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Notfall-App: Beim Schlaganfall zählt jede Sekunde

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Schlaganfall-App: Hilfe im Notfall Fotos
Corbis

Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen in den Armen und Beinen und herabhängender Mundwinkel: Viele Deutsche kennen die typischen Schlaganfall-Anzeichen, wissen aber nicht, was im Notfall zu tun ist. Eine neue App soll helfen.

"Jede Sekunde zwischen Schlaganfall und Erst-Therapie kostet den Betroffenen schätzungsweise 30.000 Nervenzellen im Gehirn", sagt der Neurologe Andreas Straube, Leiter der Neurologischen Poliklinik am Klinikum Großhadern in München. Nach dem Vorfall ist deshalb Eile geboten. Ob Anwesende und Betroffene richtig handeln, kann darüber entscheiden, wie sehr jemand später mit den Folgen des Schlaganfalls zu kämpfen hat.

Laut einer Studie der Max-Planck-Gesellschaft sind die Symptome des Hirnschlags der Bevölkerung zwar mehr oder weniger bekannt, aber es fehlt an Handlungswissen. Nur ein Drittel aller Deutschen würde einen Krankenwagen rufen. "Ein Problem kann hier auch sein, dass Schlaganfälle gehäuft nachts auftreten", sagt Straube. "Die Betroffenen merken zwar, dass etwas nicht in Ordnung ist, legen sich aber wieder ins Bett, um weiterzuschlafen."

Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe nahm die Wissenslücken zum Schlaganfall zum Anlass, eine App für Smartphones und Tablet-Computer (mit den Betriebssystemen iOS und Android) entwickeln zu lassen. Die Anwendung soll die Betroffenen im Notfall bei einer schnellen Deutung der Symptome unterstützen und vor allem die Scheu nehmen, einen Notarzt zu rufen. Sie lässt sich kostenlos über den Apple App-Store oder den Google Play-Store herunterladen.

15 Prozent der Schlaganfall-Patienten jünger als 45

Mit Hilfe des sogenannten FAST-Tests bietet die App die Möglichkeit, einen Schlaganfall zu erkennen. Das Wort FAST (englisch für "schnell") steht dabei für Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit). Die Notrufnummer 112 kann direkt aus dem Programm gewählt werden. Darüber hinaus liefert die Anwendung Informationen rund um das Thema Schlaganfall und bietet Checklisten, etwa zu den Themen Krankenhausaufenthalt, Rehakliniken, Autofahren, Reisen und Hilfsmittel.

Etwa 15 Prozent aller Schlaganfallpatienten in Deutschland sind jünger als 45 Jahre - circa 25.000 Menschen. Dennoch beschäftigt sich diese Altersgruppe wenig mit der Thematik. Ex-Profi-Boxer Axel Schulz erlitt mit 37 Jahren einen Schlaganfall. Ohne eine Ahnung davon, dass auch junge Menschen einen Schlaganfall bekommen können, ließ er sich zum Hausarzt fahren. Erst danach ging er in eine Klinik. Vergeudete Zeit, wie er heute findet, obwohl er Glück hatte. Als Sonderbotschafter der Deutschen Schlaganfall-Hilfe möchte er verhindern, dass andere Betroffene denselben Fehler machen und wirbt dafür, die kostenlose App herunterzuladen.

Glück hatte auch Steffi Haas (Name geändert - d. Red.), als sie mit 27 Jahren in einem Berliner Schwimmbad einen Schlaganfall erlitt. Ein aufmerksamer Arzt war mit seinem kleinen Sohn zufällig ebenfalls im Schwimmbad und erkannte sofort den Ernst der Situation. Der rechte Arm der Grafikerin war zunächst gelähmt. Dank des schnellen Handelns des ärztlichen Ersthelfers und der Reha bildeten sich alle Beschwerden weitestgehend zurück. Ursache für den Schlaganfall war ein bis dahin unerkannter genetischer Defekt der Blutgerinnung, den die junge Frau jetzt durch die Einnahme eines Medikaments ausgleicht.

Anzeichen erkennen und handeln

Etwa 10 bis 20 Prozent aller schwerwiegenden Schlaganfälle ließen sich vermeiden, da sie sich Wochen oder Tage vorher durch eine flüchtige Durchblutungsstörung des Gehirns ankündigen. Mediziner bezeichnen dieses Ereignis als transitorisch ischämische Attacke (TIA). Die Betroffenen entwickeln für wenige Minuten bis hin zu einer Stunde dieselben Symptome, die bei einem "großen Schlaganfall" auftreten. Dazu gehören akuter Sprachverlust, eine Schwäche in Armen und Beinen, Lähmungen oder vorübergehende halbseitige Sehstörungen.

Wer einen derartigen "kleinen Schlaganfall" hat, sollte umgehend einen Arzt oder sogar eine Stroke Unit aufsuchen, eine auf die frühe Versorgung von Schlaganfällen spezialisierte Krankenhausabteilung. "Je älter der Betroffene ist und je mehr Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Arteriosklerose, Vorhofflimmern und Herzklappenfehler vorliegen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass schon bald ein großer Schlaganfall folgt", sagt Straube.

Auch nach einem ersten Herzinfarkt muss man laut Straube besonders wachsam sein, weil etwaige kleine Blutgerinnsel aus dem Herzen ins Gehirn geschwemmt werden können. "Ein Herzinfarkt ist auch immer ein Zeichen einer Gefäßerkrankung, die auch das Gehirn betreffen kann", so der Münchner Mediziner.

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insgesamt 34 Beiträge
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1. wer zahlt...
shaun_das_schaf 17.04.2014
...wenn ich den krankenwagen rufe, und es KEIN schlaganfall war?
2. @shaun_das_schaf
niedersacher 17.04.2014
Wenn kein mutwilliger Missbrauch des Notrufs stattgefunden hat, keiner! Nennt sich versuchter Transport im Rettungsdienst.
3. Im Erstnfall
137 17.04.2014
Mein Vater erlitt vor einiger Zeit eine transiente, globale Amnesie. Was zu diesem Zeitpunkt aber niemand wusste. Seine Situation wirkte für mich wie ein möglicher Schlaganfall. In so einem Fall zählt jede Minute. Ich habe also sofort einen Krankenwagen gerufen. Obwohl die Rettungssanitäter nicht in der Lage waren, einen Schlaganfall auszuschließen, weigerten sie sich mit meinem Vater ins Krankenhaus zu fahren, solange ich nicht seine Versichertenkarte gefunden habe. Wofür ich, in völliger Panik, eine ganze Weile brauchte, schließlich wusste ich nicht, wo mein Vater diese aufbewahrte und wühlte mich also hektisch durch den Schreibtisch. Mein Vater war ja nicht ansprechbar. Seitdem weiß ich durch aufmerksame Lektüre, im Falle eines Schlaganfalles muss sofort gehandelt werden. Dies ist aber oft nicht möglich, denn Versichertenkarte geht vor Patient.
4.
CancunMM 17.04.2014
Zitat von shaun_das_schaf...wenn ich den krankenwagen rufe, und es KEIN schlaganfall war?
Die Krankenkasse ! Man kann von Ihnen ja kein medizinisches Studium verlangen !
5. Eigene Erfahrung,
bambus 17.04.2014
wenn das KH erreichbar ist, sich sofort hinfahren lassen, und wenn in der Nachbarstadt eines mit Stroke-Unit ist dorthin! Nicht auf den Krankenwagen warten! Mein letzter Schlaganfall wurde erst nach 1,5 Tagen als solcher erkannt. Der Artikel ist zudem nicht ganz korrekt - diese sogenannten TIA (transitorische...) sind ein echter Schlaganfall, nur bilden sich die Symptome von selber nach kurzer Zeit zurück. Nach dem erkannten Schlaganfall wurde festgestellt, das ich schon früher 2x einen Schlaganfall hatte, nur wurde es damals (ca. 15 Jahre her, vor dem 35 Lebensjahr!) auch in einer Uniklinik nicht als Solcher erkannt sondern als sehr schwere Migräneattacke diagnostiziert (halbseitiger Sehfeldausfall). Im MRT fanden sich dann 2 alte Stellen im Gehirn, die nicht mehr durchblutet waren... Ich bin sehr froh, das es Marcumar gibt!
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Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

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