"Maischberger"-Talk über Alkoholsucht "Selbstmord auf Raten"

Verharmlosen wir im "Promille-Paradies Deutschland" den Alkohol? Das fragte Sandra Maischberger ihre Gäste - gleich mehrere schilderten die dunkelsten Seiten der Sucht. Dabei wurde leider eine Chance vertan.

Maischberger-Talk: "Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol ?"
WDR/ Max Kohr

Maischberger-Talk: "Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol ?"


Rund 74.000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr an den Folgen des Alkoholmissbrauchs. Und rund 9,5 Millionen trinken laut Bundesgesundheitsministerium so viel, dass sie ihre Gesundheit gefährden. Der "Maischberger"-Talk stand deshalb unter dem Motto: "Promille-Paradies Deutschland: Verharmlosen wir den Alkohol?"

Gleich mehrere Gäste konnten die dunkelsten Seiten der Alkoholsucht schildern. Henning Hirsch hatte als erfolgreicher Unternehmer und Familienvater irgendwann angefangen, Wodka zum Frühstück zu trinken. Immer tiefer rutschte er in die Sucht, bis er mit über fünf Promille mehrfach auf der Intensivstation landete und schließlich auf der Straße. Die Schauspielerin Nina Bott erlebte als Kind die Alkoholsucht ihrer Mutter mit, die sie als "Selbstmord auf Raten" beschreibt.

Uli Borowka, ehemals Fußballprofi bei Werder Bremen, hatte in dieser Zeit bis zu zwei Flaschen Schnaps und einen Kasten Bier am Tag getrunken. Bei Maischberger gibt er offen zu, damals in seiner Ehe gewalttätig geworden zu sein, wofür er sich bis heute schäme. Es folgten der Absturz, ein schwerer Unfall und ein Selbstmordversuch. Heute ist Borowka seit 18 Jahren trocken und setzt sich für die Alkoholismus-Prävention ein.

Der Alkoholforscher und Mediziner Helmut Seitz verweist auf den Stand der Wissenschaft: Demnach sollte man Studien "erst einmal nicht glauben", die einen positiven Effekt kleiner Mengen Alkohol auf die Gesundheit bescheinigen. Vielmehr könnten schon geringe Mengen der Gesundheit schaden, indem sie zum Beispiel Hirnzellen absterben lassen oder bei manchen Frauen das Risiko für Brustkrebs erhöhen.

Aus der Reihe fällt - Überraschung - einzig der Brauereibesitzer und Gastronom Bernhard Sitter, der im kuriosen Bierzelt-Outfit den "maßvollen" Genuss von Alkohol verteidigt.

Leider hat der "Maischberger"-Talk damit vor allem die üblichen Klischees aufzubieten: Auf der einen Seite steht demnach die Alkoholsucht, die zwar nicht wenige, aber eben doch nur bestimmte Menschen betrifft. Wer sie übersteht, wird in der Regel zum überzeugten Abstinenzler. Auf der anderen Seite gibt es dann noch den "kontrollierten Konsum". Dazu sind offenbar die meisten anderen in der Lage und brauchen sich deshalb den Spaß nicht nehmen zu lassen.

Vertan wird damit die Chance, über die fließenden Grenzen zu sprechen. Über die Gefahr, Alkohol als Mittel zum Zweck einzusetzen, um Kummer, Stress oder Ängste darin zu ertränken. Zu kurz kommt auch die Tatsache, dass viele Menschen vielleicht nicht süchtig sind, aber aus schlechter Gewohnheit viel zu viel zu trinken - und ihrer Gesundheit damit genauso so sehr schaden.

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Die Klischees rund ums Thema halten sich hartnäckig in den Köpfen. So entsteht die paradoxe Situation, dass zwar der "normale" Alkoholgenuss gesellschaftlich akzeptierter kaum sein könnte - problematisches Trinkverhalten aber nach wie vor stigmatisiert wird. Der typische Alkoholiker, das ist für viele immer noch ein verwahrloster Obdachloser. Jemanden, der mitten im Leben steht, des Alkoholismus' zu verdächtigen, ist auch deshalb ein Tabu. Hinter vorgehaltener Hand wird im Freundeskreis höchstens einmal gemunkelt: "Er trinkt ein bisschen zu viel..." Und natürlich möchte sich niemand gern selbst eingestehen, den Alkohol nicht mehr im Griff zu haben. Peinlich ist das ja schon deshalb, weil alle anderen scheinbar bestens damit zurechtkommen.

"Sie verachten mich, richtig?"

Auch bei Sandra Maischberger wird das deutlich: Die 72-jährige Monika Schneider hat dort zuvor berichtet, dass sie vom Alkohol nicht mehr loskommt, seit ihr Sohn jung verstorben ist. Sie lebt nun in einem Seniorenheim für Suchtabhängige, in dem sie drei Gläser Sekt pro Tag trinken darf. Weil sie im Gegensatz zu anderen Gästen nicht trocken ist, schämt sie sich: "Sie verachten mich, richtig?", fragt sie den abstinenten Borowka. Was der aber verneint.

Tatsächlich ist abhängiges Trinkverhalten ein Phänomen der Mitte der Gesellschaft. In höheren sozialen Schichten wird laut Alkoholatlas des Deutschen Krebsforschungszentrums sogar mehr Alkohol getrunken als beispielsweise von Arbeitslosen. Viele Betroffene funktionieren nach außen hin noch lange erstaunlich gut in Alltag und Job - während Gesundheit, Psyche und Beziehungen allmählich zugrunde gehen. Je länger es dabei gelingt, die Krankheit vor sich selbst und anderen zu verleugnen, desto später kommt den Betroffenen Hilfe zu. Und desto schwerer wird schließlich der Weg aus der Sucht.

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An diesem Thema vorbei gehen auch die möglichen Maßnahmen zur Eindämmung des Alkoholkonsums, die bei Maischberger kurz vor Sendeschluss abgehakt werden.

Gegen besseren Jugendschutz, mehr Aufklärungsarbeit oder Werbeverbote kann zwar außer Gastwirten und Alkoholproduzenten kaum jemand etwas haben. Auch höhere Steuern können angesichts des hierzulande immer noch billigen Alkohols Sinn machen - wenn die Einnahmen daraus in sinnvolle Präventionsarbeit fließen. Viel wichtiger wäre es aber, ein Umdenken zu erreichen: Es gibt nicht nur die kranken Alkoholiker, die ihre Leben zerstören; und die anderen, die alles im Griff haben. Sondern sehr viel dazwischen.



insgesamt 111 Beiträge
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hevopi 26.04.2018
1. Leider erlebe ich das in meinem jetzigen Wohnort auch,
viele Menschen gehen am Abend zum Markt, pflegen die Kommunikation und trinken am Abend viele Flaschen Bier und Schnaps. Ich habe mich davon schon lange (aus Gesundheitsgründen) verabschiedet und versucht, mal die Hintergründe zu analysieren. Wenn Menschen "positiv denken", akzeptiert werden und auch ihre Probleme offen aussprechen können, ist es möglich, dieses Problem in den Griff zu bekommen, wenn sie aber nur ihre Sorgen im Alkohol ertränken können, wird die Sucht immer größer. Ich kann allen nur empfehlen, sich dem Freundeskreis (wenn er in der Lage ist) anzuvertrauen, an die schönen Seiten des Lebens zu denken und als Ziel zu haben, auch ohne Alkohol glücklich zu sein.
Anny 26.04.2018
2. Zwang
Das Fürchterlichste finde ich, dass es gesellschaftlich akzeptierter ist zu viel Alkohol zu trinken als nichts zu trinken. Beim Kollegengeburtstag im Büro, auf Festen, Veranstaltungen etc. Ach komm...eins geht doch. Oder man wird gleich verdächtigt ein Problem mit Alkohol zu haben wenn man nichts trinkt, alternativ schwanger oder Spassbremse. Einfach mal nen Monat ausprobieren was da so für Sprüche kommen.
dipl.inge83 26.04.2018
3. Meine Frau
arbeitet in einer Einrichtung in der vorwiegend Patienten mit Korsakow infolge übermäßigen Alkoholkonsums leben,auch erstaunlich junge. Wir waren auch davor schon Abstinenzler. Wenn man das mal live erlebt hat, sieht man Bierwerbung trotzeem mit anderen Augen. Dort sind immer alle glücklich und die Sonne scheint. Angehörige der Patienten lassen sich übrigens quasi überhaupt nicht blicken. Noch viel weniger als im Altersheim oder bei Dementen.
hochwaldmami 26.04.2018
4.
Ein sehr wichtiges Thema, eine gute Chance zur Aufklärung wurde vertan. Bei uns führt man zur Zeit die Diskussion, ob auf einem Sommerfest im Kindergarten Bier verkauft werden soll. Und es ist unerträglich, wie manche Eltern vehement darauf bestehen...
dasfred 26.04.2018
5. Ich glaube, dieser Artikel sagt mehr als die ganze Talkshow
Die beiden Extreme, totale körperliche Abhängigkeit oder völliger Verzicht kennt ja nun jeder. Auch die Anlassbezogenen Gelage oder das Feierabend Glas sind bekannt. Dazwischen gibt es aber noch eine ganze Menge. Alkohol ist schließlich ein äußerst schnell wirkendes Medikament bei Stress und innerer Anspannung, dass, wenn es sich nicht verselbstständigt, durchaus als Mittel in Akutsituationen helfen kann. Aber, wie bei Kopfschmerztabletten, was kurzfristig hilft, verstärkt langfristig das Problem. Daher sind auch viele Suchttherapien erfolglos. Die Vielzahl an Auslösern wird meist nicht berücksichtigt, was einem hilft, ist für andere wirkungslos, wenn die Ursache nicht behandelt wird. Alkoholismus als Nebensyptom einer psychischen Störung kann im Entzug nur vorübergehend gemindert werden.
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