Ein rätselhafter Patient Der Nacken steif, das Schlucken schmerzhaft

Mit starken Schmerzen kommt ein 54-Jähriger in die Notaufnahme. Während die Ärzte noch nach der Ursache suchen, bekommt der Mann zusätzlich Kopfweh. Die Mediziner sind alarmiert.

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Seit fünf Tagen ist der Nacken des 54-jährigen Mannes steif und schmerzt. Wenn er schluckt, tun ihm die Halsmuskeln weh. Öffnet er den Mund, werden die Schmerzen schlimmer. Als er eine Notfallpraxis aufsucht, wird ihm ein Schmerzmittel gespritzt. Doch das lindert die Beschwerden nur kurzzeitig. Am Tag darauf stellt er sich in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Allentown (US-Bundesstaat Pennsylvania) vor.

Der Patient hat kein Fieber. Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und Körpertemperatur sind im normalen Bereich, wie Tyag Patel und James Weis im "American Journal of Emergency Medicine" berichten. Die Ärzte fragen den Mann, ob er unter Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Nachtschweiß, Übelkeit oder Erbrechen leidet oder kürzlich litt. Er verneint alles. Ist er lichtscheu? Auch das ist nicht der Fall.

Die Beweglichkeit seines Halses ist weiterhin merklich eingeschränkt. Die Zahl der weißen Blutkörperchen ist leicht erhöht, was unter anderem auf eine Infektion deuten kann.

Um auszuschließen, dass sich der Mann etwas gebrochen hat, fertigen die Mediziner ein Röntgenbild der Halswirbel an - alles sieht normal aus.

Jetzt auch noch Kopfschmerz

Während der Patient in der Notaufnahme ist, bekommt er dann doch Kopfschmerzen. Die Ärzte entscheiden sich deshalb, gleich mehrere bildgebende Verfahren anzuwenden: Sie untersuchen den Kopf mittels Computertomografie (CT), das Gehirn per Magnetresonanztomografie (MRT) sowie Hals und Nacken mit einer Magnetresonanzangiografie, die die Blutgefäße darstellt. Denn auch eine Blutung könnte den Problemen zugrunde liegen. Doch keines der drei Verfahren liefert einen auffälligen Befund.

Weil sich die Nackenschmerzen des Mannes weiter verschlimmern, fürchten die Ärzte, dass er eine Meningitis hat, also eine Entzündung der Hirn- und Rückenmarkshäute. Meist sind Viren oder Bakterien dafür verantwortlich. Um dies genauer abzuklären, entnehmen die Mediziner dem Mann etwas Rückenmarksflüssigkeit - die dafür notwendige Lumbalpunktion kann für Patienten unangenehm sein. Zur Sicherheit geben sie dem Mann umgehend drei verschiedene Antibiotika. Weil eine von Bakterien verursachte Meningitis unbehandelt schnell lebensbedrohlich ist, wartet man nicht auf den Laborbefund.

Doch noch ist die Suche nach der Diagnose nicht abgeschlossen.

Im Rachenraum hat der Mann keine erkennbare Schwellung. Die Ärzte schließen auch aus, dass eine Krebserkrankung oder ein Abszess die Beschwerden verursacht.

Verdächtige Ablagerungen

Sie fertigen nun noch ein MRT des Hals- und Nackenbereichs an, um beurteilen zu können, ob der Ursprung des Problems im Weichgewebe, also etwa in den Muskeln, zu finden ist. Hier entdecken sie eine Auffälligkeit: Eine Schwellung vor einem Wirbel, in der sich möglicherweise Kalkverbindungen abgelagert haben. Ein CT des Nackens bestätigt dies. Die Ablagerungen befinden sich am linken langen Halsmuskel, dem sogenannten Musculus longus colli, auf der Höhe des obersten Halswirbels.

Damit stellen die Ärzte die Diagnose: Der Patient leidet unter einer Tendinitis des langen Halsmuskels - die zum Muskel gehörende Sehne hat sich entzündet, was mit Kalkablagerungen einhergehen kann. Die Entzündung erklärt, warum der Mann nur unter Schmerzen schlucken und den Hals kaum bewegen kann.

Die Mediziner verabreichen ihm verschiedene Medikamente, um die Entzündung zu bekämpfen. Sie empfehlen dem Patienten, weiterhin einen rezeptfreien nicht steroidalen Entzündungshemmer einzunehmen. In diese Gruppe fallen viele bekannte Schmerzmittel, darunter die Wirkstoffe Ibuprofen, Diclofenac und Acetylsalicylsäure. Mit diesem Ratschlag entlassen sie den Patienten.

Anderen Ärzten empfehlen sie, diese seltene Ursache für Nacken- und Kopfschmerzen auszuschließen, ehe sie Rückenmarksflüssigkeit entnehmen und eine auf Verdacht beruhende Antibiotikagabe beginnen - beides war in diesem Fall im Nachgang betrachtet unnötig. Ungleich wichtiger war jedoch, die lebensbedrohliche Meningitis auszuschließen. Aus diesem Grund fragen sie den Patienten auch, ob er lichtscheu ist - dies kann nämlich eines der Symptome einer Hirnhautentzündung sein.

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insgesamt 26 Beiträge
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wolke:sieben 13.08.2017
1. Kann es sein?
...dass es sich um einen eingebildeten Kranken handelt, von denen es z. Z. sehr viele gibt??
HansPa 13.08.2017
2. Aha
Und das alles in den USA? Laut deutsche Medien hat doch kaum einer dort eine Krankenversicherung. Man muss alles selbst bezahlen und das können sich die wenigsten leisten. Und nun so was?
Neurologin 13.08.2017
3. Gefährliche Empfehlung
Das Fazit an die breite, zum großen Teil vermutlich medizinisch nicht gebildete Leserschaft, ERST das Harmlose auszuschließen bevor man eine dreifach- Antibiose gibt (und/oder eine Nervenwasseruntersuchung macht) halte ich für gefährlich und kontraproduktiv. Kopf- und Nackenschmerzen mit einer Erhöhung der weißen Blutzellen können den Beginn einer lebensgefährlichen Gehirn- oder Hirnhautentzündung anzeigen. Diese nicht oder mit Verzögerung zu behandeln ist lebensbedrohlich, ggf. tödlich, kann aber auch zu anhaltenden schwersten Behinderungen führen. Es gibt Leitlinien , z.B. der deutschen Gesellschaft für Neurologie, wie man vorzugehen hat, wenn man eine Meningitis vermutet. Die Frage nach Lichtscheu ist kein "hartes" Kriterium. In der Notaufnahme werden zunächst die akuten und schlimmsten Erkrankungen in Betracht gezogen und ggf. so schnell wie möglich (an)behandelt- und das ist richtig so. NOT-Aufnahme, NOTwendiges wird NOT-fällig entschieden. Hinzu kommt, dass auch eine Entzündung der Wirbelkörper ebenfalls differenzialdiagnostisch in Betracht kommt, die lebensbedrohlich verlaufen kann oder z.B. zu Querschnittslähmung führen kann, so dass eine erste Gabe von Antibiotika auch hier Therapie der Wahl wäre. Zudem kenne ich keine Klinik, die zuverlässig Kapazität hat, 3 MRT Untersuchungen für denselben Patienten an einem Tag, am besten innerhalb der ersten Stunde nach Eintreffen des Patienten durchzuführen- alleine technisch dürfte die Zeitspanne überschritten werden (MRT Gehirn, MRT Halswirbelsäule und MRT Halsweichteile). Gut und richtig an dem Fall ist, dass die Antibiotika nicht unnötig lange gegeben wurden, nachdem die "wahre" Ursache der Nackenschmerzen gefunden waren. Das und dass bei nicht typischem Verlauf (kein Fieber, kein allgemeines Krankheitsgefühl) die Ursachenforschung nicht mit Anbehandlung abgeschlossen war sind für mich das Fazit aus dem Fall, das es zu verbreiten gilt. Alles andere führt aus meiner Sicht zur gefährlichen Incompliance der Patienten-Generation "Dr. Google".
f.loefke 13.08.2017
4. Diesen ' rätselhaften Patient' habe ich jeden Tag in meiner Praxis
Als Orthopäde und Osteopath behandel ich täglich Patienten mit akuten Halsbeschwerden. Mit fast genau diesen Beschwerden, zumindest ähnlichen. Fazit: der Mann hatte eine Funktionsstörung der Halswirbelsäule, eine s.g. Blockade. Diese lässt sich nur ertasten oder durch manuelle Untersuchungen bestätigen. Sämtliche bildgebenden Vefahren incl. Labor führen hier zu keinem Ergebnis. Im Gegenteil: man bringt den Patienten unnötig in Gefahr durch eine Punktion des Wirbelkanals, Strahlenbelastung etc. Ebenso unsinnig die prophylaktische Gabe von Antibiotika. Letztendlich kommt man dann auch noch zu einer falschen Diagnose. Nicht die Verkalkung war es, sondern der typische Muskelspasmus ( auch im Sehnenansatzbereich) im Bereich der ' Blockade'. Der Kenner dieses Beschwerdebildes spricht mit dem Patienten vorher über das Entstehen, den zeitlichen Ablauf ausführlich, die Untersuchng, das ' Erfühlen' und auch die Theapie dauern lediglich wenige Minuten. Danach kommt man in der Regel ohne weitere Medikamente aus. Der Patient ist augenblicklich erleichtert. Und das ist die Krux: Es werden heute lehrbuchartig, auch aus forensischen Gründen, die Symtome abgearbeitet, die manuelle Untersuchung hat in der heutigen teuren Gerätemedizin ( diese müssen sich amortisieren ) keinen Stellenwer mehr , wird auch kaum noch gelehrt, ebenso eine ausführliche Anamneseerhebung (Befragung des Patienten). Im Übrigen werden Manualtherapeuten von gestandenen Medizinern gerne in die gefährliche Ecke gestellt, weniger wegen der Gefahr, sondern weil sie als ' Barfussmediziner' den aufgeblasenen und kostspieligen Medizinapparat durch ihr Tun in Frage stellen.
chalchiuhtlicue 13.08.2017
5. Und wieder ein typischer SPON-Fehler
Diclofenac ist zwar tatsächlich ein "nicht-steroidaler Entzündungshemmer", allerdings weder in den USA noch bei uns rezeptfrei erhältlich, anders als im Text angedeutet. Vielleicht sollten SPON-Schreiberlinge langsam mal anfangen, recherchieren zu lernen, bevor das Niveau von SPON noch unter das von BILD online fällt?
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