Sarkome Wenn Krebs mit einer Schwellung beginnt

Weil sie kaum Schmerzen bereiten, werden Sarkome zunächst oft als harmlose Schwellung abgetan. Aber die Tumore sind bösartig, Ärzte können sie nur mit gezielten Therapien und enger Nachsorge in den Griff bekommen.

Sarkomzellen unter dem Elektronenmikroskop: Heilungschancen nach chirurgischer Entfernung und Bestrahlung
Corbis

Sarkomzellen unter dem Elektronenmikroskop: Heilungschancen nach chirurgischer Entfernung und Bestrahlung


Die deutsche Leichtathletin Christine Wolf war erst zehn Jahre alt, als sie an Krebs erkrankte: Ein bösartiger Knochentumor wuchs in ihrem Schienbein. Wolf bekam damals eine Chemotherapie. Fünf Jahre später musste ihr Bein dennoch knapp über dem Knie amputiert werden, weil die Behandlung nicht ausgereicht hatte und immer wieder Infektionen aufgetreten waren. Für Christine Wolf war dieser Tiefpunkt gleichzeitig der Anfang einer erfolgreichen Sportlerkarriere: Für Australien tritt sie als Leichtathletin bei den Paralympics an, im Sommer 2008 holte sie in Peking sogar die Goldmedaille im Weitsprung.

Aber nicht immer lässt sich der Krebs langfristig besiegen. Die australische Bloggerin Jessica Ainscough etwa erkrankte mit 22 Jahren an einem Weichteilsarkom im Arm. Die Chemotherapie half nicht dauerhaft, der Krebs kam innerhalb eines Jahres zurück. Die Ärzte rieten dringend zur Amputation des Armes, aber Ainscough lehnte ab - sie wollte sich auf natürliche Weise heilen. Die 29-Jährige starb am 26. Februar dieses Jahres.

Chemotherapie nicht immer sinnvoll

Noch häufiger als in Knochen wachsen Sarkome in Weichteilen. Diese Weichteiltumore machen etwa ein Prozent aller bösartigen Krebserkrankungen bei Erwachsenen aus. Auch Kinder erkranken daran, wenn auch seltener als Erwachsene.

"Bevor jemand an einer Schwellung herumschneidet, muss unbedingt zuvor mit bildgebenden Verfahren untersucht werden", fordert der Düsseldorfer Sarkom-Experte Jochen Schütte, Mitautor der Leitlinien für Sarkome. Zusätzlich zu Kernspin- und Computertomografie-Aufnahmen des Brustkorbes zum Ausschluss von Lungenmetastasen muss eine Gewebeprobe des Tumors entnommen werden, um die Zellen genau bestimmen zu können.

Weichteilsarkome müssen chirurgisch entfernt und betroffene Partien im Anschluss gegebenenfalls bestrahlt werden. "Eine Chemotherapie kommt nicht in jedem Fall zum Einsatz", sagt die Onkologin Gerlinde Egerer vom Universitätsklinikum Heidelberg. "Wenn keine Metastasen vorhanden sind, ist der Nutzen der Chemotherapie beim Weichteilsarkom nicht eindeutig belegt."

Bei Knochensarkomen ist die Abfolge eine andere: "Eine Chemotherapie verbessert die Heilungschancen eines Patienten erheblich", sagt die Heidelberger Medizinerin. Da sich die Krebszellen schnell über die Blutbahn im ganzen Körper ausbreiten können, erfolgt meist zunächst eine Chemotherapie. Erst zwei bis drei Monate danach wird operiert. Immer wenn an schwer zugänglichen Stellen Tumorgewebe zurückbleibt, wird nachbestrahlt. Im Anschluss erfolgt erneut eine Chemotherapie.

Bei beiden Sarkomgruppen könnte ersten Studienergebnissen zufolge eine sogenannte Hyperthermie die Behandlung unterstützen. Dabei wird das Tumorgewebe lokal stark erwärmt. Der Nutzen muss allerdings in weiteren Untersuchungen noch nachgewiesen werden. Im Rahmen von Studien ist eine solche Therapie allerdings schon jetzt möglich, etwa an den Hyperthermiezentren der Universitäten München und Lübeck. "Die Heilungschancen bei dieser Krebserkrankung hängen von der Größe, der Lage und der Differenzierung des Tumors ab", sagt Egerer, "und von der Frage, wie gut er operiert werden kann."

Differenzierungsgrad von Tumoren
    Ist ein Tumor differenziert, dann bedeutet dies, dass er strukturell stark dem Gewebe gleicht, aus dem er entstanden ist. Das verspricht gute Heilungschancen. Das sogenannte Grading, mit dem man den Differenzierungsgrad beurteilt, ist wichtig für die Zeit nach der Operation, in der Kontrolluntersuchungen erfolgen sollten. Die Rückfallquote hängt nämlich stark vom Grading des Sarkoms ab. Beim Grad G1 beträgt die Rückfallquote bei Weichteilsarkomen 5 bis 10 Prozent. Bei G2 liegt sie dagegen bei etwa 20 Prozent und bei G3 bei bis zu 50 Prozent. Bei Knochensarkomen beträgt das Langzeitüberleben etwa 70 Prozent. Etwa 30 Prozent der Patienten erleiden Rückfälle, die nicht behandelbar sind.
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind wichtig, auch um Metastasen etwa in der Lunge frühzeitig aufzuspüren. "Bei G1 sollte alle sechs Monate, bei G2 und G3 alle drei Monate eine Kontrolluntersuchung mit einem bildgebenden Verfahren erfolgen", sagt Schütte.

Folgen einer schlampigen Nachsorge

Aber nicht bei allen Patienten funktioniert die Nachsorge optimal. Bei Rüdiger Mars*, Anfang 30, wurde 2007 in der örtlichen Klinik ein Weichteilsarkom diagnostiziert, operiert und nachbestrahlt. "Bis 2011 gab es aber keine Nachsorgeuntersuchung", berichtet Egerer, die den Mann heute behandelt. Atemnot führte Rüdiger Mars in die Universitätsklinik Heidelberg. Die Lunge war voller Metastasen. Eine Chemotherapie verbesserte seinen Zustand, sodass Mars anschließend operiert werden konnte. 18 Monate später waren die Lungenmetastasen erneut gewachsen.

"Diesen Verlauf hätte man durch eine regelmäßige Nachsorge vermeiden können", ärgert sich die Medizinerin. "Wenn man in kurzen Abständen kontrolliert, kann man einzelne Metastasen, die sich in der Zwischenzeit gebildet haben, leicht operieren." Sie rät deshalb Patienten, darauf zu bestehen, dass nicht nur die Diagnosestellung an einer Universitätsklinik mit einem Sarkomzentrum erfolgt, sondern auch die Entscheidung darüber, welche Therapie die beste ist. "Das Sarkomzentrum sollte alle nötigen Behandlungen und Untersuchungen koordinieren", so Egerer. "Die Therapien selbst können auch günstiger gelegene Kreiskrankenhäuser oder niedergelassene Hämatologen und Onkologen durchführen."

Zudem muss auch der Pathologe, der das Gewebe beurteilt, eine entsprechende Sarkom-Expertise haben. Schütte fordert darüber hinaus in jedem Fall eine Zweituntersuchung des Biopsiegewebes: "Bei jeder sechsten Sarkombiopsie führt die Vergleichsuntersuchung des Gewebes zu einem anderen Ergebnis. Therapeutisch gesehen, kann das für die Patienten durchaus Konsequenzen haben."

Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

* Name von der Redaktion geändert



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
bitboy0 11.05.2015
1. Die Realität ist anders...
wenn man mit etwas "langweiligem" in eine Krankenhaus oder auch zum Arzt geht bekommt man oft nur eine "Abwimmeltherapie" oder Termine in 2 Monaten. Ein Knubbel unter der Haut, der nicht weh tut? Aaaach, das wird nur ein Lipom sein, eine kleine Fettansammlung .. das ist nicht schlimm. Wenn man so etwas ein paar mal erlebt hat spart man sich den Besuch beim Arzt. Man wird dort nicht ernst genommen oder in 5 Sekunden abgefertigt oder man soll erst mal IGEL-Leistungen bezahlen, bevor der Arzt wach wird. Sollte so nicht sein, aber IST SO! Wenn man dann am Ende bei einem Arzt landet, der wirklich gut ist muss man sich anhören: "Ach wären sie DAMIT mal früher gekommen!!!" Das habe ich grade bei meiner Freundin erlebt. Das erste Krankenhaus in dem sie war glaubte an einen Bandscheibenvorfall und schickte sie dann nach Hause, als es im MRT nicht als solcher zu erkennen war. Trotz Fieber und extremer Schmerzen. Erst eine Woche später schafften wir es sie in ein anderes Krankenhaus aufnehmen zu lassen. Wir mussten da wirklich drängeln, weil man es auch da erst mal nicht wirklich ernst genommen hat. Fazit: Blutvergiftung mit STAAUR, Abzesse in der Muskulatur, Wasser im Herzbeutel... die eine Woche hätte man schon was machen können. Jetzt wird es MONATE Dauern bis sie wieder arbeiten kann.
philosophus 11.05.2015
2. Bei 100%
Trefferquote würde ich vieleicht mitmachen... Vorher ist jeder Test nutzlos. Es handelt sich nãmlich um Krebs und nicht ob ich in 10 Jahre 'ne Glatze bekomme...
LouisXIV 11.05.2015
3. Frage Differenzierungsgrad
Sie schreiben: "Ist ein Tumor differenziert, dann bedeutet dies, dass er strukturell stark dem Gewebe gleicht, aus dem er entstanden ist. Das verspricht gute Heilungschancen. " Differenziertheit bedeutet aber eigentlich Unterschiedlichkeit/Unterscheidbarkeit. Diffenziertheit=Gleichartigkeit? Ich finde dies irreführend.
steffen.ganzmann 11.05.2015
4. Ich möchte ...
Zitat von bitboy0wenn man mit etwas "langweiligem" in eine Krankenhaus oder auch zum Arzt geht bekommt man oft nur eine "Abwimmeltherapie" oder Termine in 2 Monaten. Ein Knubbel unter der Haut, der nicht weh tut? Aaaach, das wird nur ein Lipom sein, eine kleine Fettansammlung .. das ist nicht schlimm. Wenn man so etwas ein paar mal erlebt hat spart man sich den Besuch beim Arzt. Man wird dort nicht ernst genommen oder in 5 Sekunden abgefertigt oder man soll erst mal IGEL-Leistungen bezahlen, bevor der Arzt wach wird. Sollte so nicht sein, aber IST SO! Wenn man dann am Ende bei einem Arzt landet, der wirklich gut ist muss man sich anhören: "Ach wären sie DAMIT mal früher gekommen!!!" Das habe ich grade bei meiner Freundin erlebt. Das erste Krankenhaus in dem sie war glaubte an einen Bandscheibenvorfall und schickte sie dann nach Hause, als es im MRT nicht als solcher zu erkennen war. Trotz Fieber und extremer Schmerzen. Erst eine Woche später schafften wir es sie in ein anderes Krankenhaus aufnehmen zu lassen. Wir mussten da wirklich drängeln, weil man es auch da erst mal nicht wirklich ernst genommen hat. Fazit: Blutvergiftung mit STAAUR, Abzesse in der Muskulatur, Wasser im Herzbeutel... die eine Woche hätte man schon was machen können. Jetzt wird es MONATE Dauern bis sie wieder arbeiten kann.
... noch immer gerne wissen, was STAAUR eigentlich sein soll ...
bitboy0 11.05.2015
5.
Zitat von steffen.ganzmann... noch immer gerne wissen, was STAAUR eigentlich sein soll ...
Such in Wikipedia nach "Staphylococcus Aureus" (STAAUR)... Und schau unter "Pyomyositis" nach, dann weißt du wovon ich rede... Und das erste Krankenhaus hat sie mit Fieber und starken Schmerzen - die meine Freundin im GESÄSS lokalisiert hat - nach Hause geschickt. Obwohl sie nur mit Krücken überhaupt humpeln konnte.
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