Schlafstudie bei Urvölkern Kühl, dunkel, nicht zu lang

Wie schläft es sich ohne Lampen, Internet und Heizung? Um das herauszufinden, reisten Forscher zu drei Urvölkern. Die Erkenntnis: Ihr Schlaf ähnelt unserem - trotzdem können wir etwas lernen.

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Angehörige der San: Die Gruppe lebt in Namibia als Jäger und Sammler
Josh Davimes

Angehörige der San: Die Gruppe lebt in Namibia als Jäger und Sammler


Alle Tücken der Umwelt kann der moderne Mensch heute wegklicken. Geht die Sonne unter, schaltet er das Licht an. Wird es kalt, dreht er die Heizung auf. Und schwitzt er, rattert die Klimaanlage. Was den Alltag angenehmer macht, könnte jedoch eines der wichtigsten Dinge im Leben rauben: erholsamen Schlaf.

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts leiden sechs Prozent der Deutschen unter einer ernsthaften Schlafstörung. Fast jeder kennt das Gefühl, sich von links nach rechts zu wälzen, während er vor seinem inneren Auge Schäfchen zählt. Um das zu vermeiden, listen Experten Regeln der guten Schlafhygiene auf, Pharmafirmen vermarkten Tabletten.

Wie aber schläft der Mensch, wenn er nicht von Vorsätzen und Techniken geleitet wird, sondern von der Natur? Um das herauszufinden, reisten Forscher um Gandhi Yetish von der University of New Mexico zu drei Urvölkern in der afrikanischen und südafrikanischen Wildnis, wie sie in der Fachzeitschrift "Current Biology" berichten:

  • den Hadza in Tansania, die bis heute von dem leben, was sie erjagen und sammeln;
  • den San in Namibia, die ebenfalls als Jäger und Sammler in der Kalahari-Wüste wohnen;
  • und den Tsimane, die in Bolivien an den Ausläufern der Anden jagen und gärtnern.

Wie schlafen Menschen ohne Licht, Heizung, Fernseher?

Mithilfe von Armbändern beobachten die Forscher 94 Erwachsene insgesamt 1165 Tage lang. Sie dokumentierten, wann sich die Teilnehmer hinlegten, wann sie aufstanden und wie viel Licht sie in der Zeit ausgesetzt waren. Daneben befragten sie alle Teilnehmer, wie sie geschlafen haben und wie müde sie sich fühlen. Dabei erlebten sie die erste Überraschung.

In keiner der drei Gruppen existierte ein Wort für Schlafstörungen - wahrscheinlich, weil das Phänomen in den Gemeinschaften sehr selten ist. Nach Umschreibungen berichtete zwar jeder 20., dass er schon mal nicht einschlafen konnte; knapp jeder Zehnte kannte Schwierigkeiten beim Durchschlafen. Allerdings traten die Probleme nur bei jedem Dritten davon regelmäßig auf, zum Beispiel mehrmals im Jahr.

Auch die Auswertung der Schlafdauer überraschte die Forscher. Obwohl die Angehörigen aller drei Gruppen kein elektrisches Licht hatten, das sie wachhielt, kein Internet, keine Heizung und keinen Fernseher, schliefen sie selbst für die Maßstäbe moderner Gesellschaften verhältnismäßig kurz. Im Durchschnitt ruhten sie pro Nacht 6,4 Stunden, im Winter knapp eine Stunde länger, im Sommer knapp eine Stunde kürzer.

Durchschnittliche Nacht: Etwas mehr als sechs Stunden

"Es gibt die Erwartung, dass jeder pro Nacht acht oder neun Stunden schlafen sollte", sagt Yetish, der zehn Monate mit den Tsimane verbrachte, laut einer Mitteilung. "Und dass viele Menschen länger schlafen würden, wenn man ihnen die modernen Technologien wegnehmen würde. Wir haben zum ersten Mal zeigen können, dass das so nicht stimmt."

Zumindest bei den untersuchten Stämmen scheint die geringe Schlafdauer keine negativen Folgen für die Gesundheit zu haben. Zwar leiden alle drei Gruppen unter einer relativ hohen Kindersterblichkeit, vor allem durch Infektionskrankheiten. Erwachsene aber haben einen niedrigeren Blutdruck, seltener verkalkte Arterien und sind allgemein fitter als Bewohner der modernen Welt. Viele werden 60, 70, 80 Jahre alt oder sogar noch älter, heißt es in der Studie. Dies liegt jedoch wahrscheinlich nicht nur am Schlaf, sondern insgesamt an ihrem aktiven Lebensstil.

Bei ihren Schlafzeiten ließen sich die Mitglieder aller drei Gruppen, obwohl sie an so unterschiedlichen Orten lebten, eher von den Temperaturen leiten als vom Licht. Alle gingen, wie die Menschen in modernen Gesellschaften, erst lange nach Sonnenuntergang ins Bett, in der Regel drei Stunden. Dafür standen sie sehr früh wieder auf; meistens wenn die Tagestemperatur ihren Tiefpunkt erreicht hatte - dies war bei den San im Winter vor und im Sommer nach dem Sonnenaufgang.

Orientierung an den Temperaturen

"In mancher Hinsicht ähnelt der Schlaf der traditionellen Völkern dem Schlaf der industrialisierten Gesellschaft mehr als bisher angenommen", schreiben die Forscher. Unterschiedlich sei vor allem die Schlafqualität. "Wenn man die Umgebung zum Teil danach gestalten könnte, wie sie vor der Industrialisierung war, könnte sich das möglicherweise positiv auf Schlaf und Schlafstörungen in der industrialisierten Bevölkerung auswirken."

Ein paar der Verhaltensweisen der Urvölker finden sich tatsächlich in den modernen Regeln guter Schlafhygiene wieder. So raten Experten zum Beispiel, nicht in überheizten Räumen zu schlafen. 18 bis 21 Grad seien ideal, sagt Göran Hajak im Interview. Die perfekte Schlafdauer sollte man nicht von einer Stundenzahl abhängig machen, sondern davon, wie müde man sich tagsüber fühlt. Und auch vor zu grellem Licht warnt er. Die Hadza, San und Tsimane saßen zwar alle abends noch am Feuer. Allerdings glimmte das so schwach, dass ihre Armbänder kaum Licht meldeten.

Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.



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insgesamt 19 Beiträge
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Friedrich Hattendorf 18.10.2015
1. Halbstarke? Nickerchen?
Beobachtet wurde ja wohl nur Erwachsene. Für unsere Diskussion um Schul-Anfangszeiten würde mich interessieren, ob Unterschiede zu Pubertierenden beobachtet wurde. Und: machen die Erwachsenen auch zwischendurch mal ein Nickerchen?
kritiker111 18.10.2015
2. Nixx neues!
Heizung im Schlafzimmer ist so und anders ein no-go, meine Suesse hat trotzdem nicht mal kalte Fuesse. Internet oder TV braucht kein Mensch im Schlafzimmer... und Licht eigentlich auch nicht (zumindest zum Schlafen)... Und laenger als fuenf, sechs Stunden brauchen wir auch nicht schlafen. Man will ja nicht das Leben verpennen. Klappt bei uns seit ueber vierzig Jahren so... und wir sind mit 60 bzw. 64 noch absolut fit!
siebke 18.10.2015
3. Bewegung!
Ich denke auch das diese "Urvölker" sich viel mehr körperlich Bewegen, den ganzen Tag. Sowie sich auch eine kleine "Mittagsruhe" können.
wanderer777 18.10.2015
4. Ach ne
Der Hauptunterschied ist wohl der, das Urvölker nicht morgens um 8.00 im Büro sitzen müssen, sondern eben jagen, wann immer sie essen benötigen. Der wirklich schuldige für unseren kranken Lebensstil ist der Zwang, nach der Uhr zu leben, und nicht nach unseren Bedürfnissen.
michel-watcher 18.10.2015
5. Stressfaktoren
Stress, volle Terminkalender, Zeitdruck, Geldsorgen etc. sind doch häufige Schlafkiller. Und kommt er dann, ist er wenig erholsam, zumal, wenn durch Pharmazeutika, sedierendes THC oder Alkohol herbeigerufen wird. Körperlich kaum ausgelastet und wenn, dann extrem über Sport, ist das Hauptorgan des modernen Menschen das Hirn gekoppelt an Maus- und Tastenhand, überflutet mit Bildern, Tönen und Inhalten. Und dann die Starre der Strukturen. Termine sind per se fixiert, müssen eingehalten werden, egal, ob es regnet oder schneit, ob jmd. fit ist oder müde. Bei uns steht das System an erster Stelle und auch, wenn Urvölker auch Absprachen treffen und 'Termine' haben, so sind diese überschaubar und weitaus weniger penibel. Da Schlafstörungen aus einem (durch physische, transmittermanipulierte, soziale oder psychisch hervorgerufenes) Ungleichgewicht der Antagonisten Sympathicus und Parasympathicus resultieren, was nur ganzheitlich wirklich 'gefixt' werden kann und nicht nur über 'Workarounds', würde das bedeuten, mehr Schwankungen zuzulassen, mehr körperliche Aktivitäten zu verteilen und den Menschen weniger als Maschine zu betrachten. Wir sind so weit weg vom Elementaren, kommen wir dem wieder näher, schlafen wir auch wieder besser und brauchen dann auch weniger Schlafzeit.
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