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Tupfer im Bauch: Patientenschützer sprechen von Hunderten Todesfällen

OP in Berlin (Archivbild): Jeder Tupfer zählt Zur Großansicht
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OP in Berlin (Archivbild): Jeder Tupfer zählt

Dass OP-Besteck im Körper von Patienten vergessen wird, kommt immer wieder vor. Laut einer Schätzung des Aktionsbündnisses Patientensicherheit führt das in Deutschland zu 600 bis 700 Todesfällen pro Jahr.

OP-Instrumente, Nadeln, aber vor allem Tupfer: Es passiert zwar sehr selten, dass Ärzte bei einem Eingriff Material im Körper des Operierten vergessen - doch es kommt vor. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) macht nun anlässlich seiner in Berlin begonnenen Jahrestagung auf dieses Problem aufmerksam. Das APS schätzt, dass in Deutschland 600 bis 700 Patienten an den Folgen solch eines Fehlers sterben. Dabei beruft sich das Bündnis auf verschiedene Studien und Umfragen.

Tatsächlich zeigte eine größere in den USA durchgeführte Studie im Jahr 2008, dass in rund einer von 5500 Operationen ein Gegenstand im Körper des Patienten verbleibt. In zwei Drittel der Fälle waren es Tupfer. Auf Deutschland bezogen, wo im Jahr 2013 rund 15,8 Millionen Operationen vorgenommen wurden, würde dies rund 2800 Fällen entsprechen.

Anderen Schätzungen zufolge passieren diese Fehler häufiger - nämlich etwa in einer von tausend Operationen. Dies geschieht trotz Kontrollen, die das Zählen aller bei der OP genutzten Gegenstände vor dem Eingriff sowie am Ende desselben beinhalten. Das APS fordert strengere Regeln und deren Einhaltung bei den Zählkontrollen der OP-Materialien.

Das Bündnis betont, dies sei nur ein Beispiel für Risiken für Patienten in Kliniken oder bei Ärzten.

Kritik: Ökonomische Interessen wichtiger als Patientenwohl

Die APS-Vorsitzende Hedwig François-Kettner kritisierte, oft werde im deutschen Gesundheitswesen das Interesse der Patienten zu wenig berücksichtigt. Häufig gingen ökonomische Interessen vor - das Patientenwohl stehe zu oft hinten an.

Auch fehle es an stärkeren Institutionen für mehr Patientensicherheit. "Wir müssen erkennen, dass ein gemeinnütziger Verein Grenzen hat", sagte François-Kettner. Im gemeinnützigen APS sind unter anderem Mediziner, medizinische Gesellschaften, Kliniken und Krankenkassen Mitglied.

Der Bundesrat forderte Anfang Februar, dass die Kassen Einrichtungen zur Verbesserung der Patientensicherheit künftig mit insgesamt bis zu 500.000 Euro jährlich fördern. Die Bundesregierung wird dem Vorstoß dem Vernehmen nach nicht folgen.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) versprach Verbesserungen - etwa im Kampf gegen gefährliche Krankenhauskeime. Jedes Jahr sterben Tausende Menschen in Deutschland, nachdem sie sich in Kliniken mit zum Teil multiresistenten Erregern angesteckt haben. "Jeder nachgewiesene Erreger muss künftig gemeldet werden", versprach Gröhe.

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wbr/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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1. Verhältnismäßigkeit
eigene_meinung 16.04.2015
Das sind ja wohl ein paar mehr Tote als an Masern gestorbene Personen (was zu großem Wehgeschrei und Ruf nach Impfpflicht führt). Aber gegen derartige Missstände anzugehen, würde der Medizinindustrie ja keinen zusätzlichen Gewinn bringen - im Gegenteil!
2. Medizinunfallstatistik
JaguarCat 16.04.2015
Unfälle passieren leider. Deswegen haben wir in Deutschland Statistiken für Verkehrs- und Arbeitsunfälle. Doch eine "Medizinunfallstatisik" fehlt komplett. Die Leute haben Angst, in das Flugzeug zu steigen, wo die Gefahr eines Absturzes im Bereich von 1 : 10.000.000 liegt. Aber sie gehen wegen Rückenschmerzen zur Bandscheiben-OP, wo die Gefahr eines tödlichen OP-Fehlers mit Sicherheit vielfach höher liegt. Aber mangels Statistik kann man das individuelle Risiko überhaupt nicht einschätzen!
3. Unter Berücksichtigung aller Umstände?
rot 16.04.2015
Bei einer normalen geplanten OP passiert das Vergessen von Tupfern, Instrumenten wohl kaum. Bei einer Notfall- mäßigen OP, um 3h nachts, wenn nur spärlich und völlig unausgeschlafenes Personal vorhanden ist, kann das passieren. Besonders dann, wenn der Operateur sich selbst mit den Instrumenten versorgen muss, weil zB. an zwei Stellen operiert wird, aber nur ein Instrumenteur (oder keiner) vorhanden ist.Wer wird da einen Stein werfen wenn's ums nackte Überleben geht? Es gibt, nebenbei angemerkt Operationsmethoden, bei denen bewusst Bauchtücher, Kompressen oder Tamponmaterial ect mit eingenäht werden um zB. eine Druckeffekt zur Blutstillung zu erreichen oder ein Organ in einer bestimmten Lage zu halten.
4. Schwachsinn!
Titanus 16.04.2015
Bei einem Risiko im Promillebereich ist die ganze Diskussion lachhaft. Zudem würde eine Statistik ja nicht aussagen, ob der meist ohnehin totkranke Patient nicht auch ohne das im Situs vergessene Instrument verstorben wäre.
5. alles macht nur Sinn mit Vergleichszahlen
bartsuisse 17.04.2015
wie immer. Gibt es mehr oder weniger Fälle in Deutschland als anderswo und falls ja wie sind wo welche Kontrollen. Richtige Zahlen fehlen
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