Ein rätselhafter Patient Die seltsame Verwandlung des Herrn Z.

Ein 24-jähriger Chinese landet in der Psychiatrie, nachdem er plötzlich angefangen hat, zu schreien und in der Öffentlichkeit zu masturbieren. Wie kam es dazu?

Plötzlicher Verhaltenswandel
imago/ Thomas Eisenhuth

Plötzlicher Verhaltenswandel

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Es ist ein Abend im Juni, an dem Herr Z. plötzlich ausgesprochen unruhig wird. Der Student schreit, seine Eltern seien in Gefahr und er müsse sie retten. Kurz darauf masturbiert er in der Öffentlichkeit vor zwei Kommilitoninnen, weshalb er in die psychiatrische Notaufnahme eingeliefert wird.

Dort setzt sich sein ungewöhnliches Verhalten fort, heißt es in einem Fallbericht im Fachblatt "Neuropsychiatric Disease and Treatment". Er schreit die Krankenpfleger an, wenn sie das Licht in seinem Zimmer einschalten, berichten Da-Li Lu und Xiao-Ling Lin. Außerdem verlangt der 24-Jährige, man solle die Tür schließen und alle Vorhänge zuziehen.

Als sein Vater ins Krankenhaus kommt, greift er nach dessen Händen - als fürchte er, ihn zu verlieren. Herr Z. schläft die gesamte Nacht nicht, sondern ruft alle fünf Minuten den Namen seines Vaters, um sich zu vergewissern, dass der noch anwesend ist. Antwortet der Vater nicht, wird Herr Z. unruhig.

Ängste, aber keine Depression

24 Stunden lang messen die Ärzte mittels Elektroenzephalografie die Aktivität seines Gehirns. Doch ebenso wie bei einer Kernspintomografie des Organs zeigt sich nichts Ungewöhnliches. In der Familie gibt es keine Fälle psychotischer Störungen. Bei zwei psychologischen Tests gibt Herr Z. Auskunft, ihnen zufolge leidet er unter mittelschwerer Angst, aber nicht unter einer Depression. Weitere Tests verweigert der Patient.

Eine Blutuntersuchung zeigt, dass er bei der Einlieferung einen Blutalkohol von 30 Milligramm pro Deziliter hat, was in etwa 0,2 Promille entspricht. Alle anderen Blutwerte sind im normalen Bereich.

Die Ärzte gehen davon aus, dass er unter einer kurzen psychotischen Episode leidet und verabreichen ihm deshalb den Wirkstoff Quetiapin, ein sogenanntes atypisches Neuroleptikum. Das Mittel wird unter anderem bei Schizophrenie eingesetzt. Es dauert eine Woche, bis sich Herr Z. erholt und aus der Klinik entlassen werden kann. Eine weitere Woche später nimmt er sein Studium wieder auf. Das Medikament schluckt er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Alles scheint wieder gut.

Doch etwa 40 Tage später kehren die Symptome plötzlich zurück. Als er in die Klinik eingeliefert wird, ist er zu unruhig, um mit den Ärzten zu kommunizieren.

Was verbindet beide Ereignisse?

Etwa zehn Minuten vor dem ersten Vorfall hatte Herr Z. ein Bier (rund 0,2 Liter) getrunken. Vor dem zweiten hatte er sich eine ähnliche Menge Bier genehmigt. Erneut erhält Herr Z. Quetiapin und nach drei Tagen verbessert sich sein Zustand. Er erinnert sich nicht an alles aus diesen drei Tagen, aber an einiges.

Rund 30 Tage später wiederholt sich die Situation erneut: Nach dem Konsum von rund 0,15 Liter Bier rutscht Herr Z. in die nächste psychotische Episode.

Herr Z. habe in dem Vierteljahr vor dem ersten Vorfall nur wenige Male kleine Mengen Alkohol konsumiert, von Sucht oder Alkoholmissbrauch könne man nicht sprechen, heißt es im Fallbericht. Doch offensichtlich habe jeweils eine kleine Menge Alkohol ausgereicht, um die psychotischen Schübe auszulösen. Die Biere, die er getrunken hat, hatten alle einen Alkoholgehalt unter vier Prozent.

Die Ärzte sind sich allerdings nicht völlig sicher, wie sich die Situation erklären lässt. Möglicherweise beginne sich bei Herrn Z. eine Schizophrenie zu manifestieren, schreiben sie - und der Alkohol habe die damit verbundenen psychotischen Episoden gefördert. Vielleicht leide er auch unter einer Angststörung, die der Alkohol befeuert.

Auch wenn sie den genauen Grund nicht kennen, haben die Ärzte einen naheliegenden Ratschlag für Herrn Z.: Sie empfehlen ihm, künftig ganz auf Alkohol zu verzichten, was Herr Z. auch tut. In den folgenden drei Monaten hat er keine weiteren Schübe.

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