Schlafrhythmus "Für einen 16-Jährigen ist 8 Uhr Schulbeginn unzumutbar"

Warum sind Teenager morgens immer müde? Schlafforscher Göran Hajak erklärt, wie die innere Uhr die mentale Fitness beeinflusst. Und weshalb Betriebe auf Azubis Rücksicht nehmen sollten.

Ein Interview von

Müdigkeit: Viele Teenager haben mit frühem Aufstehen große Probleme
Corbis

Müdigkeit: Viele Teenager haben mit frühem Aufstehen große Probleme


Zur Person
Göran Hajak ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und leitet in Bamberg die Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Michelsberg mit den Schwerpunkten Psychotherapie und Schlafmedizin. Er ist Autor mehrerer Fachbücher zum Thema Schlafstörungen.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt den Ausspruch: "Der Schlaf vor Mitternacht ist der beste" - stimmt der?

Hajak: Der Satz wäre richtig, wenn er heißen würde: Der Schlaf der ersten Nachthälfte ist der wichtigste, weil man sich da den meisten Tiefschlaf holt. Das ist quasi der Pflichtschlaf, wenn man den hat, schläft man gut - aber das kann auch gut nach Mitternacht sein.

SPIEGEL ONLINE: Eine gute Nachricht für Menschen, die nie vor 24 Uhr ins Bett gehen.

Hajak: Das sind sogenannte Eulen. Sie wollen eher lange aufbleiben und dann ausschlafen. Andere Menschen sind Lerchen, sie gehen früh ins Bett, wachen um 4 Uhr auf und wollen dann aufstehen. Das ist individuell festgelegt und hängt von der inneren Uhr ab. Wir haben ein Nervenzellsystem, das taktet unseren Schlaf und steuert ihn.

SPIEGEL ONLINE: Woher weiß man, welcher Schlaftyp man ist?

Hajak: Die meisten Menschen wissen das. Wer unsicher ist, sollte im Urlaub mit verschiedenen Zeiten experimentieren und testen, mit welchem Rhythmus er am fittesten ist. Junge Menschen sollten versuchen, ihre Berufswahl danach auszurichten. Instinktiv machen das viele, aber manche nicht und die bekommen dann Probleme. Sie schlafen schlecht und sind leicht gestresst, weil ihr Biorhythmus nicht stimmt. Wer also bereits im Jugendalter oder als junger Erwachsener ein Frühaufsteher ist, der sollte nicht Nachtarbeiter werden.

SPIEGEL ONLINE: Viele Teenager wirken morgens verschlafen…

Hajak: Als Teenager werden die meisten Menschen Spätschläfer, das heißt: Im Alter von 16 bis 23 macht man gerne Nächte durch, um dann in den Tag hinein zu schlafen. Es ist eigentlich für einen 16-Jährigen unzumutbar, um 8 Uhr wach in der ersten Stunde zu sitzen. Der Lehrer der ersten Stunde kann davon ausgehen, dass Zweidrittel der Schüler bei offenen Augen nicht aufpassen. Das ist die Biologie, man kann wenig dagegen tun. Das ist wissenschaftlich gut untersucht. Mit 30 ist diese extreme Phasenverschiebung in der Regel wieder verschwunden.

SPIEGEL ONLINE: Warum beginnt die Schule bei uns trotzdem um 8 Uhr morgens?

Hajak: Wir Menschen haben eine Ignoranz für viele biologische Notwendigkeiten entwickelt. Wir meinen, uns mit moderner Technik über sie hinwegsetzen zu können. Wir haben Licht rund um die Uhr, damit ignorieren wir unsere natürlichen Bedürfnisse. Das führt dazu, dass einige Leute sagen: Wer lang schläft, leistet weniger.

SPIEGEL ONLINE: Demjenigen, der lang schläft, wird schnell das Etikett "faul" verpasst.

Hajak: Die Wissenschaft sagt, das stimmt nicht. Es geht darum, dem subjektiven Schlafbedürfnis und individuellen Schlafrhythmus nachzukommen, ohne in einen regelmäßigen Schlafentzug von mehr als einer Stunde pro Tag zu kommen. Faulheit hat mit viel oder wenig Schlaf nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Lehrer würden vielleicht sagen: Wenn Schüler morgens nicht ausgeschlafen sind, sollten sie abends eben nicht so lange aufbleiben.

Hajak: Die Antwort darauf ist, dass das kein Fehlverhalten der Schüler sein muss, sondern zu einem wesentlichen Teil biologisch bedingt ist. Selbst wenn man Teenager ohne Computer und Fernseher auf eine Insel schicken würde, hätten die meisten diesen Rhythmus. Warum, weiß niemand, aber es ist wohl genetisch bedingt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Studie mit Azubis hat ergeben, dass sie alle zu wenig schlafen, nur 6,5 Stunden.

Hajak: Wir müssen davon ausgehen, dass eine Vielzahl der Jugendlichen, die in die Schule gehen oder arbeiten, an einigen Stunden des Tages nur halb wach sind. Es ist schade, dass wir uns in den Berufsanforderungen wenig an diese Lebensbiologie anpassen können.

SPIEGEL ONLINE: Wir könnten schon. Aber die entscheidenden Leute wollen nicht?

Hajak: Mir ist klar, dass es schwierig ist, für Lehrlinge die Betriebsordnung umzugestalten. Aber es wäre wichtig, dass wir auf die jungen Leute Rücksicht nehmen. Man könnte bestimmt auch in Betrieben Lösungen finden. Zum Glück können junge Menschen verlorenen Schlaf gut nachholen. Die meisten Jugendlichen bauen in der Woche ein Schlafdefizit auf - aber sie können im Gegensatz zu Erwachsenen auch mal 14 Stunden durchschlafen.

SPIEGEL ONLINE: Warum können Erwachsene das nicht mehr?

Hajak: Weil deren innere Uhr über Jahre trainiert ist, sie zur gewohnten Zeit zu wecken - selbst wenn eigentlich Zeit zum Ausschlafen wäre, können die meisten Erwachsenen deshalb Schlaf nicht nachholen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 209 Beiträge
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Seite 1
steelman 19.01.2015
1.
Früh schlafen kann man schon lernen, man muss nur die Notwendigkeit einsehen und es wollen. keine Entschuldigung also. Wenn die Eltern früher aus dem haus gehen als die schulpflichtigen Kinder, wer achtet dann auf deren pünktlichen Start? Ja, später wäre allgemein nett, aber warum ist es so selbstverständlich, dass sich die Welt den Kindern immer und unter allen Umständen anpassen muss?
Thomas C 19.01.2015
2. Ach so
Nicht die Schule ist daran schuld, dass man dort nur Gedichte aber nichts fürs Leben lernt, sondern der Bio Rhythmus der Teenager. Habe jetzt verstanden.
bukanier56 19.01.2015
3. Einfach lächerlich...
Zu meiner Schulzeit (Jahrgang 1956) begann die Schule immer um 8:00 Uhr, Allersings habe ich auch nicht bis bis 24:00 Uhr mit meinen Freunden abgehangen. Außerdem war auch der Samstag ein ganz normaler Schultag. Um morgens früh fit zu sein reicht es einfach zeitiger ins Bett zu gehen um den entsprechenden Schlaf zu bekommen. Was wollen denn die Jugendlichen machen, wenn sie einmal in der Lehre sind. Glauben sie etwa, die Firmen würden alle um 11:00 Uhr vormittags anfangen ?
michibln 19.01.2015
4. Der ganz Frühaufsteherkult
Ist mir ein Rätsel. Ich habe ja früher selbst daran geglaubt: Morgenstund hat Gold im Mund. Ist aber ganz großer Blödsinn, liebe Kinder! Nach meiner Beobachtung stehen Leute, die im Leben viel erreicht haben eher später auf als der Durchschnittsmensch.
µPi 19.01.2015
5. Immer wieder die selbe L.
Wer spät ins Bett geht, ist morgens müde! Wer am Abend sich dem Medienwahn hingibt, kann zum Schulbeginn nicht fit sein. Egal wann die Stunden des Schlafes geholt werden, man benötigt diese 7-8 Stunden Ruhe in der Nacht. Wer immerwieder den Schulbeginn verschieben will, sollte nicht vergessen, dass dann der gesamte Tag verlängert werden müßte. Also trainieren wir frühzeitig den Tagesrythmus und gewöhnen uns an den natürlichen Tag/Nacht-Zyklus und nicht an den Takt der elektronischen "Helferlein".
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