Von Scham- bis Nasenhaaren "Körperbehaarung ist biologisch nicht notwendig"

Warum haben wir Nasen- und Ohrhaare? Und warum sprießt es bei uns im Intimbereich? Hautarzt Hans Wolff über den Ursprung der Körperbehaarung und die Risiken, die Härchen zu entfernen.

Rasierte Männerbrust: Ursprünglich sollten die Körperhaare wärmen und Parasiten abhalten
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Rasierte Männerbrust: Ursprünglich sollten die Körperhaare wärmen und Parasiten abhalten


    Hans Wolff ist Professor für Dermatologie und Leiter der Haarsprechstunde an der der Universität München.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Sinn haben Nasen- und Ohrhaare?

Wolff: Die ursprüngliche Funktion war wohl, Tiere daran zu hindern, in die Körperöffnungen zu kriechen. Der Mensch hat als Kind und in der Jugend nur ganz feine Nasenhärchen und noch feinere Gehörgangshärchen. Mit zunehmendem Alter verhalten diese sich paradox - während die Haare auf dem Kopf dünner und weniger werden, wachsen sie in der Nase, in den Ohren.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Wolff: Das weiß niemand. Ich glaube, dass das ein Zufall ist. Die Menschen sind früher gar nicht so alt geworden, als dass die Evolution auf diese späte Wachstumsphase der Haare noch hätte wirken können.

SPIEGEL ONLINE: Wie entfernt man Haare in Nase und Ohren am besten?

Wolff: Einfach alle zwei Wochen mit einer kleinen Schere kürzen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist unser Körper überhaupt behaart?

Wolff: Dichte Körperbehaarung wirkt als Wärmeisolation. Außerdem hält sie Parasiten fern vom Körper. Eine Stechmücke zum Beispiel durchdringt eine dichte Behaarung am Unterarm nicht.

SPIEGEL ONLINE: Bei den meisten Menschen ist sie nicht so dicht heutzutage…

Wolff: Zumindest bei unseren Vorfahren gab es diese Funktion, denn die hatten noch mehr Haare als wir, so wie unsere Cousins, die Menschenaffen. Beim modernen Menschen gibt es nur noch wenige Stellen, die natürlicherweise dicht behaart sind - die Achseln und der Genitalbereich. Es gibt dort Drüsen, die Duftstoffe ausschütten. Diese Sekrete bleiben in den Haaren hängen und werden dadurch festgehalten und über einen längeren Zeitraum verströmt.

SPIEGEL ONLINE: Sind das sexuelle Lockstoffe?

Wolff: Vielleicht waren sie das mal, aber das ist für uns Menschen seit mehreren tausend Jahren irrelevant. Schon Primaten haben andere Möglichkeiten, Partner zu gewinnen, als über krude Duftstoffsignale.

SPIEGEL ONLINE: Hat Körperbehaarung beim modernen Menschen noch einen Sinn?

Wolff: Sie ist biologisch nicht notwendig und der Trend ist eindeutig, die Körperbehaarung abzurasieren.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment wird diskutiert, ob wir zu viel rasieren, insbesondere die Schamhaare…

Wolff: Gynäkologen erzählen mir, dass sie fast kein normal behaartes junges Mädchen mehr sehen - da steht oft kein Härchen mehr im Genitalbereich. Um das zu erreichen, muss man sich dort regelmäßig rasieren. Oder mit Wachs enthaaren. Das tut ja wahrscheinlich grauenhaft weh, aber manche Frauen scheuen auch davor nicht zurück. Oder benutzen Enthaarungscreme. Auch immer mehr Männer rasieren sich heute im Intimbereich. Wenn Sie eine Abiturklasse ausziehen würden, wären wohl 90 Prozent der Mädchen und 50 Prozent der Jungs im Genitalbereich rasiert.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Risiken?

Wolff: Viele enthaaren sich, ohne dass Komplikationen auftreten. Aber bei manchen kommt es zu so starken Hautreizungen, dass sich kleine Wunden mit Staphylokokken infizieren können. Dann ist der Genitalbereich voll mit Pusteln. Durch kleine Wunden erhöht sich auch die Gefahr, dass beim Geschlechtsverkehr Viren übertragen werden, die Genitalwarzen hervorrufen können - sofern einer der Beteiligten infiziert ist und solche Warzen hat.

SPIEGEL ONLINE: Erhöht sich durch Intimrasur die Wahrscheinlichkeit, sich mit Humanen Papillomviren (HPV) anzustecken, die Krebs verursachen können?

Wolff: Eine HPV-Infektion wird in der Regel nur über ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen und steht nicht im Zusammenhang mit Intimrasuren.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Intimrasur aus medizinischer Sicht zu empfehlen?

Wolff: Wenn man es verträgt, spricht nichts dagegen. Die Muslime zum Beispiel sind grundsätzlich rasiert, Männer und Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Intimrasur medizinisch-hygienische Vorteile?

Wolff: Nein, das sind bei Männern und Frau rein ästhetische Erwägungen. Ob man behaart ist oder nicht, ist gesundheitlich irrelevant.

Das Interview führte Frederik Jötten

insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
blauervogel 09.04.2014
1. Das starke Geschlecht
Zitat von sysopCorbisWarum haben wir Nasen- und Ohrhaare? Und warum sprießt es bei uns im Intimbereich? Hautarzt Hans Wolff über den Ursprung der Körperbehaarung und die Risiken, die Härchen zu entfernen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/schamhaare-und-nasenhaare-risiken-von-rasur-und-zupfen-a-963412.html
Frauen sind ja keine Weicheier! :-)
herkurius 09.04.2014
2. Sinnvoll
Haare transportieren Feuchtigkeit ab. Und sie vermindern Reibung zwischen Körperteilen.
braman 09.04.2014
3. Biologisch notwendig?
Zwei Aussagen des Herrn Prof. Wolff bezweifle ich doch etwas. 1. 'Die Menschen früherer Zeiten sind nicht so alt geworden wie die heutigen.' Das stimmt zwar für die mittlere Lebenserwartung, nicht aber für die absolute oder mögliche Lebenserwartung. Diese war auch in grauer Vorzeit vergleichbar mit der heutigen. 2. Irrelevanz von sexuellen Lockstoffen. Ob man jemanden 'riechen' kann oder ob die 'Chemie stimmt' hängt sehr wohl mit den sexuellen Lockstoffen zusammen. Das es auch andere Modalitäten gibt um sich körperlich näher zu kommen ist allerdings unbestreitbar. MfG: M.B.
elisa1 09.04.2014
4. Überflüssiges Relikt
Ich habe, entgegen aller damaligen Trends, schon seit meiner Pubertät jede Schambehaarung als unangenehm empfunden. In den 80er Jahren wurde ich dafür sogar von Mitschülerinnen verspottet und ebenso euphorisch von meinen ersten Liebhabern als versautes Luder charakterisiert. Dabei habe ich den klassischen Werdegang hinter mir, angefangen vom Trimmen über Rasieren und schließlich zum Waxen, und obwohl ich weiß, dass die Gesellschaft bei diesem Thema wie in den meisten Belangen geteilter Meinung ist, genieße ich die Haarlosigkeit dort unten wie kaum einen anderen Aspekt meiner Körperpflege. Und bevor die Urwaldfraktion wieder lospoltert und von Pädophilie und gestörter Körperwahrnehmung faselt: Es sollte jedem selbst überlassen bleiben, was er mit sich anstellt. Und ganz subjektiv betrachtet fühle ich mich nur ohne Busch sauberer. Außerdem ist jede sexuelle Berührung um Welten sexier und lustbringender, egal ob beim Masturbieren oder mit einem Partner. Ich finde es deswegen gut, dass die Mädchen von heute genügend Selbstbewusstsein besitzen, sich so gezielt um ihre Intimzone zu kümmern. Und Männer! Hier geht es nicht um eure Präferenzen, sondern darum, wie sich Frau wohlfühlt. Und jeder, der hier behauptet, die Mädels würden nur einem Modetrend hinterherhecheln, dem sei gesagt, dass einfach alles Mode ist. Jede Gesichtsrasur, jedes Besteck beim Essen und jedes noch so unscheinbare Kleidungsteil! ;) Ciao
boingdil 09.04.2014
5. Ästhetisches Ping Pong
In den Siebzigern und Achzigern konnte es nicht haarig genug sein, gerade etwa Brustbehaarung. Gerne gepaart mit Monsterkoteletten und Pornobalken im Gesicht. Nena und Konsorten haben sich nicht mal die Achseln rasiert. Und momentan haben viele Menschen unterhalb des Kopfes kein Haar mehr (etwas komisch mit Hipster-Bart, aber bitte). Aber Trends kommen und gehen.
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