Neue Therapie Wie Ärzte jetzt mehr Schlaganfall-Patienten helfen können

Bislang galten nach einem Schlaganfall enge Zeitlimits, in denen das gefährliche Gerinnsel noch entfernt werden kann. Neue Studien zeigen: Auch ein später Eingriff kann die Heilungschancen erheblich erhöhen.

Schlaganfall: Bei einem Eingriff an den Hirngefäßen kontrolliert der Arzt, wo das Gerinnsel steckt
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Schlaganfall: Bei einem Eingriff an den Hirngefäßen kontrolliert der Arzt, wo das Gerinnsel steckt

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In vielen Fällen erreichen Schlaganfall-Patienten die Klinik zu spät. Die einen nehmen die Symptome nicht ernst oder ordnen sie falsch ein, die anderen wachen morgens überraschend mit Lähmungen oder Sprachstörungen auf. Zu spät ist es dann meist für Therapien, die das verstopfende Blutgerinnsel entfernen. Denn dafür dürfen normalerweise nicht mehr als sechs Stunden seit dem Schlaganfall vergangen sein.

Das galt zumindest bislang: Nun berichten US-Wissenschaftler im "New England Journal of Medicine" , dass Patienten noch bis zu 16 Stunden nach einem Schlaganfall von der sogenannten Thrombektomie profitieren können. Dabei schiebt der Arzt einen Katheter von der Leiste aus durch die große Körperschlagader bis ins Gehirn und zieht das Blutgerinnsel heraus, das die Hirnarterie verstopft.

Ausgewählte Schlaganfall-Patienten

Zwar kommt nicht jeder, der einen Schlaganfall erleidet, für die späte Therapie infrage: Der Infarkt darf aufgrund der Blutungsgefahr nicht zu groß und muss von relativ viel Gewebe umgeben sein, das sich voraussichtlich wieder erholen kann. Das müssen Ärzte mit CT- oder Kernspintomografie-Aufnahmen ermitteln, bei denen die Durchblutung gemessen wird.

Wer operiert werden darf, hat anschließend deutlich bessere Heilungschancen. Denn anders als bislang angenommen, können die unterversorgten Nervenzellen auch viele Stunden nach dem Schlaganfall noch gerettet werden.

Für ihre Studie hatten die Forscher 182 Patienten mit den entsprechenden Kriterien aus 38 US-Kliniken zufällig zwei Gruppen zugeordnet: Bei den Teilnehmern der ersten Gruppe wurden die Blutgerinnsel in der Zeit zwischen sechs und 16 Stunden, nachdem sie das letzte Mal wohlauf gewesen waren, mit dem Katheder entfernt. Zusätzlich bekamen sie die medikamentöse Standardtherapie. Die zweite Gruppe wurde nur mit Medikamenten behandelt.

In einem frühen Stadium - bis zu viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall - versuchen Ärzte, das Gerinnsel mit Medikamenten aufzulösen, danach ist dies nicht mehr zu empfehlen. Weil die Teilnehmer der Studie aber zu spät für diese Maßnahme in die Klinik kamen, erhielten sie lediglich Medikamente, die das Entstehen weiterer Gerinnsel unterdrücken.


Wer hat's bezahlt?

Die Studie wurde vom NIH (National Intitutes of Health) mit Geldern vom "StrokeNet", einem Netzwerk aus 300 US-Kliniken, finanziert.


Die Probanden der ersten Gruppe hatten drei Monate später deutlich weniger schwere Folgeschäden als die Teilnehmer der zweiten Gruppe. Auch starben in der ersten Gruppe weniger Teilnehmer als in der zweiten. Die Ergebnisse waren so eindeutig, dass die Wissenschaftler um den Neurologen Gregory Albers von der Stanford University (US-Bundesstaat Kalifornien) die Untersuchung vorzeitig abbrechen mussten, um Patienten die bessere Therapie nicht vorzuenthalten.

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"Die Studie wird einen deutlichen Einfluss darauf haben, wie wir in Schlaganfallzentren über die Therapie entscheiden", sagt Armin Grau, Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. "Wir werden mehr Menschen mit dem Kathetereingriff helfen können." Beim Herzinfarkt ist die Öffnung des verschlossenen Blutgefäßes mit Hilfe eines Katheters bereits seit Längerem eine Standardbehandlung.

In Deutschland schon angewendet

Bereits eine weitere Untersuchung hatte kürzlich nahegelegt, dass bestimmte Patienten auch zu einem späteren Zeitpunkt noch von einer Thrombektomie profitieren. "Mit den jetzt veröffentlichten Daten haben wir eine noch bessere Entscheidungsgrundlage", sagt Grau.

Auch in Deutschland wurde der späte Eingriff bereits in ausgewählten Fällen ausprobiert: Am Universitätsklinikum Heidelberg etwa seien in den Jahren 2016 und 2017 schon 44 ausgewählte Schlaganfall-Patienten später als sechs Stunden nach Auftreten der Symptome so behandelt worden, berichtet Peter Ringleb, Sektionsleiter Vaskuläre Neurologie. "Das Festhalten an strengen Zeitfenstern ist nicht sinnvoll", meint Ringleb, der die deutsche Leitlinie zur Akuttherapie des Schlaganfalls mitverfasst und darin bereits festgehalten hat, dass es Ausnahmen von der 6-Stunden-Regel gibt.

Auch wenn jetzt noch mehr Patienten mit einem Gefäßeingriff behandelt werden können, ändert sich eines allerdings nicht: "Es ist und bleibt wichtig, bei Schlaganfallsymptomen so schnell wie möglich in die Klinik zu kommen", sagt Neurologe Grau. "Je früher ein Patient kommt, umso besser sind die Ergebnisse für seine Gesundheit."

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insgesamt 5 Beiträge
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albertusseba 26.01.2018
1. Ganz wichtig für jeden ab 50 Jahren
sich die Symptome einzuprägen, um schnell handeln zu können im Falle eines Falles.
zisgacha 26.01.2018
2. Leben um jeden Preis?
Ich frage mich, ob ich diese Operation möchte. Okay, klar wer kommt schon mit seinem Tod klar? Speziell, wenn er so ultimativ vor einem steht. Aber was, wenn es doch zu spät war? Wäre ich bereit, die nächsten Jahre als sowohl physich, wie psychisch, teil - oder völlig parallisierter Restmensch, als statistisch Ueberlebender, vor mich hinzugammeln?
spon667 26.01.2018
3.
Zitat von zisgachaIch frage mich, ob ich diese Operation möchte. Okay, klar wer kommt schon mit seinem Tod klar? Speziell, wenn er so ultimativ vor einem steht. Aber was, wenn es doch zu spät war? Wäre ich bereit, die nächsten Jahre als sowohl physich, wie psychisch, teil - oder völlig parallisierter Restmensch, als statistisch Ueberlebender, vor mich hinzugammeln?
Diese Frage stellt sich tatsächlich bei einigen medizinischen Behandlungen, nicht aber bei der hier besprochenen Thrombektomie des vorderen Hirnkreislaufs. Unbehandelt stirbt nur ein kleiner Teil der Patienten, die meisten sind mehr oder weniger schwer körperlich eingeschränkt. Das tolle an dieser Therapie: Mit der Thrombektomie gibt es sowohl noch weniger Tote als auch weniger körperlich eingeschränkte Patienten. Also gilt hier das Gegenteil: wer nicht behandelt wird, hat eine größere Chance, den von Ihnen beschriebene Zustand zu erleiden.
chalchiuhtlicue 26.01.2018
4. @zisgacha
Zitat von zisgachaIch frage mich, ob ich diese Operation möchte. Okay, klar wer kommt schon mit seinem Tod klar? Speziell, wenn er so ultimativ vor einem steht. Aber was, wenn es doch zu spät war? Wäre ich bereit, die nächsten Jahre als sowohl physich, wie psychisch, teil - oder völlig parallisierter Restmensch, als statistisch Ueberlebender, vor mich hinzugammeln?
Vlt. sollten sie mal den Heulmodus ausschalten und dann noch einmal in Ruhe den Artikel lesen, denn sie haben NICHTS von dem Geschriebenen verstanden. Das fängt mit dem von ihnen verwendeten Begriff "Operation" an und mündet in einem "parallelisiertem Restmensch" (was, außer dummen Gelaber, soll das eigentlich sein?). Und für den Fall, dass auch ein zweites Lesen nicht hilft: Kein Problem, wenn sie moderne Therapien nicht wünschen und lieber den Schlaganfall mit seinen Folgen unbehandelt hinnehmen wollen: Ihr Problem - im wahrsten Sinne des Wortes.
kratzdistel 27.01.2018
5. ihnen fehlt noch aufklärung
Zitat von zisgachaIch frage mich, ob ich diese Operation möchte. Okay, klar wer kommt schon mit seinem Tod klar? Speziell, wenn er so ultimativ vor einem steht. Aber was, wenn es doch zu spät war? Wäre ich bereit, die nächsten Jahre als sowohl physich, wie psychisch, teil - oder völlig parallisierter Restmensch, als statistisch Ueberlebender, vor mich hinzugammeln?
erstens ist es rechtlich ab 18 jahren wichtig, in einer vorsorgevollmacht und patienverfügung festzulegen, wer über sie entscheidet und wie mit ihnen verfahren werden soll, wenn sie selber nicht entscheiden können. die folgen eines schlaganfalles sind nicht so einfach zum Zeitpunkt der Entscheidung zu prognostizieren. durch die thrombektomie können schwere folgen deutlich reduziert werden. auch bei der lysebehandlung, die immer noch in den meisten fällen bei nicht zugänglichen hirnarterien angewendet wird, können schwere Spätfolgen verhindert werden. viele verlassen schon nach wenigen Wochen fast geheilt die rehaklinik und andere nicht.die thrombektomie wird nicht nur bei Gerinnseln erfolgreich eingesetzt sondern auch bei Schlaganfällen durch Hirnblutungen. da wird dann die blutende Arterie gestillt. man sollte unterscheiden zwischen roten und weißen schlaganfällen. beim weißen verstopft ein thrombus eine ader im gehirn so analog wie beim herzinfarkt.eine jüngere bekannte hatte einen schweren Schlaganfall durch eine hirnblutung und ist heute ohne gehhilfen mobil und nimmt mit freuden am leben teil. auch z. b.bei einer Bypass-op am herzen können sich Plaque lösen und einen weißen Schlaganfall verursachen. Herzrhythmusstörungen, diabetes sind häufige ursachen der weißen und hoher blutdruckanstieg der roten schlaganfälle. unser Gehirn lernt auch immer neu. durch entsprechende zeitnahe Physiotherapie, logopädie können die noch nicht geschädigten zellen über synaptische Verbindungen Defizite ausgleichen. schlaganfälle sind auch im jüngeren alter nicht selten.deshalb sollten sie ihre pessimistische einstellung aufgeben.
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