nicht für alle reicht".

Den vielen Menschen in Deutschland, die Angst davor haben, einmal pflegebedürftig zu werden, macht das wenig Hoffnung. Genau wie das Bekenntnis eines weiteren Gastes der Sendung: Cindy Berger, ehemals Teil des Schlagerduos Cindy und Bert, hatte fünf Jahre lang zu Hause ihre Mutter gepflegt. Jetzt ist sie bei der Organisation Careship aktiv und kümmert sich um fremde alte Menschen, die einsam sind.

Mit warmen Worten wirbt sie zunächst dafür, sich die Pflege Angehöriger zuzutrauen, oder sich, wie sie selbst, zu engagieren, "weil einem das auch viel gibt". Sie selbst, die in Heimen ein- und ausgeht, will aber offenbar um jeden Preis verhindern, einmal pflegebedürftig zu werden. Sie wolle "lieber aus dem Leben scheiden, als anderen zur Last zu fallen".

Auch Spahn wird noch persönlich. Er könne sich nicht vorstellen, seine Eltern selbst zu pflegen, sagt er. Und dass er beruhigt sei. Denn seine Eltern würden es auch nicht erwarten.

Video: Pflegenotstand in Deutschland - Wer betreut Sie?

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
Das dazu 19.04.2018
1. Überfodert
Der Gesundheitsminister zeigt sich immer mehr überfordert von der Gesamtsituation. Es ist richtig, das in den meisten Heimen noch ordentlich gepflegt wird. Aber es ist leider auch richtig, was an Kritik angebracht wurde. Diese zu negieren und zu verhamlosen, zeugt nicht von Kompetenz. Der Plan, Mitarbeiter im Ausland anzuwerben? Quatsch. Seine Eltern pflegen? Er traut es sich nicht zu und die erwarten es auch nicht. Ich denke, das sagt alles aus über einen Menschen, der GESUNDHEITSMINISTER ist.
dennis.schroeder1 19.04.2018
2. Totale Fehlbesetzun
Spam ist offensichtlich eine totale Fehlbesetzung als Gesundheitsminister. Er weigert sich die Realität zu sehen und beschäftigt sich lieber mit ganz anderen Themen. Es ist schlimm, dass er nichts gegen die Probleme in der Pflege und bei den gesetzlich Versicherten (Stichwort Bürgerversicherung) machen möchte. Der hat gar kein Interesse an dem Job.
Altenpfleger1234 19.04.2018
3. Hr. Spahn
es gibt bereits Stationen die Betten sperren. Heime die niemand mehr aufnehmen weil nicht genug Personal gibt. Ich schlage vor Sie legen sich für 2 Tage in so ein Bett dann sehen Sie wie das so ist.
wilbury 19.04.2018
4. Profitgier
Wenn Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen wie Wirtschaftsunternehmen Erträge abwerfen sollen, kann das nicht funktionieren und geht immer zu Lasten der Alten und Kranken. Die Pflegekräfte werden ausgebeutet. Das ganze System gehört verstaatlicht.
ecdora 19.04.2018
5. Diese Aussage ist absolut glaubwürdig,
Gesundheitsminister Jens Spahn beschwichtigt, " er könne sich nicht vorstellen, seine Eltern selbst zu pflegen ". Denn das würde bedeuten zu arbeiten, Kraft x Weg, wo möglich kombiniert mit der Zeitkomponente, also eine Leistung zu erbringen. Damit will dieser Schaumschläger garantiert nichts zu tun haben
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