Schilddrüse: Endokrinologen warnen vor unnötigen Operationen
Schnitt oder Hormone? Die beste Therapie für eine Schilddrüsenerkrankung zu finden, ist nicht immer einfach. Hormonspezialisten warnen nun, dass Ärzte in Deutschland im internationalen Vergleich allzu häufig zum Messer greifen - aus Angst vor einem bösartigen Tumor.
Das kleine Organ im Hals ist normalerweise nicht sichtbar, sein Einfluss auf den Körper kaum spürbar - solange alles richtig läuft. Eingebunden in einen fein justierten Regelkreislauf zwischen Hirnanhangdrüse und Hypothalamus produziert die Schilddrüse die lebenswichtigen Hormone T3 und T4, speichert Jod und steuert den Kalzium- und Phosphathaushalt im Knochen. Gerät die Schaltzentrale aber aus dem Takt, lässt eine Schilddrüsenüberfunktion das Herz rasen, die Betroffenen haben Durchfall, nehmen ab und sind nervös und reizbar. Eine Unterfunktion hingegen macht depressiv, die Haare stehen strohig zu Berge, die Darmfunktion stockt, das Gewicht klettert in die Höhe.
Viele Funktionsstörungen der Schilddrüse können mit Hormonen oder Bestrahlung behandelt werden, doch allzu häufig entscheiden sich Ärzte in Deutschland offenbar für eine chirurgische Therapie: Nach Ansicht von Experten sind viele Schilddrüsenoperationen in Deutschland vermeidbar, berichtet jetzt die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) im Vorfeld eines Symposiums in Düsseldorf. Die Angst vor Schilddrüsenkrebs sei hierzulande deutlich größer als in anderen westlichen Ländern.
Jedes Jahr werden in Deutschland laut DGE mehr als 100.000 Schilddrüsen teilweise oder komplett entfernt. Bezogen auf die Bevölkerung werde damit drei- bis achtmal häufiger operiert als in Großbritannien oder den USA. Die Deutschen hätten aber nicht häufiger Schilddrüsenkrebs als Briten oder Amerikaner, weshalb es offensichtlich "ein Missverhältnis zwischen derzeitigen Operationszahlen und tatsächlich notwendigen Eingriffen" gebe, erklärte DGE-Experte Peter Goretzki.
Das Schwierige bei der Schilddrüse ist: In dem kleinen Organ kann sich eine ganze Reihe von krankhaften Prozessen abspielen. So kann Jodmangel ebenso zu einer Vergrößerung führen wie eine Autoimmunerkrankung oder ein bösartiger Tumor. Längst nicht immer ist eine Operation aber die einzige oder beste Therapie. Die meisten Operationen nehmen Ärzte nach Angaben der DGE wegen einer Vergrößerung der Schilddrüse vor, die Spätfolge eines Jodmangels ist. In der vergrößerten Schilddrüse bilden sich häufig Knoten, die durch Tasten nicht von bösartigen Tumoren zu unterscheiden sind.
"Aufgrund der Befürchtung, dass sich daraus Krebs entwickelt, raten Kollegen hier mitunter voreilig zu einer Operation", erklärte Goretzki. Die diagnostischen Möglichkeiten würden teilweise nicht voll ausgeschöpft. Bei vielen Patienten helfe eine Behandlung mit Jod und Schilddrüsenhormonen oder eine Radiojodtherapie.
- Eine Überfunktion der Schilddrüse bringt den Körper aus dem Gleichgewicht. Ärzte wollen zwar die Beschwerden lindern, aber Nebenwirkungen vermeiden.
Corbis - Schilddrüse: Wann muss man eine Hormonstörung behandeln?
hei/AFP
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